Akropolis. Deutsche Soldaten beim Hissen einer Hakenkreuz-Flagge. Foto: Bundesarchiv, T. Scheererp

Griechenlands jüngste GeschichteDer Mann, der die Hakenkreuzflagge stahl

Von Erwin Koch0 Kommentare

Er wurde zum Helden, weil er im Zweiten Weltkrieg die Fahne der Nazis von der Akropolis holte. Manolis Glezos war Partisan, zum Tode verurteilt, Abgeordneter in Straßburg: An seinem Leben erklärt sich Griechenlands jüngere Geschichte.

Gott gibt es nicht

Manolis Glezos wurde am 9. September 1922 in Aperathos auf Naxos geboren. Foto: Wassilis Aswestopoulosp

Gauck, ein anständiger Mann

Manolis, man sagt, der Diebstahl der Fahne erst habe den Widerstand der Griechen entfacht?

Nicht nur der Griechen, sagt Manolis, sondern aller Völker, die unter Hitler litten, und übrigens, als der deutsche Präsident hier war, der Gauck, im März 2014, und um Verzeihung bat für all das, was die Nazis uns angetan hatten, da fragte ich ihn, Herr Präsident, hatte Deutschland, als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, mehr Einwohner als vor dem Krieg?, antworte mir ehrlich.

Er schwieg.

Herr Präsident Gauck, als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, hatte Deutschland dann mehr Einwohner als noch vor dem Krieg?

Er schwieg.

Und ich sagte, nach dem Krieg hattet ihr mehr Einwohner als davor, auch Frankreich hatte mehr, die Sowjetunion. Das einzige Land in Europa, das nach dem Krieg weniger Leute hatte als vor dem Krieg, ist Griechenland, so viele sind gestorben, verhungert, so viele wurden erschossen, verschleppt, an Bäume gehängt, 1 106 922 Menschen, es gibt keine Familie in diesem Land, die niemanden verlor durch deutsche Hand, vergiss das nie.

Und Gauck, ein anständiger Mann, nickte.

Als ihre Fahne verschwunden war, sprachen die Nazis über die Täter, wer immer sie waren, das Todesurteil, damit hatte ich gerechnet, denn wir, Apostolos und ich, waren uns bewusst, dass das, was wir taten, einmalig war, ein historischer Augenblick, der Diebstahl der deutschen Fahne war mein erster Akt des Widerstandes.

Die Sekretärin, Reifen und Bänder an beiden Händen, setzt ihm einen Teller vor, darauf eine Banane, sie finde die Studie nicht.

Welche Studie?

Dass man am Tag nur eine Sekunde zu arbeiten bräuchte.

Die ist aber erst zehn Jahre alt, sagt Manolis und schiebt den Teller weg.

Deine schönste Kindheitserinnerung?

Er lacht und bleckt die Zähne, hält sich mit beiden Händen an der Kante des Tischs.

Dass ich den Polizisten in unserem Dorf, den alle hassten, mit einem Stein bewarf, und dass der Stein sein Bein traf, und dass ich, als der Gendarm mich verfolgte, schneller war als er.

Griechische Kollaborateure hielten ihn monatelang gefangen

Die Mutter gebar zwei weitere Kinder, ein Mädchen, einen Knaben, Manolis hielt, wenn Mama ausholte, die Hände hin und grinste. Als er zwölf war, schrieb er Gott einen Brief, wer bist du überhaupt, dass du Kinder sterben lässt? 1935 zog die Familie nach Athen, der Stiefvater, mit einem Stipendium bedacht, reiste nach Deutschland und Frankreich, ließ seine Frau in Metaxourgio, dem ärmlichen Norden der Stadt.

An Samstagen, während der Ferien arbeitete Manolis, nun Gymnasiast, beim bekannten Apotheker Bakakos im Labor, Platia Omonia, dort kam ich, lacht er laut, mit Chemikalien in Kontakt, die mir später dienlich waren, ich erzähle dir nun eine Geschichte, die noch keiner kennt, am 7. Februar 1944, ich war unterwegs an der Platia Elefteria, verhafteten mich griechische Kollaborateure und hielten mich gefangen, siebeneinhalb Monate, sie fesselten mich an ein Bett, schlugen mit Stöcken auf meine Beine, damals wusste noch niemand, dass ich der Fahnendieb war, und irgendwann brachten sie mich ins Gefängnis von Syngrou, 800 Kriminelle waren dort, Betrüger, Schelme, Verbrecher, und ab und zu kamen Deutsche, sie sagten, wer freiwillig bei der Waffen-SS mitmache, dem werde die Strafe erlassen, ich aber schrie die Leute an, ihr seid keine Griechen, ihr seid, wenn ihr den Nazis zur Hand geht, Verräter an unserem Volk, und schließlich verschworen sich die Gefangenen gegen ihre Wärter, aber was will ich dir erzählen?

Ich glaube an das Gute im Menschen - und an das Schlechte

Wahrscheinlich, sagt die Rote, die Geschichte von den Säuren.

Jedes Gefängnis hat ein Loch, irgendwo und irgendwie, also habe er, Manolis, sich Chemikalien bringen lassen, geeignet, Metall aufzulösen, Säuren, aus dem Wachs einer Kerze bastelte ich kleine Kelche, knetete sie an die Stäbe des Fensters, goss die Säuren hinein, bis das Metall eines Tages dünn und brüchig war, doch als er begonnen habe, das Gitter aus dem Stein zu drücken, sei ein anderer in Panik geraten und habe geschrien, Wächter kamen gerannt, Einzelhaft der vierten Klasse, also in Ketten und ohne Licht, von oben tropfen dir ständig Pisse und Scheiße auf den Kopf, doch schließlich, weil alle Gefangenen lärmten, brachte man mich zurück in eine Zelle, und Monate später, am 21. September 1944, tat ich so, als platzte mir der Darm, ich schrie vor Schmerz, wand mich, sie riefen ein Taxi und luden mich hinein, zwei Wärter vorn, zwei hinten, ich in ihrer Mitte, die Fahrt zum Krankenhaus, doch auf der Brücke über den Ilissos, wie abgemacht, stehen plötzlich Kameraden der ELAS, Ethnikos Laikos Apelevtherotikos Stratos, der Volksbefreiungsarmee, deren Teil ich war, sie reißen die Türen auf, den Wärtern, links und rechts, schlage ich die Ellenbogen ins Gesicht, dann rennen wir los, verschwinden in der Nacht – was willst du wissen?

Ja, ich glaube an das Gute im Menschen. Und an das Schlechte.

Nein, Verzweiflung kannte ich nie, Verzweiflung kenne ich nicht.

Gibt es Gott?

Nein.

Am 27. April 1941 wehte das Hakenkreuz auf der Akropolis

Irgendwann, 1939, Manolis Glezos war 17, saß ein Knabe aus Rhodos in der Klasse und erzählte, italienische Soldaten hielten seine Insel besetzt, seit Jahrzehnten bereits, und würden verbieten, in der Schule griechisch zu sprechen. Manolis sammelte vier Freunde, zu fünft beschlossen sie die Befreiung der Inseln, unterschrieben den Schwur mit ihrem Blut. Mussolinis Truppen griffen das griechische Festland an, 1940, Manolis wollte zur Armee, war zu jung, als Grieche und Patriot, sagt Manolis, habe er sich, noch nicht einmal 20, dem Finanzministerium verdingt, um dort die Arbeit eines Beamten zu tun, der nun, im Krieg gegen Italien, unter Waffen stand, Steuereintreiber sei er gewesen, so hartnäckig und erfolgreich, dass man ihn im Amt behalten wollte, aber ein Diener des Staates, mein Gott, das wollte ich nie sein.

Die Griechen drängten die Italiener endlich nach Albanien zurück, Deutschland, mit Italien im Bund, kam zu Hilfe, am Abend des 27. April 1941 wehte das Hakenkreuz auf der Akropolis.

Drei Nächte später, ausgerüstet mit Laterne und Messer, zwängten sich Manolis Glezos und Apostolos Santas in eine enge steile Höhle, die zur Akropolis führt, zogen lautlos die deutsche Flagge ein, drückten sich wieder in den Schacht, zerschnitten das Tuch und steckten die Teile unters Hemd, gingen dann, falls die Deutschen Hunde auf ihre Spur ansetzten, durch die Odos Ermou, die tagsüber von Tausenden begangen wird, aber hinter der kleinen Kirche Kapnikarea steht ein Polizist, wer seid ihr?, woher kommt ihr?, ich sage, wir waren an einem Fest, der Polizist fragt, warum sind eure Kleider so schmutzig?, ich sage, weil wir gerannt und gestürzt sind, der Polizist verlangt unsere Ausweise, ich habe keinen, nenne ihm meinen Namen, er lässt uns gehen, und viele Jahre später, abgedruckt in einem Magazin der Polizei, sagte genau dieser Polizist, er habe, als am 31. Mai 1941 auf der Akropolis keine Nazifahne mehr zu sehen gewesen sei, nie daran gezweifelt, die Diebe zu kennen, doch verraten habe er sie nie –