In dem Siebengeschosser stehen insgesamt 144 Zimmer zur Verfügung. Foto: Capri by Fraser
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Hotelkolumne: In fremden Federn Zehn Minuten nach Babylon

Joshua Kocher
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Vor sechs Monaten öffnete das Capri-Hotel in Berlin-Mitte. Von hier führt ein kurzer Weg tausende Jahre zurück ins alte Ägypten.

Es sind 15 Brücken, die Babylon mit Berlin-Mitte verbinden. Vom alten Ischtar-Tor im Pergamon-Museum auf der Museumsinsel zum Alexanderplatz sind es nur wenige Minuten zu Fuß. Auf der einen Seite gibt es alte Steine, auf der anderen Primark und Currywurst.

Umschlungen von dunklen Spreekanälen, die sich an das ummauerte Fundament des Eilands schmiegen, ruht Berlins langweiligster und spannendster Ort zugleich. 6000 Jahre Kunstgeschichte auf engstem Raum.

Mittags Trubel neben dem Glaskasten der Nofretete, abends gespenstische Stille auf den breiten Straßen. Dom, Altes und Neues Museum, Bodemuseum, Alte Nationalgalerie. Allesamt pompös, erhaben und Uneso-geschützt. Dazwischen breite Teerstraßen, auch wenn Pflaster angemessener wäre, alles grau oder sandsteinfarben.

Von der prächtigen Prozessionsstraße im Pergamonmuseum direkt auf die kahle Bodestraße an der Rückwand des Alten Museums. Am Rand plötzlich nur noch Straßenlaternen statt steinerner Löwenstatuen. Doch auch hier draußen hat die Vergangenheit an der Fassade sichtbare Spuren hinterlassen. Alles wirkt wie aus der Zeit gefallen, und selbst was neu hinzukommt, soll alt wirken. Egal ob Stadtschloss oder Hotelkomplex.

Außen: futuristisch, innen: mit Blick ins Mittelalter

Das Capri-Hotel an der Gertraudenstraße wurde im Mai dieses Jahres eröffnet. Außen: futuristische, gläserne Fassade, innen sind unter einer Glasplatte die Fundamente alter Kellergewölbe des ehemaligen Rathaus Cöllns zu sehen. Darüber 144 Zimmer. Es riecht nach frisch verlegtem Laminat. Abends, im sechsten Stock des Hotels, zehn Minuten Fußweg von der Antike entfernt, ziehen tausende vorbeifahrende Autos auf der B1 Leuchtfäden durch den seidenen Vorhang.

Am Morgen, Croissant zwischen den Zähnen, ein kurzer Marsch tausende Jahre zurück ins alte Ägypten. Der Weg vom unteren Teil der Insel in den oberen, hin zu den Museen, führt derzeit unausweichlich über das Festland. Das dicke Stahlgerüst um das Stadtschloss in spe trennt Alt von Neu, Leipziger Straße von Unter den Linden, triste Hotelbauten von prunkvollen Kunsthäusern. Es soll, wie alles hier, neu werden. Einen deutschen Louvre verspricht der „Masterplan Museumsinsel“ bis 2025.

Schlaftrunken durch die Leichenkisten im Keller des Neuen Museums taumeln, die steile Treppe hoch, staunen über die unglaublich hohe Decke, selbst museumsreife Wandverzierungen und 40 000 Jahre alte Menschenknochen. Danach raus auf die Straße, über die Brücke und zurück in die Gegenwart.

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