Freiheit und Salat. Ein Mann sorgt in der Kolonie Monte Verità nahe des schweizerischen Ascona für sich und seine Gemeinschaft (1907). Foto: Ullstein Bild
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Geschichte der Lebensreformbewegung Sich frei machen, um frei zu leben

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Ihren Anführer verspottete man als Kohlrabijünger und Barfußprophet: Auf dem Monte Verità begann um 1900 die Lebensreformbewegung. Heute feiern ihre Ideen eine Renaissance.

Das Misstrauen gegenüber der Moderne ist so alt wie die Moderne selbst. Denn der Fortschritt hat zwar die Dampflok, den Kühlschrank und das elektrische Licht in die Welt gebracht, doch dem nun bequemer gewordenen Leben einen Sinn zu geben, das vermochte er nicht. Das 19. Jahrhundert, die Ära von Schienen, Industrialisierung und Armutsmigration, verwandelte die Welt und ersetzte die alte ständische Ordnung durch eine moderne Massenkultur. Zurück blieb spirituelle Leere.

„Das dreißigste Jahr, in dem ich stehe, hat mir eine heftige Krise gebracht, zunächst körperlich mit Kranksein, Kur und langsamer Heilung, dann aber auch innerlich“, resümiert Hermann Hesse im Juli 1907 in einem Brief an den Literaturkritiker Josef Victor Widmann. Beschäftigt war der Schriftsteller zu dieser Zeit neben der Sinnsuche noch mit etwas anderem, er baute für sich und seine Familie ein imposantes Wohnhaus im Dörfchen Gaienhofen am Bodensee, finanziert mit den Tantiemen für seinen Entwicklungsroman „Peter Camenzind“, der zum Bestseller geworden war, und einem Darlehen des Schwiegervaters.

Hesse, der einen Selbstmordversuch als Jugendlicher mit anschließender Einweisung in eine Nervenheilanstalt hinter sich hatte, war der Sprung vom Schulabbrecher und Bohemien zum Wohlstandsbürger beinahe anstrengungslos gelungen. Aber kleiner wurden seine Verzweiflung und sein Weltverdruss deshalb nicht. „Bei mir fing es mit dem Gemüt an, der Kopf kam erst später dran“, schrieb er dem Schriftsteller Jakob Schaffner. „Doch war es immer dasselbe Leid und dieselbe vage Ungewissheit, und immer kam es gerade, wenn es mir auf der Außenseite recht wohl ging.“ Dem Schriftsteller, der von rebellischem Furor getrieben war, behagten weder der beginnende Ruhm noch das Eingezwängtsein in bürgerliche Konventionen. Die Aufspaltung in eine Außen- und eine Innenseite muss ihn geschmerzt haben. Er sah sich als Opfer der Zivilisation.

Hesse hatte sich Heilung erhofft

Ein Foto zeigt Hermann Hesse als Rückenakt auf einem steil aufragenden Felsen. Sein linker Arm stützt sich lässig in der Hüfte auf, mit dem anderen hält der Dichter sich an einem Vorsprung fest. Den Blick heroisch ins Tal gerichtet. Die Insignien der modernen Welt hat er hinter sich gelassen, um sich frei und nackt zu präsentieren, nicht einmal die obligatorische Nickelbrille bedeckt den sonnengegerbten Körper. Nietzsche hatte in der Moral- und Modernekritik seines Buches „Jenseits von Gut und Böse“ den „homo natura“ zum Vorbild ausgerufen, ein Ideal, dem die jugendliche Avantgarde der Lebensreformbewegung gern folgte. Doch der Nacktkletterer Hesse mit dem spillerigen Körper eines Schreibtischsitzers wirkt in der Rolle des Bergeroberers und Übermenschen fehlbesetzt.

Heilung von seiner Krise hatte sich der Fortschrittsskeptiker auf dem Monte Verità im Schweizer Kanton Tessin erhofft, wo Anarchisten, Theosophen, Vegetarier, Pazifisten und Sonnenanbeter vom Herbst des Jahres 1900 an eine genossenschaftliche Siedlung errichteten. Hesse machte sich die Parole der Lebensreformbewegung „Zurück zur Natur!“ bereitwillig zu eigen, hatte er doch schon seinen autobiografisch grundierten Romanhelden Peter Camenzind predigen lassen: „Ich wollte die Menschen lehren, auf den Herzschlag der Erde zu hören, am Leben des Ganzen teilzunehmen und (…) nicht zu vergessen, dass wir nicht Götter (…) sind.“

Hesses Glauben aber, die Natur sei von sich aus gut und gesund, sollte sich als naiv erweisen. Angeblich war es ein Erweckungserlebnis, das den Schriftsteller auf den Monte Verità trieb. Als im April 1907 eine Gruppe von „Sonnenbrüdern“, die mit ihren Jesushaaren, Rübezahlbärten und Gewändern aus Sackleinen an biblische Gestalten erinnerten, durch Gaienhofen zog, soll Hesse den Lockruf „nach Süden“ vernommen haben. Ihr exzentrischer Anführer Gusto Gräser war einer jener Naturapostel, die von den Einheimischen als „Barfußpropheten“, „Kohlrabijünger“ oder mit einem lombardischen Begriff als nicht ernstzunehmende „Balabiotti“, Nackttänzer, verspottet wurden. Der Maler und Bildhauer hatte seine Kunstwerke zerstört und seinen Besitz verschenkt, um fortan auf Wanderschaft durch Europa zu gehen und Jünger um sich zu scharen.

Aus dem Ort soll eine lukrative Naturheilanstalt werden

Aus Bescheidenheit nennt der Sonnenbruder sich „Gras“, weil ein Lebewesen von sich nicht im Plural sprechen soll, als Visitenkarte gibt er Grashalme ab. Nach der Gründung einer „vegetabilen Cooperative“ auf dem mithilfe des belgischen Fabrikantensohns Henri Oedenkoven erworbenen Berg kommt es zum Zerwürfnis zwischen Gräser und den anderen. Oedenkoven und seine Freundin Ida Hofmann wollen aus dem Ort eine lukrative Naturheilanstalt machen. Gräser will sofort frei leben. Es ist der alte, in der Gegenkultur bis heute ausgetragene Kampf zwischen Realpolitik und Fundamentalismus, bei dem am Ende meist der Fundi verliert. Gräser begibt sich wieder auf Wanderschaft und zieht dann in eine Höhle, die ihm die Gemeinde Losone zur Verfügung stellt. Gerhart Hauptmann setzt ihm mit seinem Roman „Der Narr in Christo Emanuel Quint“ ein Denkmal, Hermann Hesse, für den Gräser eine Zeit lang zum Guru wird, feiert ihn als „Waldmensch mit dem dritten Auge“.

„Hierher solltest Du auch kommen“, schreibt Hesse im April 1907 begeistert vom Monte Verità an seinen Gaienhofener Malerfreund Max Bucherer. „Hier bewohne ich eine eigene Holzhütte allein, ganz im Grünen, und habe Ruhe und Freiheit genug. Dabei lebe ich streng abstinent und vegetarisch, was mir hier ganz leicht fällt.“ Am Bodensee hat er sein halb fertiges Haus und eine schwangere Ehefrau zurückgelassen.

Doch die pittoreske Aussicht kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kur in der Aussteigersiedlung, die sich 1902 für zahlende Gäste geöffnet hat, ein entbehrungsreiches Unternehmen ist. Sein Wasser muss sich Hesse aus einem Tümpel holen und sich von dem ernähren, was die Natur bietet, streng den Regeln folgend, die Paul Andries, ein Vorreiter des Vegetarismus, 1893 aufgestellt hat: „Der Mensch soll nur von den Früchten der Bäume, von Beeren und von den leicht verdaulichen, in rohem Zustande genießbaren Gemüsen leben.“ Die Matratze in seiner „Licht-Luft-Hütte“ improvisiert Hesse aus Laub und Zweigen.

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