Der Kämpfer. Jeder seiner zahlreichen Gitarren verpasste Woody Guthrie die Aufschrift „This Machine Kills Fascists“. Foto: © Lester Balogp
Folklegende Woody Guthrie Drei Akkorde und die Wahrheit
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Woody liebte Gesellschaft, Dylan hat es kapiert

Der Schüler. Auf seinem Debütalbum veröffentlichte er den Song „To Woody“. Foto: © Tina Tschirch, Courtesy of Barry & Judy Ollmanp

Bob Dylan hatte eines Nachmittags bei uns in New York an der Haustür geklopft. Er half uns sehr. Meine Mutter sagte ihm: Woody braucht Zigaretten oder Blöcke (er hat ja so lange Lieder geschrieben, wie er einen Stift in der Hand halten konnte, bis 1965, zwei Jahre vor seinem Tod), und Dylan brachte sie ihm ins Krankenhaus. Woody liebte Gesellschaft und Dylan – er hat es kapiert. Er war sehr sensibel.

Als ich Anfang der 90er Jahre anfing, die Kisten mit dem ganzen unsortierten Nachlass meines Vaters durchzugehen und zu ordnen, zog ich als erstes einen wunderschönen Text heraus: „I Say to You Woman and Man.“ Ein feministisches Statement! Los, raus, gründe eine Firma, nimm dir Liebhaber, sei du selbst, befrei dich. Das war radikal! Ich dachte, wow, das gefällt mir. Niemand hatte mir diese Seite von Woody Guthrie gezeigt. Daraufhin hab’ ich mich da reingestürzt.

Mein Vater war ein sehr geselliger Performer. Statt sich auf die Bühne zu stellen, wo ihm alle still zuhören mussten, hockte er sich lieber mitten in den Raum und ließ alle mitsingen. Er trat auf dem Feld auf, in den Lagern der Wanderarbeiter, in der New Yorker U-Bahn. Er sang, um Leute anzutreiben, dass sie aktiv werden. Das war ein Grund, warum ich Billy Bragg und Hans-Eckardt Wenzel bat, unveröffentliche Lieder zu vertonen und aufzunehmen: Weil sie eine ähnliche Beziehung zu ihrem Publikum haben und einen ähnlichen Humor wie mein Vater.

Sein Roman beginnt mit einer sehr expliziten Sexszene

Von dem ich noch viele andere Seiten entdeckt habe, die spirituelle etwa. Und selbst Experten dachten, dass Woody Love songs hasste. Und dann habe ich Dutzende von ihm gefunden. Kein Schmalz, Woody-Guthrie-Style. Manche sind fast unanständig, er war ein freier Denker.

In den Kartons steckte auch ein Roman, den wir dann veröffentlicht haben. „Das Haus aus Erde“ beginnt mit einer 32 Seiten langen, sehr expliziten Sexszene. Beim Lesen bin ich richtig rot geworden. Es geht um ein Bauern-Paar, das nichts hat, der Boden ist ausgetrocknet, die Kuh gibt keine Milch, die beiden sind ganz allein, wütend und traurig – und haben Sex. Wie Woody das beschreibt, da verstehst du: In all dem Schlimmen ist es das einzig Schöne, was sie haben.

Wo ist die Musik?

Woody oder Pete Seeger haben ihr künstlerisches Leben dem Kampf gewidmet. Nicht nur mal ein Benefizkonzert geben, wo man dann gute Presse bekommt. Heute sind die meisten amerikanischen Singer-Songwriter nicht so politisch, das ist eher Pop light. Bei allem, was gerade passiert: Wo ist die Musik? Selbst bei der großen Demo in Washington vor Trumps Inauguration gab’s so gut wie keine. In meiner Jugend war sie der halbe Protest: Du bist irgendwo hingegangen und hast gesungen. Jemand hielt eine Rede, und dann haben alle „We Shall Overcome“ angestimmt. Heute hast du bei Demos Reden, Reden, Reden, Reden – einen Song –, Reden, Reden, Reden, Reden, Reden – einen Song. Aber mit Musik, da stehst du auf und tanzt. Das ist politisch, du willst loslegen. Martin Luther King wusste, wie wichtig Musik ist: to keep your feet going. Ich warte darauf, dass das wieder passiert.

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