Markenzeichen Sturmhaube. Nicht nur ihre eindringliche Stimme machte die Schottin Emeli Sandé berühmt, auch ihre Frisur half ein wenig nach. Foto: promop
Emeli Sandé im Interview "Musik muss ein Werkzeug sein, um eine Botschaft zu verbreiten"
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"Wir haben Leichen geöffnet"

Die Sängerin im Juli 2015 während eines Konzerts in Rotterdam. Foto: Paul Bergen/dpap

Als Mädchen mit schwarzer Hautfarbe?
In den Alltag spielte es weniger hinein, als man denkt. Mein Musikgeschmack war anders, meine Mitschüler hörten Teenie-Pop, ich lieber schwarze Sängerinnen aus den 1970er Jahren.

In Ihrer Generation dominiert eigentlich Hip-Hop.
Ich war sogar Teil einer Rap-Gruppe in Aberdeen. Wir sind ein paar Mal in Nachtclubs aufgetreten, ich kann nur gar nicht rappen. Die anderen Mädels haben irgendwann gesagt: Sing mal lieber den Refrain! In der Musik, im Alltag habe ich mich dabei immer als schwarze Frau definiert.

Was bedeutet das in Großbritannien?
Das Gleichgewicht zu finden. In England haben wir viele Menschen, die in der zweiten Generation im Land leben, deren Eltern entweder aus der Karibik oder aus Afrika kamen. Es gibt eine direkte Verbindung zum Herkunftsland, aber eine völlig gegensätzliche Kultur, mit der man aufwächst. Im Moment habe ich den Eindruck, dass ich dank meiner Afrikareise zum ersten Mal beide Seiten gut ausbalanciert habe.

Um dieses Gleichgewicht herzustellen, behaupten Sie, mussten Sie lernen, auch einmal Nein zu sagen?
Ich konnte schon entscheiden, was ich tun wollte. Nur hatte niemand erwartet, was mit der ersten Platte passierte. Es gab ein paar Leute, die mir rieten, sofort ein zweites Album aufzunehmen. Mein Instinkt hat mir gesagt, das wäre nicht richtig. Jetzt kann ich den Fans besser zeigen, was ich über mich gelernt habe.

Und zwar?
Dass es nicht schlimm ist, anderen zu sagen, wie man sich fühlt. Dass eine Frau nicht immer nett und verständnisvoll sein muss.

Ihre Karriere haben Sie als Songschreiberin begonnen, schrieben für Stars wie Alicia Keys und Rihanna. Weil Sie Angst vor der Bühne hatten?
An die Auftritte musste ich mich sehr gewöhnen. Besonders vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London war ich extrem nervös. Ich erinnere mich noch, wie ich im Stadium stehe und weiß, dass etwa 60 000 Zuschauer dort sitzen, aber es sich gar nicht danach anfühlt. Die Arena war mucksmäuschenstill, es war wie ein surrealer Traum, nur das Mikrofon vor mir und dieses Meer an Menschen dahinter.

In solchen Momenten wünscht man sich, wieder eine Songwriterin zu sein?
Ich genoss es schon, Lieder zu schreiben, meine Gefühle preis zu geben und mich trotzdem hinter einer anderen Person verstecken zu können.

Ist ein eigenes Lied ein klein wenig wie ein Kind, das man ziehen lässt?
Na ja, es ist nur die Seite eines Tagebuches, das ich weggebe. Persönliche Songs, die hoffentlich tiefer gehen als ein schneller Hit.

Zuerst haben Sie nicht an die Musikerkarriere geglaubt. Nach der Schule schrieben Sie sich an der Universität für Medizin ein.
In der Schule gefielen mir nicht nur Fächer wie Musik, sondern auch die wissenschaftlichen. Ich finde es toll, wenn Dinge einen Sinn ergeben, deshalb fand ich Mathematik und Physik sympathisch. Als ich für das Medizinstudium akzeptiert wurde, habe ich mich riesig gefreut. Mein Ziel war, einen Abschluss zu bekommen. Ich habe ein Jahr Neurologie studiert, ich finde die Psychiatrie spannend – und faszinierend, wie das Gehirn funktioniert.

Haben Sie einen offenen Schädel gesehen?
Ja, in unserem ersten Jahr haben wir Leichen geöffnet.

Und Sie sind nicht umgefallen?
Zum Glück nicht. Wenn ich engagierter gewesen wäre, hätte ich an der Uni meinen Doktor gemacht. Aber die Musik kam dazwischen.

Jetzt können Sie wenigstens Ihre Kollegen auf der Tour verarzten.
Ha, das würde ich mir wünschen. Nein, ich habe so viel vergessen, ich müsste noch mal drei Jahre studieren, um wieder reinzukommen.

Das Album „Long Live the Angels“ ist soeben bei Universal erschienen.

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