Manila. Die Skulptur im Atrium des „Fully Booked“ hat Künstler Mike Stelkey aus über 3000 gebrauchten Büchern erschaffen. Foto: Torsten Woywodp

Die Welt der Bücher Warum läuft man in japanischen Buchläden Slalom?

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Torsten Woywod hat die skurrilsten und berühmtesten Buchhandlungen der Welt besucht. Gerade ist sein Buch darüber erschienen.

Torsten Woywod ist gelernter Buchhändler und sucht in seinen Ferien seit 2015 die interessantesten, skurrilsten und berühmtesten Buchhandlungen. Am 6. Oktober erscheint das neue Werk des Aacheners „In 80 Buchhandlungen um die Welt“, aus dem die Aufnahmen in diesem Text stammen.

Herr Woywod, wie muss eine Buchhandlung aussehen, damit Sie dafür um die Welt fliegen?
Häufig ist es die Optik, manchmal die Entstehungsgeschichte besonders. In Argentinien gab es eine, die aus Liebeskummer geboren wurde. Da war ein Mann, der Job und Freundin verloren hatte und sich dann in die Welt der Bücher flüchtete und dabei seine große Leidenschaft entdeckte. Inzwischen hat er einen Verlag gegründet und Preise gewonnen. In Taiwan habe ich einen Laden besucht, der aus einer Fernsehserie hervorgegangen ist. Das fiktive Buchgeschäft wurde nach Drehschluss ein wirkliches. Von solchen Geschichten erfährt man nur durch Empfehlung und Zufall unterwegs.

Tokio. Das Jimbocho-Viertel zählt 180 Buchläden, von denen einige wie dieser hier nur im Freien existieren. Foto: Torsten Woywodp

Welche regionalen Eigenheiten haben Sie entdeckt?
Allein in Deutschland gibt es 4000 Buchhandlungen, und die sind oft sehr unterschiedlich. In Asien findet man fast überall große Gemeinschaftstische. Der Buchladen wird dort als Raum zwischen Zuhause und Arbeit gesehen, weshalb er häufig auch bis spätnachts geöffnet ist. Viele Leute stöbern und setzen sich zum Lesen auf den Boden. Bei den ersten Besuchen war ich noch sehr verwundert, was man da für einen Slalom laufen muss.

Der Buchladen als Bücherei?
Im ersten 24-Stunden-Buchladen in Taiwan hatte man anfangs Sorge, ob die Leute nicht regelmäßig vorbeikommen, um Bücher Stück für Stück zu lesen. Aber dort scheint es sich zu rechnen. Im „Last Book Store“ in Los Angeles hängen hingegen Schilder, dass man maximal eine Stunde sitzen und lesen darf.

Peking. „Poplar Kid’s Republic“ ist Chinas erste Bilderbuchhandlung für die Jüngsten. Foto: Torsten Woywodp

Sie zeigen Buchkathedralen und Rumpelkammern. Welche außergewöhnlichen Konzepte haben Sie gefunden?
Im Tokioter Geschäft „Morioka Shoten“ wird jede Woche nur ein Buch verkauft, dem die gesamte Ladenfläche gewidmet ist. Gewöhnungsbedürftig, aber der Laden ist inzwischen eine touristische Sehenswürdigkeit. Der „Elizabeth’s Bookshop“ in Sydney hatte 2013 die Idee, Bücher in Packpapier einzuschlagen und nur mit ein paar Schlagwörtern zu bedrucken. Über die Webseite Blinddatewithabook.com werden sie in die ganze Welt verschickt.

Ojai. Der Ort in Kalifornien hat mit „Bart’s Books“ die größte Freiluftbuchhandlung der Welt. Foto: Torsten Woywodp

Wie unterscheiden sich die Bücher selbst auf der Welt?
Hierzulande erscheint ein Buch oft erst als Hardcover, und wenn es wirtschaftlich Sinn macht, noch mal als Taschenbuch. In Großbritannien und den USA kommen sie oft gleichzeitig in unterschiedlichen Formaten heraus. In Japan können Sie Exemplare kaufen, die exakt 76 mal 76 Millimeter messen. Allesamt mit der Hand gebunden. Auch Schriftrollen sind dort noch im Umlauf. In China sind Bücher recht günstig, in Mexiko im Vergleich unverhältnismäßig teuer.

Und stehen in Bangkok dieselben Bücher im Regal wie in Buenos Aires?
Besonders in den asiatischen Ländern wird viel digital konsumiert, und da existieren Stars auf dem Selfpublishing-Markt, die auch mal ein Buch verlegen und bei denen man dann nicht weiß: Wer ist das? Und warum ist der so beliebt? Manchen Autoren begegnet man immer wieder auf der Welt: Nina George zum Beispiel oder Sebastian Fitzek. Der ist wirklich überall.

São Paulo. Der Lesesaal der „Livreria Cultura“ in der Shoppingmall des Stadtteils Iguatemi. Foto: Torsten Woywodp

In Deutschland hört man oft, dass der Buchhandel in der Krise steckt.
Natürlich hat der Handel überall zu kämpfen, weil ihm andere Handelssparten und Vertriebswege Konkurrenz machen. Allerdings sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen je nach Land ganz anders. In Frankreich wird beispielsweise viel getan, um einem Sterben des Buchhandels entgegenzuwirken. Amazon darf dort nicht versandkostenfrei verschicken. Und es existieren Mietobergrenzen für bestimmte Branchen, um die Vielfalt in Einkaufsstraßen zu erhalten.

Taipeh. In der ersten Etage des Gaia Hotel kann man Bücher lesen und kaufen. Foto: Torsten Woywodp

Die Deutschen kaufen immer mehr Bücher, als sie lesen.
Das gilt auf der ganzen Welt. Japaner haben dafür ein Wort: „Tsundoku“ von Tsunde-oku (Dinge unerledigt lassen) und dokusho (lesen). Das soll dem Buchhandel nur recht sein. Schließlich spricht es doch für den Zauber, der von Büchern ausgeht.

Das Buch erscheint bei Eden Books. Auf Facebook kann man den Reisen des 36-Jährigen folgen.

Torsten Woywod, 36, hat die halbe Welt bereist und dabei Buchhandlungen besucht. Foto: promop
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