Deborah Feldman, 31, verbrachte den ersten Teil ihres Lebens in der Gemeinde der chassidischen Satmar im New Yorker Stadtteil Williamsburg. Foto: Mathias Bothorp

Interview mit Deborah Feldman "Ich nenne meine Sprache Deutschmerisch"

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Als Kind las sie heimlich im Kleiderschrank der Oma. Mit 17 wurde Deborah Feldman zwangsverheiratet – mitten in Brooklyn. Von ihrer Flucht nach Berlin und dem Finden des kleinen Glücks. Unser Blendle-Tipp.

Frau Feldman, Sie sind in einer extremistischen jüdischen Gemeinde aufgewachsen, bei den chassidischen Satmar in New York. Inzwischen wohnen Sie in Berlin-Kreuzberg. Was ist heute anders?

Mit 17 wurde ich an einen Mann verheiratet, den ich kaum kannte. Ab da war es meine Aufgabe, eine gute Balabusta, eine Meisterin des Haushalts, zu sein. Von einer Chassidin wird absolute Perfektion erwartet. Heute ist mir der Haushalt, wie Sie sehen, nicht besonders wichtig.

Schon als Kind wurden Sie darauf vorbereitet.

Morgens um acht bin ich in die religiöse Schule, man wollte uns Mädchen von der Straße fernhalten. Wir haben den Tag mit Gebeten und dem Lernen von Haushaltsvorschriften verbracht, mit Stricken, Kochen, Nähen. Dann wurde gepredigt, um unseren Charakter zu formen. Um 17 Uhr bin ich heimgekommen, habe meiner Großmutter in der Küche geholfen, Abendessen und ins Bett. Es gab wenig Aufregendes. Ich war einsam, weil ich Angst hatte, Freundschaften aufzubauen. Unsere Kultur ist Stasi-mäßig. Man berichtet übereinander, um den Respekt der Autoritäten zu gewinnen.

Sie haben sich in Bücher geflüchtet.

Wir haben nur Jiddisch gesprochen, Englisch war verboten, ich habe heimlich welche in der Bibliothek ausgeliehen und sie in einem Schrank hinter drei Reihen Mänteln meiner Großmutter versteckt. Dort habe ich mit einer Taschenlampe gelesen. Meine Erinnerung an die Kindheit: Im Dunkeln sitzen und von einer anderen Welt träumen.

Mit 22 haben Sie die „Sekte“, wie Sie sagen, verlassen, sich ziemlich allein durchgeschlagen und eine lebensgefährliche Eizellenspende auf sich genommen, um sich und Ihren Sohn zu ernähren. Warum haben Sie sich nicht an eine NGO wie „Footsteps“, die sich um aussteigende Chassiden kümmert, gewandt?

Ich habe Angst vor Organisationen! In mir hat sich die Überzeugung verfestigt, dass Gruppen nie gut funktionieren. Gerade haben sich sieben Frauen gemeldet und anonym ausgesagt, von Männern aus diesem Umfeld vergewaltigt worden zu sein.

Diese Männer sind auch Aussteiger.

Sie haben vielleicht die Repressionen der Gemeinschaft hinter sich gelassen, nicht aber ihre Überzeugungen. Bei den Satmar gibt es kein Konzept der Zustimmung, sobald man verheiratet ist, darf man mit seiner Frau alles tun, sie ist Eigentum. Die Aussteiger verstehen das als neue Freiheit: Jetzt dürfen sie nicht nur ihre Frau missbrauchen, sondern alle. Bei „Footsteps“ haben sich die Männer in die Machtstruktur eingearbeitet, sie begegnen dort Frauen, die besonders verletzlich sind. Ich bin damals zu ein paar Treffen gegangen, die Männer ermutigten uns zu trinken, zu kiffen, wollten uns zum Sex erpressen. Da ich nicht nachgab, wurden Gerüchte über mich verbreitet, ich hätte seltsame sexuelle Interessen, prostituiere mich, nähme Drogen. Sie bedienten sich der klischeehaften amerikanischen Vorwürfe gegen Frauen, wie sie in unserer Gemeinschaft noch genährt wurden.

Warum verlassen so viel mehr Männer die Sekte?

Die sind schon als Jugendliche freier, weniger überwacht als Frauen. Und weil sie kaum Bezug zu ihren Kindern haben, haben sie keine Angst vor einem Sorgerechtsstreit. Wir sprechen manchmal in Deutschland über Männer, die aus patriarchalischen Kulturen kommen und hier in der U-Bahn Frauen belästigen. Viele, ob in Berlin oder New York, wollen nicht wahrhaben, dass es dieses Problem gibt. Also leiden wir Frauen weiter, im Namen der Toleranz. Es ist nicht die Schuld der Männer, dass sie so erzogen worden sind. Aber wir schulden ihnen eine Ausbildung.

Aus Ihrem Bestseller „Unorthodox“ wissen wir, dass Frauen in Ihrer Gemeinde brutal unterdrückt werden. Sie müssen beispielsweise nach ihrer Menstruation, während der ihnen kein Mann auch nur die Hand reichen darf, dem Rabbi ihre Unterhosen zur Inspektion vorlegen. Gab es keine Solidarität unter Frauen und Mädchen?

In solchen Kulturen passiert das eher selten, weil die Frauen denken, wenn sie mit den Männern mitspielen, kriegen sie einen kleinen Bonus. Dafür betrügen sie schon mal eine andere Frau. Das sehen wir gespiegelt in der westlichen Gesellschaft, wo die Frauen einander bei der Arbeit hintergehen, weil sie im Innersten noch immer glauben, dass es für sie eine begrenzte Anzahl von Plätzen gibt.

Fühlen Sie eine Verbindung zu anderen unterdrückten Frauen?

Ich spüre oft Mitleid, wenn ich durch Neukölln laufe. Häufig glaube ich, eine Körpersprache zu erkennen oder einen Gesichtsausdruck. Wenn du dich in einer säkularen Gesellschaft mit Kopftuch – bei mir war’s Perücke – bewegen musst, weißt du gleichzeitig, dass du dafür verurteilt wirst.

Gibt es bei den Satmar überhaupt positive Fälle von Aussteigern?

Wenige. Alle, die ich kenne, haben sich radikal von der Sekte entfremdet, sind in die Außenwelt gesprungen. Sie versuchen, die Vergangenheit zu verstecken, geben sich neue Namen, erzählen niemandem, woher sie kommen. Sie schämen sich. Darum bringen sich viele um. Auch von den säkularen Juden werden sie nicht angenommen.

Wer hat Ihnen schließlich geholfen?

Meine Freunde im College, in das ich mich während meiner Ehe heimlich eingeschrieben hatte. Das waren nicht-religiöse, privilegierte Amerikaner, die langsam verstanden, aus welcher Situation ich entfliehen wollte und dann ihre Netzwerke nutzten. Ich habe fast alles in meinem Leben erreicht, weil ich die richtigen Menschen gekannt habe.

Nachdem Sie um die ganze Welt gereist sind, leben Sie heute in Berlin.

Ich merkte, dass ich keine Wurzeln hatte, in der Leere herumschwebte ...

Das vollständige Interview können Sie im digitalen Kiosk Blendle für 45 Cent lesen.

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