Der Kämpfer. Jeder seiner zahlreichen Gitarren verpasste Woody Guthrie die Aufschrift „This Machine Kills Fascists“. Foto: © Lester Balog
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Folklegende Woody Guthrie Drei Akkorde und die Wahrheit
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Warum „This Land Is Your Land“ so populär wurde

Der Familienmensch. Guthrie 1960 mit seiner zweiten Frau Marjorie und den Kindern (v.l.n.r.) Joady, Nora und Arlo. Foto: © Dave Gahr
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„This Land Is Your Land“ hat mein Vater selbst gar nicht oft gesungen. Er schrieb Songs immer aus dem Augenblick heraus, sang sie ein, zwei Mal, vielleicht noch im Radio, dann schrieb er schon das nächste Lied. Als ich zu Beginn der 90er Jahre anfing, die Kisten mit seinem Nachlass zu durchforsten und zu ordnen, habe ich insgesamt über 3000 Lieder entdeckt, von denen erst zehn Prozent veröffentlicht waren. Er arbeitete wie ein Journalist, der jeden Tag eine neue Geschichte schreibt. Oder zwei. Und wenn das Notizbuch voll war, nahm er die Songs bei einem Freund auf, manchmal 70 hintereinander, einfach um sie festzuhalten.

Warum „This Land Is Your Land“ so populär wurde, dafür gibt es eine einfache Erklärung, und die heißt Pete Seeger. Pete mochte den Song. Mit seiner Gruppe The Weavers, der ersten erfolgreichen Folkband in Amerika, sang er ihn immer als Zugabe. Und als die Musiker in den 50ern auf der Schwarzen Liste der Kommunistenjäger landeten, waren die einzigen Jobs, die sie kriegen konnten, im Sommerferienlager und an Colleges. Mit den Kids hat Pete „This Land“ gesungen. Die Lehrer mochten es ebenfalls, weil es einfach war und den Kindern gefiel, also wurde es Teil des Schulkanons. Bei Obamas Inauguration 2009 hat Pete die alternative Nationalhymne, wie sie gern genannt wird, mit Bruce Springsteen gesungen. Und alle stimmten ein.

Die Idee: Dies ist unser Land, ist gerade wieder ziemlich aktuell. Deswegen wird der Song auch von Mitgliedern der „Black Lives Matter“-Bewegung gesungen, von Einwanderern aus Mexiko, Flüchtlingen aus Syrien. Er vereint die verschiedensten Anliegen. Woodys union.

Die Ärzte steckten ihn in die Psychiatrie

Anfang der 50er Jahre, da war er 40, begann mein Vater sich verstörend zu verhalten, wurde wütend, aggressiv, ausfällig, depressiv, wollte sich nicht waschen. Dass er die Erbkrankheit Chorea Hungtington hatte, wusste man nicht. Woody erkannte zwar die neurologischen und psychischen Symptome, auch das Zittern und unkontrollierte Schlagen der Arme von seiner Mutter, die man mit falscher Diagnose in die Irrenanstalt geschickt hatte. Aber er dachte, dass nur Frauen Huntington bekommen können.

Leben

Woodrow Wilson Guthrie, geboren 1912 in Okemah, Oklahoma, gestorben am 3. Oktober 1967 in New York, gilt als wichtigster Einfluss auf die Folkmusikszene der 60er Jahre. Der Autodidakt war ungemein produktiv, allen Tragödien seines Lebens zum Trotz: Seine Schwester kam bei einem Brand um, seine Mutter wurde in die Psychiatrie eingewiesen, weil ihre Krankheit, Chorea Huntington, die auch Guthries zwei Töchter aus erster Ehe und ihn selbst befiel, nicht erkannt wurde. Sein Sohn Will Rogers kam als Teenager bei einem Unfall ums Leben.

Die Ärzte waren ratlos. Erst wurde er zum Alkoholiker erklärt, dann hieß es, er sei schizophren und wurde in die Psychiatrie gesteckt. Auf der Station ging es zu wie in „Einer flog übers Kuckucksnest“. Da bekam zum Beispiel jeder Patient einfach ein Tablett hingestellt. Aber nachdem er die Kontrolle über seine Arme verloren hatte, wie sollte er da das Essen in den Mund kriegen? Meine Mutter bezahlte einen Mitpatienten dafür, ihn zu füttern. Lauter so schreckliche Sachen.

Der Künstler. Noch bevor er als Musiker auftrat, hat Woody Guthrie gezeichnet (hier: sein Text „Unpaid Debts“). Abb.: © Woody Guthrie Publications, Inc.
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Sie war Tänzerin bei der berühmten Truppe von Martha Graham. Als die Diagnose Chorea Huntington feststand, wofür es weder Heilung noch Linderung gab, hörte sie auf und eröffnete eine Tanzschule, um die Familie zu ernähren. Wir waren arm, ich musste immer die geflickten Jungensachen meiner großen Brüder auftragen.

Nachleben

Das von seiner Tochter Nora, 67, aufgearbeitete Archiv bildet das Herzstück des 2013 eröffneten Woody Guthrie Centers in Oklahoma, das zugleich als politische und kulturelle Bühne dient. Nora Guthrie, die diverse neue Vertonungen der Texte ihres Vaters initiierte, ist Co-Produzentin der gerade erschienenen Box „Woody Guthrie – The Tribute Concerts“ (Bear Family Records, 99,95 €).

Ich halte das nicht aus. Es tut zu weh

Für mich als Kind war es entsetzlich, damit aufzuwachsen, nicht nur aus Angst, selber Huntington zu bekommen, sondern meinen Vater so zu erleben. Die Krankheit ist grauenvoll anzusehen, hat so gar nichts Freundliches an sich. Am Ende konnte er nicht mehr sprechen, wir konnten nicht knuddeln, weil seine Arme wild rumflogen. Einmal, da war ich 14, wollte ich zu einer Verabredung mit meinem Freund. Mein Vater war gerade zu Hause, lag auf der Couch, ich fühlte mich so mies, weil ich wusste, dass ich vor der Situation weglief.

Da setzte ich mich auf die Treppe, guckte meinen stummen Vater an und sagte ihm, im Geiste: Ich halte das nicht aus. Es tut zu weh. Ich fühle mich schrecklich – aber ich muss raus. Und er sah mich an und erwiderte, ohne Worte, mit einem lebhaften Zwinkern in den Augen: Geh! Geh! Amüsier dich! Dies ist meine Krankheit, nicht deine. Er ließ mich los – als wäre ich ein Ballon. Von dem Moment an war ich frei, hatte keine Schuldgefühle mehr, sondern das Gefühl, ich habe ein Recht auf ein gutes Leben. Unsere Eltern wollten nie, dass wir leiden. Helfen schon, aber nicht leiden.

Woody blieb immer Teil unseres Lebens, sonntags besuchten wir ihn, oder meine Mutter holte ihn nach Hause. Dann kamen seine alten Freunde und junge Musiker, und alle haben wir gesungen, das hat er geliebt. Anfang der 60er entdeckte ihn ja die nächste Generation von Folkmusikern, allen voran Bob Dylan, für den Woody eine Art Gott war. Er besuchte ihn oft im Krankenhaus und sang ihm seine, Woodys Lieder, vor. Bob Dylan kannte sie alle auswendig, nannte sich „die Woody-Guthrie-Jukebox“. Woody wollte nur noch seine eigenen Songs hören, nicht die der jungen Musiker. Ich kann das verstehen. Er wollte, dass die Botschaft weitergetragen wird.

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