An Halloween klingeln kleine Geister an den Türen, doch sonst bleibt es meist stumm in Häusern. Foto: imago/Mint Images
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Halloween Wie die Türklingel auszusterben droht

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Man hört es nur noch selten an der Tür läuten. Es sei denn zu Halloween. Ein Problem für Vertreter, Zeugen Jehovas – und uns alle.

Der Gruselabend beginnt mit einem Klingeln. „Süßes, sonst gibt’s Saures.“ Da steht ein kleiner Vampir auf der Türschwelle und fordert etwas zum Naschen. Wer keine Leckerei parat hat, bekommt einen Streich gespielt. So lautet die Regel des amerikanischen Halloween-Brauchs, der in den 90er Jahren auch Deutschland erreichte. Am 31. Oktober ist es wieder soweit. Aber wer macht eigentlich noch auf?

Einer Umfrage zufolge stellen sich 25 Prozent der Deutschen taub, wenn es läutet. Nicht nur die Halloween-Kids haben dieses Problem. Türklingelmuffel gibt es das ganze Jahr. Und das hat Konsequenzen.

Ein Geräusch stirbt aus. Doch nicht nur der Ton gerät in Vergessenheit. Wenn die Klingel stumm bleibt, verbleichen mit ihr all die Gefühle, die ihr Läuten hervorruft. Das kurze Zusammenzucken, wenn die Glocke einen erschreckt. Das Kribbeln, das kurz danach einsetzt, weil sich freudige Aufregung über einen unbekannten Besucher breitmacht. Man kennt das aus Kindertagen. Mit dem Geräusch verschwinden Überraschungsvisiten, spontane Nachbarschaftshilfen und ganze Berufsgruppen.

Eine Brücke zwischen Privatem und Fremden

Die Klingel ist eine Bitte um Einlass. „Der despotische Schrecken der Klingel, der über der Wohnung waltet, hat seine Kraft aus dem Zauber der Schwelle. (…) Gellend schickt sich etwas an, die Schwelle zu überschreiten“, schreibt Walter Benjamin in „Das Passagenwerk“. Für den kurzen Moment des Bimmelns verbindet die Glocke Innen und Außen, schafft eine Brücke zwischen Privatem und Fremdem. Das Läuten signalisiert ein Anliegen und ist damit das einfachste Mittel der Kommunikation.

Ding Dong. Das Klingeln unterbricht Herr Blümels Präsentation. Der Weinvertreter hatte in Loriots „Weihnachten bei den Hoppenstedts“ gerade angefangen, die Geschmacksvorzüge seiner „Oberföhringer Vogelspinne“ zu erklären, da betritt Staubsaugervertreter Jürgens das Wohnzimmer, um das neueste Modell des Saugblasers Heinzelmann zu präsentieren. „Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann.“ Dieses ganz besondere Gerät soll nicht nur den Boden reinigen, sondern gleichzeitig dem Saugenden die Haare trocknen. Während Herr Jürgens an der Bedienung des Gerätes scheitert, tönt es wieder: Ding Dong. Versicherungsvertreter Schober gesellt sich zu seinen Kollegen.

Das Revival der Verkaufspartys

Innerhalb weniger Minuten versammelt sich eine Gruppe Handelsvertreter in Frau Hoppenstedts Wohnzimmer. Heute ist die ganze Berufsgruppe vom Aussterben bedroht. Die wohl bekanntesten unter ihnen – die Staubsaugervertreter der Firma Vorwerk – ziehen seit 2010 nicht mehr von Tür zu Tür. Ihre Touren waren zeitaufwendig und nicht besonders effizient. Rund 70-mal mussten die Vertreter klingeln, bis ihnen jemand öffnete. Deswegen hat Vorwerk die sogenannte Kaltakquise abgeschafft. Heute kann sich jeder einen Staubsaugervertreter nach Hause bestellen. 80 Prozent seines Umsatzes macht das Unternehmen nun mit solchen Kundenberatern.

Inzwischen gibt es Partys, auf denen sie mehreren Kunden gleichzeitig ihre Produkte präsentieren. Rund 17 Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich bei Verkaufsgesprächen in ihren Wohnzimmern aus. Tupper-Partys erleben ein Revival. Thermomix-Repräsentanten werkeln in den Küchen ihrer Kunden. Sogar Vertreter für Sexspielzeug können eingeladen werden.

Nur noch selten fordert ein Unbekannter an der Haustür Einlass. Die GEZler, die sich einst in Fluren herumdrückten, um die Rundfunkgebühren einzutreiben, sind abgeschafft. Ihr Klingeln ließ Studenten den Atem anhalten. Niemand zu Hause. Der Paketbote, der die aktuelle Amazon-Bestellung liefert, lässt sich auf den Tag, manchmal auf die Minute genau verfolgen. Wird kein Paket erwartet, bleibt die Türe zu. Der Konzern will nun sogar testen, seinen Boten die Wohnungsschlüssel seiner Kunden zu geben. Klingeln überflüssig.

Den Zeugen Jehovas macht keiner mehr auf

Jehovas Zeugen sind bekannt dafür, auf der Schwelle zum Privaten neue Mitglieder gewinnen zu wollen. Es läutet. „Wir möchten Ihnen die frohe Botschaft Jehovas nahebringen!“ Missionsarbeit ist in der Religionsgemeinschaft Pflicht. Im Durchschnitt verbringen die Zeugen 20 Stunden im Monat damit, anderen ihren Glauben näherzubringen. Auch sie merken, dass kaum einer noch die Tür öffnet. Die Leute, heißt es bei der Pressestelle, seien heute viel unterwegs.

Seit den 50er Jahren gibt es in Europa immer mehr Berufstätige. 1950 gingen in Westdeutschland noch 19,6 Millionen Menschen arbeiten, bis 1990 stieg die Zahl der Erwerbstätigen über 50 Prozent auf 30,4 Millionen an. Im August 2017 waren 44,28 Millionen erwerbstätig.

Ob jemand öffnet, komme auf die Uhrzeit an, sagen sie bei den Zeugen Jehovas. Am Wochenende seien die Bewohner durchaus anzutreffen. Kürzlich gab es Gerüchte, dass die Glaubensgemeinschaft ihre Missionsarbeit von den Fluren nur noch auf öffentliche Plätze verlegen wird, um so mehr Menschen zu erreichen – „Metropolitan Public Witnessing“ nennt sich das – städtisches, öffentliches Missionieren. Bestätigen wollte das keiner. „Wir machen beides.“

Klingelbretter schaffen Ordnung

Wer genau die Klingel erfunden hat, lässt sich nicht sagen. Anfang des 19. Jahrhunderts experimentierten Wissenschaftler mit Elektromagnetismus. Eine der ersten installierte der Physiker Joseph Henry 1832 in Albany, New York. Das Besondere an der neuen Technik war, dass sie ohne Kraftaufwand ein Signal auslöste. Drückt man auf den Knopf, fließt Strom durch eine Spule, die um einen Eisenkern gewickelt ist. So wird die Spule zum Magneten und zieht einen Klöppel an, der dann auf eine Glocke schlägt.

Im Gegensatz zum mechanischen Läuten oder den Türklopfern mussten keine Seile oder Schlägel in Bewegung versetzt werden. Das Geräusch erfolgte unmittelbar. Später, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, bekam die neue Erfindung noch eine weitere Bedeutung. Die Klingelbretter an den Hoftüren der Mietshäuser brachten erstmals Ordnung ins Labyrinth Vorderhaus, Hinterhaus und Seitenflügel. Sie wurden zum Wegweiser für Besucher. Wollte man eine bestimmte Person besuchen, drückte man den entsprechenden Knopf. Auf einmal wurde kontrollierbar, wer das Wohnhaus betrat.

Ein Gefühl stirbt aus

Heute stehen die Besucher oft rätselnd vor den langen Listen am Klingelschild. Wie heißt der Freund noch einmal mit Nachnamen? Seit sich alle nur beim Vornamen nennen – „First-name-Basis“ –, weiß niemand mehr, wo schellen. Kein Problem, das Handy ist ja da, Anruf genügt. „Ich steh unten, machst du auf?“ Und wann ist eigentlich das letzte Mal ein Freund spontan vorbeigekommen?

Die Türklingel war der Anfang der digitalen Technik in privaten Räumen, ein erster Schritt zur Digitalisierung der Haushalte. Knapp 200 Jahre später ist das Gerät vom Aussterben bedroht – verdrängt von den eigenen digitalen Nachkommen.

Es bleiben die Erinnerungen an das Gefühl, das die Technik auslöste. Die beschreibt der Lyriker Wolfgang Bächler Ende der 1950er Jahre in seiner Ballade „Die Türklingel“:

„Manchmal habe ich wieder die Klingel

der Kindheitswohnung im Ohr

den schrillen, stechenden Ton, der uns weckte im Spiel.

Wir schlichen auf Zehenspitzen zur Tür

voll banger Erwartung, von Neugier gestachelt

Angst zerbeißend

im Flurwind von Ahnung und Hoffnung getroffen:

Vielleicht kommt das Neue, Unbekannte,

und doch schon dunkel Gewußte und heller Geträumte

das, „was wir suchen und was uns wieder sucht“

vielleicht steht die neue Zeit auf der Schwelle

ruft uns die Welt vor die Tür?“

Es klingelt häufig bei Bächlers Lyrischem Ich. Die Großmutter, das Nachbarskind, der Briefträger, der Onkel, der Gasmann, der Drehorgelmann, Hausierer, Bettler, Mietenkassierer, Zeitungsverkäufer, Freunde.

Weil es heute nicht mehr läutet, fehlt nicht nur das Geräusch – es bleibt einsam in den Häusern und Wohnungen der Menschen. Wenn doch nur ein Fremder käme, auf einen kurzen Plausch! Und sei’s ein Geist!

Ding Dong. Besser öffnen. Sollte die Bitte um Einlass der Vampire, Hexen und Kürbisfratzen nicht erhört werden, könnte die Klingel heiß laufen. Klingelstreich.

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