Der französische Schauspieler Vincent Lindon kann in seiner Heimat keine zehn Meter gehen, ohne erkannt zu werden. Foto: AFP
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Interview "Mann, Kevin!": So zieht Vincent Lindon über Kevin Spacey her

Marco Schmidt
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Schauspieler. "Nennen sich Künstler und bilden sich eine Menge darauf ein". Ob er anderen gefällt, ist Vincent Lindon, der gerade als Rodin auf der Kinoleinwand zu sehen ist, herzlich egal, sagte er - und redet sich in Rage.

Monsieur Lindon, was ist für Sie das Wichtigste bei der Schauspielerei?

Glaubwürdigkeit. Allein die kleinsten Gesten. Wenn ich einem Darsteller nicht glaube, verlasse ich sofort das Kino. Für mich ist es in meinem Beruf ganz entscheidend, nicht zu schauspielern. Ich kann nicht bloß so tun, als ob – ich muss eine Filmfigur wirklich verkörpern, sie durchdringen, eins werden mit ihr.

Sie haben unter anderem einen Maurer (in „Mademoiselle Chambon“), einen Bademeister (in „Welcome“) und einen Ladendetektiv (in „Der Wert des Menschen“) gespielt. Wie versuchen Sie, in diesen Berufen glaubwürdig zu wirken?

Ich habe immer schon sehr gern Menschen beobachtet. Es interessiert mich, wie jemand eine Zigarette hält, ein Stück Fleisch schneidet oder eine Kaffeetasse in die Hand nimmt, wie ein Bademeister am Beckenrand entlangläuft, ein Maurer seine Bierflasche öffnet oder ein Wachmann im Supermarkt in sein Funkgerät spricht. Solche Details bilden für mich die Essenz eines Charakters. Und wenn ich diese Bewegungsabläufe einmal gesehen habe, kann ich sie problemlos speichern, verinnerlichen und wieder abrufen.

Können Sie denn als Prominenter überhaupt noch ungehindert andere Leute beobachten?

In Frankreich kann ich keine zehn Meter gehen, ohne erkannt zu werden. Aber ich versuche trotzdem, mich ganz normal in der Öffentlichkeit zu bewegen: Ich habe keinen Leibwächter, keinen Assistenten und keinen Chauffeur; ich erledige alle meine Einkäufe selbst und bin mit dem Motorroller oder mit der Bahn unterwegs; ich trete in Kontakt mit Passanten, rede mit ihnen und beobachte sie dabei. Die meisten Begegnungen sind sehr nett. Probleme gibt es nur, wenn jemand mich mit seinem verfluchten Handy filmt, ohne um Erlaubnis zu fragen. Manche Leute haben jeglichen Anstand verloren. Seit Jahren führe ich einen Krieg gegen Smartphones. Sie sind für mich die Pest der Neuzeit.

Nun verkörpern Sie die Titelfigur im Historiendrama „Auguste Rodin“. Wie haben Sie sich dem berühmten Bildhauer genähert?

Ich habe viel über ihn gelesen und bin x-mal ins Pariser Rodin-Museum gepilgert. Vor allem jedoch habe ich in einem Kurs fünf Monate lang rund fünf Stunden täglich gelernt, wie man Skulpturen macht. Es war eine wunderbare Erfahrung: Bei der Bildhauerei konnte ich alles um mich herum vergessen. Ich stamme eigentlich aus einer Intellektuellenfamilie und hatte bislang nie richtig mit den Händen erarbeitet. Darum fand ich es großartig, dass ich nun als Rodin meine Hände dazu benutzen konnte, um etwas zu erschaffen.

Vincent Lindon

Vincent Lindon, 58, gilt in Frankreich als Frauenschwarm und Kinostar, der seit seiner jahrelangen Liaison mit Prinzessin Caroline von Monaco zu Beginn der 90er Jahre regelmäßig in den Klatschspalten auftaucht. Deutsche Cineasten kennen ihn als Charakterdarsteller aus Filmen wie „Welcome“ oder „Mademoiselle Chambon“. Obwohl er aus einer wohlhabenden Familie stammt, spielt er meist Vertreter der Arbeiterklasse – oft kernige Kerle mit einer verletzlichen Seite. Für seine Verkörperung eines arbeitslosen Familienvaters in „Der Wert des Menschen“ wurde er unter anderem in Cannes und bei der César-Verleihung 2016 als bester Darsteller ausgezeichnet. Ab 31. August ist er in der Titelrolle des Künstlerporträts „Auguste Rodin“ im Kino zu sehen. Er war zehn Jahre lang mit seiner Kollegin Sandrine Kiberlain verheiratet und hat zwei Kinder.
Zum Interview in München erscheint er morgens um 10.15 Uhr mit zerknittertem Gesicht, das so aussieht, als hätte er die Nacht durchgefeiert; seine Stimme klingt ganz schön angekratzt, insgesamt wirkt er ziemlich aufgekratzt: „Sorry für meine Verspätung, ich habe im Aufzug Nastassja Kinski getroffen, die konnte ich nicht so einfach stehen lassen.“ Die Bitten der charmanten Pressebetreuerin ignoriert er demonstrativ. „Ich lasse mir nicht vorschreiben, mit welchem Journalisten ich wie lange spreche!“ Und dann redet er sich mehr und mehr in Rage.

2015 gewann Lindon in Cannes die Palme als bester Schauspieler für "Der Wert des Menschen". Foto: imago/Haytham Pictures
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Tatsächlich zeigen minutenlange ungeschnittene Einstellungen im Film, wie Sie im Atelier werkeln.

Ja, es ist ein Film über den künstlerischen Schaffensprozess. Biopics interessieren mich nicht – das ist bloß abgefilmtes Wikipedia. Wir wollten Rodin bei der Arbeit zeigen; die handwerklichen Abläufe, die Zweifel, die Schmerzen. Oft sieht man ja Filme über Maler oder Pianisten, in denen mit wüsten Schnitten getrickst wird, sodass man instinktiv spürt, dass der Darsteller gar nicht malen oder Klavier spielen kann. Von mir aus dürfen Sie gern kritisieren, unser Rodin-Film sei zu lang oder zu dröge. Aber eines lasse ich mir nicht vorwerfen: dass ich in der Rolle unglaubwürdig oder nicht authentisch wäre. Sie sehen auf der Leinwand, wie ich als Bildhauer arbeite, in Echtzeit, ohne jede Schummelei. Und darauf bin ich stolz.

Planen Sie irgendwann eine Ausstellung mit den Werken, die Sie erschaffen haben?

Sicher nicht. Doch eine meiner Skulpturen steht jetzt tatsächlich am Eingang zum Musée Rodin in Paris. Sie stellt einen Fuß dar. Ich finde, es ist eine schöne Arbeit geworden.

Hat Izïa Higelin, die im Film Camille Claudel spielt, denselben Bildhauerei-Kurs besucht wie Sie?

Nein. Ich finde Izïa toll, sie agiert frisch und frei, sie ist Rock ’n’ Roll – und irrsinnig talentiert. Doch genau das ist ihr Problem. Wie viele Menschen, denen alles zufliegt und die sich nichts erarbeiten müssen, ist sie einfach eine stinkfaule Socke. Während ich zur Vorbereitung ganze fünf Monate lang geschuftet habe, hat sie sich bloß mal zwei Tage lang einige wenige Handgriffe zeigen lassen. Man könnte also durchaus sagen: Sie ist ziemlich clever, weil man als Zuschauer fast nicht merkt, dass sie nur so tut als ob. Man könnte aber auch feststellen: Die ganze verdammte Arbeit blieb an mir hängen.

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