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Fashion-Trend "Menocore" Warum wollen 25-Jährige plötzlich aussehen wie in den Wechseljahren?

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„Menocore“ oder „Modest Dressing“ heißt der Trend zum langen Rock, weiten Pulli, flachen Schuhen und Schlapphut. Das Vorbild: Diane Keaton.

Betrunken steht Mr. Big vor Carrie. Seine Ehe sei aus, vorbei, sagt er, sie sei so beige wie die Möbel in seiner Wohnung. „Ich dachte, du wolltest Beige“, entgegnet ihm Ex-Freundin Carrie, die er verlassen hatte, weil ihm die Beziehung zu bunt, zu schwierig, zu dramatisch war. Sie steht vor ihm in einer bauchfreien, weiß-durchsichtigen Bluse, durch die man ihren pinkfarbenen BH sieht, und stöckelt wenige Minuten später auf hohen Absätzen davon.

Eine Szene aus der Serie „Sex and the City“, die Sarah Jessica Parker in der Rolle der New Yorker Kolumnistin Carrie Bradshaw zur Modeikone gemacht hat. Was sie wohl dazu sagen würde, dass die Verbeigeung der Welt gerade ein Herbsttrend ist?

Menocore, wie die Bewegung heißt, ist eine Zusammensetzung aus den Begriffen Menopause und Hardcore. Geprägt wurde der Begriff durch einen Text von Harling Ross auf ihrem US-amerikanischen Modeblog „The Man Repeller“. Das Stilvorbild: „Middle-Aged Women“, also Frauen um die 50 in den Wechseljahren. Als Samantha, die Älteste des „Sex-and-the-City“-Quartetts, einmal fürchtet, dieser Lebensabschnitt könnte beginnen, ist sie verzweifelt. „Meine Zeit ist vorbei“, sagt sie schluchzend in einer Cocktailbar. „Jetzt bin ich altbacken.“

Zu dem durchaus altbackenen Menocore-Look gehören wadenlange Röcke in Nicht-Farben, unförmige Hosen, fließende Kleider aus Leinen, weite Strickjacken, gedeckte Blusen, luftige Tops, flache Schuhe, Angelhüte. Schick ist, worin man sich gut fühlt. Nicht, worin man gut aussieht.

Warum wollen 25-Jährige jetzt doppelt so alt aussehen wie sie sind?

Als Vorbild gilt insbesondere Diane Keaton. In den Woody-Allen-Klassikern „Der Stadtneurotiker“ und „Manhattan“ trug sie in den 70er Jahren ausgebeulte Hosen, maskuline Hemden, Krawatten, breite Ledergürtel – und trotzte damit den traditionellen Vorstellungen von Schönheit und Weiblichkeit. Noch vier Jahrzehnte später trug die Schauspielerin in der Komödie „Was das Herz begehrt“ einen weißen Strickpullover und eine schmale John-Lennon-Sonnenbrille. Sie blieb sich treu, Menocore, ein Leben lang. Die Berliner Modesoziologin Diane Weis glaubt: „In ihrer Rolle der Annie Hall kann sie durchaus die neue Carrie Bradshaw sein.“

1993. Diane Keaton in „Manhattan Murder Mystery“. Foto: imago/teutopress
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Ross von „Man Repeller“ schrieb: „Menocore ist das neue Normcore, aber es ist noch viel angenehmer.“ Unter dem Unisex-Trend Normcore verstand man vor wenigen Jahren, wenn sich jemand ein übergroßes weißes T-Shirt, eine graue Wolljacke, weiße Socken und eine Durchschnittsjeans anzog. Laut Weis sei Individualität nicht mehr der „höchste Wert in der Modewelt“.

Doch warum wollen 25-Jährige jetzt doppelt so alt aussehen wie sie sind? Eine Interpretation lautet: Das ist die Gegenbewegung zur Instagramisierung unserer Gesellschaft, ein Protest gegen den dort betriebenen Körperkult, dem ewigen Herumprobieren, bis eine Pose gut aussieht, und dann wird das Bild noch eine halbe Stunde bearbeitet, bis es auch wirklich perfekt aussieht.

Sich im Menocore-Stil zu kleiden sei Ausdruck von Selbstbewusstsein

Lange hat sich die Mode mit dem Enthüllen der Frau beschäftigt. Doch gerade besinnen sich Designer wieder darauf, ihren ursprünglichen Zweck zu erfüllen: Frauen anzuziehen. Auf den großen Laufstegen der Welt zeigen sich die Models züchtig. In den Läden der H&M-Gruppe kann sich die Durchschnittskundin dann die schlichten sackartigen Kleider und Pullis selber kaufen – und zwar bei Cos oder Arket, von letzterem Label eröffnete jetzt die erste Filiale in München.

Manche Modeexpertinnen und -experten gehen einen Schritt weiter: Sich im Menocore-Stil zu kleiden sei weniger öde, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Es sei Ausdruck von Stärke, von Selbstbewusstsein, von Persönlichkeit. Die jungen Frauen wollen nicht aufreizend, nicht sexy sein. „Sie fordern andere dazu auf, hinter die Oberfläche zu gucken“, sagt Modesoziologin Weis. „Das ist schon auch feministisch.“

Bereits vor über 100 Jahren nutzten Frauen ihre Kleidung als Statement. Als Ende des 19. Jahrhunderts Korsetts und Reifröcke aus den Garderoben verschwanden, wurden Hosen zum ersten modischen Symbol der Emanzipation. Der Büstenhalter galt Anfang des 20. Jahrhunderts als Erfolg im Kampf um persönliche Freiheit, 60 Jahre später verbrannten Frauen ihn auf der Straße. Und während Ende der 1960er Jahre der Minirock Trend wurde, um sich von der schamhaft verhüllenden Mode zu befreien, störten sich Feministinnen später an dem Kleidungsstück. Nun kehren die bequemen und keuschen Outfits zurück in die Schränke. „Modest Dressing“ – „genügsame“ Kleidung muss her.

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