Idil Baydar im Kostüm. Foto: Promop

Idil Baydar "Isch bin Kanake, was willst du?"

von Yasmin Polat und Norbert Thomma31 Kommentare

Die Tiraden ihrer Kunstfigur Jilet Ayse sind ein Netzhit. Kaum eine beherrscht den Slang der Straße so gut wie Idil Baydar. Wie ein Mädchen aus Celle so weit gekommen ist.

"Wegen einer wie dir wähle ich AfD"

Der Kabarettist Serdar Somuncu ist eines Ihrer Vorbilder, er drischt verbal auf sein Publikum ein, schreit „Fotze“ und „Muschi“, und wenn es zu langweilig wird schon mal: „Wollt ihr den totalen Krieg?“

Er macht sein Ding fantastisch, ich bin eben anders. Bei mir geht es auch ums Wohlfühlen.

Das klappt nicht immer. Wenn man sich die WDR-Sendung „Mitternachtsspitzen“ anschaut, da schwenkte die TV-Kamera über konsternierte Gesichter. Wenn Sie merken, die Leute können mit Ihnen nichts anfangen, was dann?

Nicht angenehm, ich schalte auf Notfallmodus und ziehe es durch. Ich kann ja nicht abbrechen und einfach gehen. Ich nehme etwas Schärfe raus. Oft ergibt sich doch noch ein schöner Abend. Aber bitte, meine Vorstellung ist ein Angebot, das darf ein Publikum auch mal ablehnen.

Sie sagten mal, ans Thema NSU-Morde würden Sie sich nicht wagen.

Zu der Zeit hatte ich zu wenig Wissen darüber, ich war mir nicht sicher genug.

Vor einem Jahr bekamen Sie in Stuttgart den Kabarettpreis „Goldener Besen“ verliehen. Da klangen Sie dann so: „Integration ist gescheitert, wenn wir Kanaken Steuern zahlen. Mit dem Geld unterstützt man den Verfassungsschutz, und der baut NSU und Nazistaat auf und bringt uns um.“ Da hat sich etwas geändert.

Ich hatte inzwischen viel darüber recherchiert und gelesen, auch das Buch „Heimatschutz“ von Stefan Aust. Geschredderte Akten, auf seltsame Weise verstorbene Zeugen, Schlampereien beim Ermitteln … Jetzt kann ich auf der Bühne zum Thema Integration sagen: „Seit NSU gibt es keine Bringschuld mehr, nun sind wir auf Augenhöhe.“

Linke teilen die Menschheit in arm und reich, Feministinnen in Männer und Frauen, Ihre Bühnenfigur Jilet Ayse unterscheidet „Kartoffeln“ und „Kanaken“. Wann sind Ihnen die beiden Begriffe das erste Mal begegnet?

Die Kartoffel kam so Ende der 90er, Kanake schon früh. Es ist dasselbe Phänomen wie mit dem Wort „Nigger“. Wenn du das Wort für dich selbst benutzt, entreißt du anderen die Macht, dir damit wehzutun und dich abzuwerten. Isch bin Kanake, was willst du?

Kritiker werfen Ihnen „Selbstkanakisierung“ vor. Es würden weniger gebildete Menschen türkischer und arabischer Herkunft verspottet und ausgebeutet.

Es kommt aus den verschiedensten Ecken Kritik, es schreiben auch welche unter meine Videos: Wegen einer wie dir wähle ich AfD.

Sie kultivieren als Jilet die Sprache der Jugendlichen aus Neukölln und Kreuzberg. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu hat die als „Kanak Sprak“ bekannt gemacht. Als Niedersächsin mussten Sie die sicher erst erlernen.

Wir sind nach Berlin gezogen, da war ich 15, und mit 17 bin ich nach Kreuzberg. Später, da war ich schon gut 30, hat man mich in Maßnahmen gesteckt, damit ich aus der Hartz-IV-Statistik verschwinde. Integrationsbegleitung an einer Kreuzberger Grundschule, so nach dem Motto: Die hat Abitur, die passt da hin, die soll dem Ali mal sagen, er soll sich hinsetzen und die Klappe halten.

Das haben Sie gemacht.

Nö. Das Schulsystem ist eine Katastrophe. Ich hatte mal eine Klasse, zu 100 Prozent türkisch-arabisch. Kein deutsches Kind. Da haben manche Eltern gemeint, mein Kind kommt türkischer heraus, als ich es in die Schule geschickt habe. Ein kleines Mädchen sagt mir: „Ich geh bei Hof.“ Ich sagte, du weiß doch, wie das heißt? „Ja, ich gehe in den Hof, aber das ist doch egal.“ Zieh dich nicht zurück, du musst offen bleiben, war mein Rat.

Die deutsche Sprache, da sind sich fast alle einig, öffnet den Zugang in die Gesellschaft.

Unsinn. In der Community bekommt man besseren Zugang mit Kiezdeutsch, und ich kenne Jungs, die sind reich geworden, weil sie hervorragende Verkäufer sind oder Geschäftsleute. Außerdem ist diese Sprache sehr kreativ, mich hat das fasziniert. Wenn man am Telefon nicht mehr weiterreden will, sagt man: „Isch leg in dein Gesicht auf.“ Oder wenn man sagen würde, verhalten Sie sich bitte angemessen, heißt das: „Übertreib nischt deine Rolle.“ Ah, eine Rolle! Das ist nicht doof, das ist hochintelligent, wie sie die Muttersprache eins zu eins ins Deutsche übersetzen. Da entstehen interessante Bilder. Apropos Sprache und Identität, da habe ich eine spannende Erfahrung gemacht.