Frühjahr 1979. Esther (4) und ihr Vater Franz Kogelboom auf der Meraner Passerpromenade. Foto: privat
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Ferien der Kindheit Dass man nach all den Jahren noch lebt!

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Morgens auf die Alm, abends Eis von der Pizzeria Pircher: Hier verbrachte ich meine Kindheitsferien, hier schleppte ich nun meine Sohn hin. Lässt sich das Gefühl wiederholen?

Was bin ich diesem Duft hinterhergejagt. Erst vor Kurzem wähnte ich mich am Ziel: Wer hätte gedacht, dass sie im Centro Italia am S-Bahnhof Greifswalder Straße auch Waschmittel verkaufen? Sehnsucht ließ mich die Plastikflasche „Spuma di Sciampagna Sbiancante“ zu den Pastapackungen in den Wagen werfen. Meine Hoffnung erstickte in muffigen Laken. Das Feriengefühl in der Berliner Etagenwohnung blieb aus, stattdessen löste eine Kontaktallergie Nieskaskaden aus.

Doch jetzt erreichen die altvertrauten Duftmoleküle endlich mein olfaktorisches System. Es ist 21:30 Uhr. Hier, im Hotel Kreuz in Riffian, gut 900 Kilometer vom Centro Italia entfernt, bin ich eingehüllt in den Originalgeruch meiner wunderbaren Kindheitsferien. Von 1979 bis 1989 urlaubte unsere Familie in wechselnden Konstellationen etwas oberhalb des kleinen Wallfahrtsortes im Passeiertal, manchmal auch im Winter zum Skifahren – bis meine Eltern Skandinavien entdeckten und zu meinem großen Leidwesen das Campen an einsamen Fjorden dem mediterran-alpinen Dolce Vita Merans vorzogen.

Vielleicht ist die Duftquelle auch gar nicht die gestärkte Bettwäsche, sondern der 70er-Jahre-Holzschrank in der Zimmerecke? Der Teppich? Die Geranien am Balkon womöglich? Die Apfelbäume im Garten, das Schwimmbad, die Liegewiese, die sonnensatten Steinplatten auf der Terrasse mit ihren Ritzen, in denen die Echsen verschwinden? Die Kombination aus alldem muss es sein.

Wir liegen im duftenden Ehebett und lesen Kästner

Mein Sohn knufft mich in die Seite. „Weiterlesen!“ Es war einmal ein langer Tag, nun ist Schlafenszeit. Der Flug von Berlin nach München, dann S-Bahn zum Bahnhof, mit dem altmodischen Eurocity durch Österreich über den Brenner nach Bozen schaukeln, schließlich Mietauto. Koffer aufs Zimmer. Ob es die Pizzeria Pircher noch gibt? Natürlich, heißt es an der Rezeption. Auf der großen Terrasse ist ein Tisch frei, doch der Kellner wiegt voller Bedenken den Kopf: „Lieber drinnen. Da kommt a Wetter.“ Er deutet Richtung Hahnenkamm, wo einzelne Wölkchen am Himmel sind. Na ja …

Sommer 2017. Die Autorin und ihr Sohn (5). Die Bank ist jetzt modern – und ungemütlich. Foto: privat
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Draußen sitzen ist schön, die Pizza knusprig. Da lässt eine kühle Böe die Tischdeckenzipfel aufflattern. Am Himmel wollte jemand mit Wasserfarben malen und hat nur Schwarz benutzt. Die ersten Blitze zucken. Die Glocken von „Zu den Sieben Schmerzen Mariens“ läuten, Starkregen trommelt auf die Markise, es kracht laut. Die 200 Meter zurück zum Hotel Kreuz rennen wir mit Sturzbächen um die Wette.

Draußen platschen Regentropfen in den Pool, wir liegen im duftenden Ehebett und lesen „Emil und die Detektive“: „Denn es ist ein großer Unterschied, ob man einen Hund am Fell erwischt und festhält oder nur eine Geschichte, an die man sich erinnert. Hat man den Hund am Genick, so hat man wohl oder übel den ganzen Kerl; die Pfoten, die Schnauze, das Schwänzchen und alles Übrige, was so zum Lebendgewicht gehört. Erinnerungen fängt man anders ein: Erst packt man, vielleicht, ihren Schopf. Dann fliegt das linke Vorderbein herzu, dann das rechte, dann der Podex, dann eine Hinterhaxe, Stück für Stück. Und wenn man schon glaubt, die Geschichte wäre komplett, kommt, ratsch!, noch ein Ohrläppchen angebummelt. Und endlich weiß man, wenn man Glück hat, das Ganze …“

In Vellau hat sich nichts verändert

Am nächsten Morgen im Frühstücksraum. Vinschgauer mit Anis- und Kümmelaroma. Fenchelsalami. Heißer Kaffee aus schweren, silbernen Kännchen. Unverschämt süßer Orangensaft. Stoffservietten, so steif, dass man damit Häuser bauen kann. Sonnenstrahlen fließen durchs Fenster, als sei der Vorabend nie passiert.

Heute wollen wir ganz dringend auf den Berg, so wie immer am ersten Ferientag. Da waren die Eltern nach der traditionellen Nachtfahrt und dem Begrüßungsobstler zu erschöpft für größere Touren. Wir schrauben uns die kurvenreiche Straße nach Vellau rauf und springen in den Korblift. Die grünen Gondeln bestehen komplett aus Draht und reichen einem Erwachsenen etwa bis zur Brust. Schwindelfreiheit ist eine elementare Voraussetzung, um den gigantischen Blick ins Etschtal wertschätzen zu können. Wir schweben beinahe lautlos zwischen den Wipfeln, über uns zieht ein Raubvogel seine Kreise, Heu liegt in der Luft. Wenn das Liftseil alle paar Minuten über die Rollen des Pfeilers gezogen wird, rattert und zischt es. Hier hat sich nichts verändert.

Von der Bergstation gehen wir das kurze Stück bis zur Leiteralm, dann den schmalen Hans-Frieden-Weg bis zum Gasthaus Hochmut. Eine Plakette am Felsen erinnert auf halber Strecke an zwei Abgestürzte, was beim Sechsjährigen viele Fragen aufwirft. Irgendwann bleibt er stehen: „Meine Batterie ist leer.“ Ich überrede ihn, der rot-weißen Markierung bis zum Gasthaus zu folgen. Der Rückweg ist, mit Spaghetti Bolognese, viel Parmesan und Kaiserschmarrn im Magen, ein Kinderspiel.

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