Ein Wandmosaik privat
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Ein Volk von Kosmonauten

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Denkmäler streben raketengleich in den Himmel, Gebäude sehen aus wie Ufos... In den 70ern und 80ern sind sowjetische Designer und Architekten vom Thema Raumfahrt besessen. Acht Beispiele, erklärt vom Experten Philipp Meuser.

Vielen fällt als Erstes der monotone Wohnungsbau ein, wenn sie an die Architektur in der Sowjetunion denken. Und die Städte in Russland, Kirgisien oder Usbekistan können tatsächlich sehr grau sein, das will ich gar nicht abstreiten. Umso größer ist manchmal die Überraschung, wenn Sie plötzlich vor einem Gebäude stehen, wo Sie sagen: Was ist das denn?! Ich fahre seit mehr als zehn Jahren regelmäßig in die Länder der ehemaligen UdSSR und glaube, der Anspruch der sowjetischen Architekten war mindestens genauso hoch wie der ihrer westlichen Kollegen. Was mich besonders fasziniert, ist das Pathos, sind die großen Gesten. Das Thema Kosmonautik war dabei ein ganz wichtiges. Wenn die 50er und 60er Jahre als Höhepunkt der sowjetischen Raumfahrt gelten können – mit dem Sputnik-Start 1957 und Juri Gagarins Weltraumflug 1961 –, dann waren die 70er und 80er Jahre die Zeit der Kosmonautik in der Architektur und auch im Design. Heute ist es damit völlig vorbei. Doch wer mit Menschen in Moskau oder Taschkent redet, merkt, dass die bestens Bescheid wissen über alles, was mit Raumfahrt zu tun hat. Das ist tief verwurzelt in den Leuten, weil sie es durch die Propaganda von klein auf mitbekommen haben.

1 BRIEFMARKE

Briefmarken waren ein Teil dieser Propaganda, durch sie wurde das Thema Kosmonautik in den öffentlichen Raum getragen. Denn Briefe verschickte nun mal jeder. Die Marke auf dieser Seite stammt aus dem Jahr 1989 und ist der unbemannten Marsmission „Phobos“ gewidmet. Auf vielen Marken spielt die Völkerfreundschaft eine Rolle, da geht es um Missionen mit den sozialistischen Bruderstaaten. Dass es durchaus einen hohen Anspruch in Sachen Gestaltung gab, ist gleich zu erkennen. Aufgefallen ist mir außerdem, wie detailliert auf den kleinen Briefmarken technisches Gerät dargestellt wird. Manche sind nur leicht modifizierte Ingenieurszeichnungen. Das erklärt ein bisschen, warum die Leute in der Ex-Sowjetunion bis heute so vertraut mit der Raketentechnik sind – die gehörte eben zum Alltag. Wenn man das vergleicht: Wer von uns weiß denn zum Beispiel, wie ein Windkraftrad von innen aussieht?

2 ZIRKUS KASAN

Dieses Gebäude ist eines der ersten, von dem man sagen kann: Hier wurde die Idee der Kosmonautik in Architektur umgesetzt – im Spiel mit der scheinbaren Aufhebung der Schwerkraft. Fertiggestellt 1967, befindet es sich im Zentrum von Kasan, das ist die Hauptstadt der Republik Tatarstan in Russland. Das Gebäude beherbergt eine Zirkusmannschaft, die im Sommer umherzieht und hier ihr Winterquartier hat. Die Gegend war als Erholungsviertel geplant. Gleich nebenan steht ein Stadion, und die Wolga ist auch nicht weit. Die Rundung des Zirkus’ formt die Tribüne nach, die sich im Innern befindet. Oben gibt es einen Aufsatz mit einem Fensterband, durch das Licht hineinfällt. Hatte der Architekt ein Ufo im Sinn? Ich würde eher sagen: Die Zeit war aufgeladen mit der Diskussion über den Wettlauf im All, und davon war er geprägt.

3 WANDMOSAIK

In Wandbildern und Reliefs ist der Gedanke der Kosmonautik am sichtbarsten. Was Sie auf dem Foto sehen können, ist ein Mosaik an der fensterlosen Stirnfassade eines Plattenbaus in Taschkent, Usbekistan. Es erstreckt sich über neun Geschosse, der Kosmonaut ist etwa sieben Meter hoch. Das Bild, 1985 realisiert, ist zusammengesetzt aus farbigen Keramikteilen – als würden Sie die bunten Fliesen in Ihrem Bad kleinschlagen. Allein in Taschkent gibt es unzählige solcher Mosaike mit verschiedenen Motiven. Der russische Architekt, der dieses geschaffen hat, hat über 200 Fassaden in der Stadt gestaltet. Ich habe ihn mal getroffen, er ist schon stolz, obwohl die Mosaike sicher selten mehr als Auftragsarbeiten waren, bei denen klare Vorgaben des Staats existierten. In dem Bild sind zentralasiatische Ornamente vorhanden, es erinnert jedoch vor allem an antike Darstellungen und an solche von da Vinci. Im Hintergrund können Sie die zwölf Tierkreiszeichen erkennen. Der Mensch erscheint hier als Beherrscher der Welt, der natürliche Grenzen überwindet: In seiner linken Hand hält der Kosmonaut das Atom, mit der rechten weist er den Weg – es geht in Richtung Zukunft.

4 SANATORIUM DRUSCHBA

Dieses großartige Gebäude an der Schwarzmeerküste auf der Halbinsel Krim ist mein Favorit. Im vergangenen Herbst habe ich auf einer Reise nach Moskau extra einen Umweg gemacht, um es mir anschauen zu können. Ich bin nach Sewastopol geflogen und dann zwei Stunden mit dem Taxi nach Jalta gefahren. Das Gebäude, ein Kurhotel und Sanatorium, befindet sich wirklich am Ende der Welt, und nicht mal eine Internetseite haben die Betreiber eingerichtet – dabei könnten sie viele Architekturenthusiasten anlocken. Als es 1985 gebaut wurde, haben die Amerikaner angeblich gedacht, es handele sich um eine Raketenabschussrampe. Denn das Gebäude sitzt auf drei Zylindern, die in den Felshang hineingeschlagen wurden und wohl auf Satellitenaufnahmen zu erkennen waren. „Druschba“ heißt Freundschaft. Der Architekt Igor Wasilewski war auch für eine Reihe anderer Freizeitbauten in der UdSSR verantwortlich. Ähnlich wie der Zirkus Kasan (siehe Punkt 2) spielt sein Entwurf mit der Überwindung der Schwerkraft. Klar, keiner kann die außer Kraft setzen. Aber das Hotel schwebt gewissermaßen, weil es eben nur die drei Stützen gibt. Unten drin, zwischen den Pfeilern, hängt ein Schwimmbad. Es ist auch für die Erdbebensicherheit da, denn die Wassermasse kann Schwingungen ausgleichen. Ganz im Inneren befinden sich ein Tanzsaal und ein Café, drumherum sind die Wohnzellen angeordnet. Alles ist sehr eng: schmale Gänge, winzige Zimmer. Es hat wirklich etwas von einer Raumstation.

5 KOSMISCHER STADTPLAN

Wjatscheslaw Loktew gehört zu jenen Vertretern seines Fachs, die als „Papierarchitekten“ in die Geschichte eingegangen sind. Das waren sowjetische Architekten, die in den 80er Jahren Entwürfe anfertigten, die eigentlich nicht zu realisieren waren – und sich mit diesen sogar an internationalen Wettbewerben beteiligten. Die Bewegung ist aus einer gewissen Opposition gegen das System heraus entstanden. Loktew hatte immer so fantastische, leicht wahnsinnige Ideen, die die Grenzen von Raum und Zeit überwinden. Und so hat er eben auch Städte im Weltall entworfen. Diese kosmischen Stadtpläne sind Buntpapiercollagen auf Pappkarton, kaum größer als Bierdeckel. Grafisch finde ich die sehr schön.

6 DENKMAL FÜR DIE BEZWINGER DES WELTRAUMS

Dieses riesige Denkmal befindet sich im Norden Moskaus. Unmittelbar darunter wurde 1981 das Museum für Kosmonautik eröffnet – eine Art sowjetischer Wallfahrtsort. Das Denkmal selbst stammt schon aus dem Jahr 1964, es stellt eine startende Rakete und ihren breiten Schweif dar. 110 Meter hoch ragt sie in den Himmel. Auf dem Bild links sehen Sie einen kleinen Ausschnitt des Sockels. Dort sind Bronzeplastiken angebracht, die unter anderem Lenin, eine Bauernfamilie und Ingenieure bei der Arbeit zeigen – und natürlich einen Kosmonauten, der hier wie ein Kämpfer wirkt, der den anderen vorangeht. Die Größenverhältnisse erkennen Sie daran, dass das Kind auf dem Foto leicht in den Stiefel des Kosmonauten passen würde. Die abgewetzten Finger des Raumfahrers rühren wohl daher, dass sich an ihnen regelmäßig Leute nach oben hangeln. Die Raumfahrt spielte ja auch in den USA eine Rolle, und zwar durchaus eine ideologische. Aber ihre Bedeutung in der UdSSR war ungleich größer, vermutlich weil fast alles im Land staatlich gelenkt und finanziert war. In der Propaganda gab es drei wesentliche Themen. Die Militärtechnik stand an erster Stelle, dann folgte die Kosmonautik, dann die Architektur – bis zum Jahr 2000 sollte jeder Sowjetbürger eine eigene Wohnung haben.

7 GAGARIN-DENKMAL

In Deutschland gibt es sicher nicht so viele Goethe-Denkmäler, wie es in der Ex-Sowjetunion Denkmäler von Juri Gagarin gibt, dem ersten Kosmonauten. Dieses befindet sich am Lenin-Prospekt in Moskau. Allein die futuristische Skulptur aus Titan ist 13 Meter hoch, und die Säule misst 38 Meter. Während Gagarin sonst meist als Heiliger oder Held dargestellt wird, hat er hier etwas von einer Rakete, einem Roboter mit Düsenantrieb. Das Denkmal besitzt eine ungeheure Dynamik, es strotzt geradezu vor Kraft. Ähnlich wie beim Wandmosaik (siehe Punkt 3) ist es Ausdruck eines Weltbilds, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt und über die Natur erhebt. Hier könnte man sogar von Vergöttlichung sprechen. Gagarin wurde wie kein Zweiter von der Propaganda benutzt, er hatte diesen einen Weltraumflug und ist dann bis zu seinem frühen Tod nur noch eine lebende Ikone gewesen.

8 METROSTATION KOSMONAWTLAR

Diese U-Bahnstation befindet sich nicht in Moskau – die Metro dort ist viele Jahrzehnte alt, deshalb gibt es keinen Bahnhof, der nur der Raumfahrt gewidmet wäre. Anders in Taschkent. In der usbekischen Hauptstadt richtete ein Erdbeben 1966 großen Schaden an. Danach wurde Taschkent von einer alten, orientalischen Stadt in eine moderne Metropole verwandelt, U-Bahn inbegriffen. „Kosmonawtlar“ bedeutet „Kosmonautenstation“. Der Boden ist mit Naturstein verkleidet, die Wände sind mit Keramikteilen gestaltet, die von oben nach unten heller werden, und die Säulen wurden mit Glaselementen verkleidet, deshalb glitzern die so. Die kühle Farbgebung erinnert an die Weiten des Alls. Ein Gesamtkunstwerk. Und: Auch hier hat der Architekt versucht, Schwebemomente zu simulieren. Und zwar, indem er die Pfeiler durch eine Zwischendecke, also weiter nach oben stoßen lässt. So ähnlich hat das Axel Schultes auch in der U-Bahnstation Bundestag gemacht.

Aufgezeichnet von Björn Rosen.

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