Wale gelten als recht entspannte Tiere. Da hören die Gemeinsamkeiten mir vielen Yoginis aber auch schon auf. Foto: dpap

Die Yoga-Kolumne Ich bin ein ganz normaler Mensch!

Patricia Thielemann
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Yoga ist mehr als Sport. Richtig. Aber muss man deshalb Wale retten und aufs Duschen verzichten? Wichtig ist etwas anderes, sagt unsere Autorin.

Ich häufe Güter an. Ich esse Fleisch. Ich würde sogar eine Ente erschießen, um in ihre Keule zu beißen. Ich bin ein ganz normaler Mensch.

Als Yoga-Lehrerin benehme ich mich damit nicht konform. Viele denken, nur, weil ich Yoga unterrichte, sei ich ein reineres Wesen. Leider nicht. Natürlich will ich die Gesellschaft etwas besser machen. Sonst würde ich mich nicht vor eine Gruppe stellen. Und natürlich orientiere ich mich auch am Yogasutra, der klassischen Schrift, eines der wichtigsten philosophischen Werke. Der achtgliedrige Weg, die Yamas und Niyamas, Verhaltensempfehlungen wie: gewaltlos zu leben und nicht zu neiden.

Immer wieder kriege ich E-Mails, in denen Leute mich auffordern, Wale zu retten oder ein Waisenhaus in Afrika zu gründen. Sie halten mich für die richtige Ansprechpartnerin für alles, was gut ist. Das kommt von Menschen, die ihre eigene Miete nicht zahlen können und erstmal bei sich anfangen müssten.

Erst die Menschen, dann die Tiere

Doch sich um sich zu kümmern, gilt in meiner Szene als eitel, verwerflich. Ganz ehrlich: Ich bin noch nicht so weit. Ich muss mich um mein Umfeld kümmern, bevor ich auf anderen Kontinenten anpacke. Erst die Menschen, dann die Tiere.

Leute kritisieren mich auch, weil mein Unterricht etwas kostet. Wie ich nur dafür, dass ich eine Stimmung schaffe, eine beseelte gar, Geld verlangen könne? „Du bist ja eine verdammt clevere Geschäftsfrau“, höre ich oft. Als würde ich unseriös mit wertlosen Gebrauchtwagen handeln oder Unsummen für ein bisschen „shanti shanti“ in pinken Leggings verlangen.

Ich verstehe den Vorwurf. Yoga ist ja mehr als Sport. Die Menschen suchen Halt in einer zunehmend komplexen Welt, den sie in der Religion nicht mehr finden oder finden wollen. Und erhoffen sich ein bisschen sehr viel von Yoga. Es ist kein Wundermittel. Es macht weder unfruchtbare Frauen fruchtbar, noch kann es Krebs heilen. Es kann höchstens unterstützend wirken.

Mein Yoga ist lebensnah. Ich versuche meinen Unterricht so zu gestalten, dass auch Leute, die uns für Batik-Spinner halten, sich hereintrauen. Gute Lehrer und schöne Räume, in denen eine besondere Stimmung entstehen kann, Blumenarrangements und Musik, das muss auch wirtschaftlich aufgehen.

Die Zehn Gebote des Yoga sind nicht wörtlich zu nehmen

Ursprünglich galt: Ich lehre dich Yoga, du ziehst bei mir ein und wäschst Teller ab. Man darf die zehn Gebote des Yoga heute nicht eins zu eins übersetzen. Es gibt beispielsweise die Regel, dass man während einer Sitzung nicht lüften und hinterher nicht duschen soll. Damit keine Energie entweicht. Das ist für indische Mönche eine gute Idee, aber wenn ich nach stickiger Büroarbeit in einem Saal voll anderer Kaffeetrinker und Schnittchenesser schwitze und hinterher nicht in eine Höhle, sondern noch auf eine Vernissage will, sollte ich das überdenken.

Viele Yoga-Hippies verzichten fröhlich auf Fleisch, aber denken bei Enthaltsamkeit nicht daran, das Kiffen und Vögeln aufzugeben. Müssen sie auch nicht. Das Yogasutra bezog sich damals auf indische Asketen, die ihre Energie nicht für Sex, sondern für Erleuchtung nutzen sollten. Europäisch übersetzt, könnte das heute bedeuten, mit Liebesbeziehungen nicht inflationär umzugehen.

Manchmal sprechen mich Leute auf der Post an, sie hätten Schmerzen am Knie. Als wäre ich Orthopädin. Dann fliehe ich an Orte, die so gar nicht yogisch sind. Ins KaDeWe, auf Friedhöfe. Und ab und an mit meinen Söhnen auf eine Go-Kart-Bahn.

Die Autorin ist Chefin von spirityoga.de und vertritt Katja Demirci.

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