Blick aufs Stadtzentrum von Mekka mit der Moschee und dem Hochhausensemble. In dessen Mitte: Der "Clock Tower". Foto: SL Raschp

Heilige Stadt MekkaAllahs Architekt

von Björn Rosen0 Kommentare

Gerade ist für Muslime der Pilgermonat, da besuchen Millionen das heilige Mekka. Nichtmuslime dürfen die Stadt nie betreten. Ein Deutscher errichtet dort spektakuläre Bauten. Hier erzählt Bodo Rasch von seinem Mekka.

Was Bodo Rasch beim Haddsch am meisten beeindruckte

Himmlisch. Bauarbeiter auf einem Teil des von SL Rasch entworfenen Halbmonds, der auf dem „Clock Tower“ thront. Foto: SL Raschp

Anfang der 70er Jahre gab es bei jedem Haddsch schon um die zwei Millionen Pilger. Diese enormen Zahlen sind mit dem Flugverkehr entstanden. Früher dauerte eine Pilgerreise mehrere Jahre, und ein Pilger war danach ein weiser Mann. Heute fliegen Sie hin, bleiben eine oder zwei Wochen und fliegen wieder nach Hause.

Die Zeitrechnung folgt im Islam dem Mondkalender. Der Haddsch findet im letzten der zwölf Mond-Monate statt. Am siebten Tag dieses Monats gehen die meisten Pilger nach Mina, das ist eine Zeltstadt etwa sechs Kilometer im Osten von Mekka. Von dort bricht man anschließend nach Arafat auf – ein offenes, flaches Tal etwa zwölf Kilometer östlich, wo sich eine zweite Zeltstadt befindet.

Der wichtigste Teil der Wallfahrt ist der neunte Tag, und am Abend, genau mit Sonnenuntergang, setzt sich die Masse der Pilger wieder Richtung Mina in Bewegung. Etwa die Hälfte geht zu Fuß, die anderen sitzen in tausenden Bussen und Autos. Fahrzeuge und Fußgänger sollten radikal getrennt werden, heute ist es immer noch gemischt, ein unbeschreibliches Chaos. Die, die zu Fuß gehen, sind in zwei Stunden am Ziel, die im Bus brauchen 20. Wegen der Staus. Es ist ein ungeheuer großer Strom an Menschen.

Am zehnten Tag, dem Tag des Opferfestes, findet in Mina die symbolische Steinigung des Teufels statt. Es gibt drei Stelen, auf die mit Kieselsteinchen geworfen wird. Da wollen Millionen von Pilgern vorbei, und es gibt natürlich Gedränge. An dieser Stelle wurden früher oft Leute zu Tode gedrückt. Heute sind die Stelen von einem Bauwerk mit vier Geschossen umgeben, auf die die Pilger verteilt werden. Dadurch wurde dieses Problem erst mal gelöst.

Nach der Steinigung bringt man ein Schlachtopfer. Auch das ist ein infrastrukturelles Problem. Für Millionen Pilger braucht es Millionen Tiere, meist Schafe. Oft wird das Fleisch danach eingefroren und in arme Länder verschickt.

Zum Abschluss müssen Sie in der Moschee in Mekka die Kaaba, das quaderförmige Gebäude, in dem der schwarze Stein eingelassen ist, sieben Mal umrunden. Anschließend werden die Pilgergewänder abgelegt und die Festkleider angezogen. Auch ich trage dann einen Thawb, das weiße Gewand arabischer Männer.

Am Haddsch hat mich am meisten das Zusammengehörigkeitsgefühl der gesamten Menschheit beeindruckt. Da finden Sie einen hohen Staatsdiener neben den armen Leuten aus seinem Land, alle in den gleichen weißen Pilgergewändern. Sie sehen Menschen von überallher und hören hunderte Sprachen. Arabisch und Englisch, aber auch Hindi, Persisch, Türkisch, Bahasa, Wolof, Igbo … Ich erinnere mich an eine fröhliche Szene. An dem mehr als fünf Meter tiefen Flussbett, dem Wadi Arafat, gibt es auf beiden Seiten eine betonierte Böschung, 45 Grad, zehn Meter lang. Zwar existieren zwei Brücken für Fussgänger, aber die reichen bei Weitem nicht aus. Also müssen Sie auf der einen Seite runterrutschen und auf der anderen wieder hochklettern. Insbesondere für ältere Menschen ist das schwierig. Die Art, wie sich die Pilger dabei gegenseitig helfen, das ist erhebend.

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Kurze Unterbrechung. Rasch muss ans Telefon, nicht zum letzten Mal während unseres Gesprächs. Und der nächste Termin wartet schon. Zwei Mal wurde das Interview abgesagt, weil der Architekt kurzfristig verreisen musste. Mehr als 200 Menschen arbeiten in seiner Firma, die meisten in den Büros am Keßlerweg, nahe dem Wispelwald. Auch zwei von Raschs Söhnen, Achmed und Mustafa. Wenn man dort durch die Gänge läuft, schaut man in Gesichter aus aller Welt, die Mitarbeiter kommen aus mindestens 20 Ländern. Architekten, Ingenieure, Informatiker, Designer ...

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Ich bin mittlerweile oft in Mekka gewesen, sieben Mal habe ich den Haddsch mitgemacht. Außerhalb der Pilgerzeit ist es eine normale Stadt, mit Schulen, Geschäften, Krankenhäusern. Industrie gibt es nur wenig, und auf irgendeine Weise leben alle der etwa zwei Millionen Einwohner von den Pilgern. Viele Mekkaner hatten früher Wohnungen in der Innenstadt, mittlerweile haben sie sich in die Außenbezirke verzogen. Da bauen sie ihre Häuser, in jedem erdenklichen Stil.