Hundeflüsterer. Cesar Millan mit einer kleinen Auswahl seiner 20 Hunde. Foto: Cesarsway-Incp

Cesar Millan Vom Friseur zum Weltstar: Der Hundeflüsterer

Andreas Austilat
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Cesar Millan bändigt die wildesten Bestien - und ihre Besitzer. Seine Anhänger schwärmen von Magie, seine Kritiker werfen ihm brutale Methoden vor.

Duffy ist nicht mitgekommen. Vielleicht ein Glück, denn höchstwahrscheinlich hätte er mich hier blamiert. Duffy, sechseinhalb Kilo schwer, neun Jahre alt, ist unser kleiner Tibet-Terriermix aus dem Tierheim, den die meisten Menschen, die ihn das erste Mal sehen, für unfassbar niedlich halten. Aber er hat seine Fehler.

Welches sind denn seine schlimmsten, fragt Cesar Millan. Er tut das oft zu Beginn seiner Therapiesitzungen, ich kenne seine Videos. Doch das hier ist kein Film, der bekannteste Hundetrainer überhaupt steht leibhaftig vor mir, auf dem wüstentrockenen Boden seines Hauptquartiers im kalifornischen Santa-Clarita-Tal. Kein Hundeexperte hat weltweit derartig viele Fernsehzuschauer wie er – in mindestens 20 Ländern, darunter auch in Deutschland, wenn er sonntags auf dem Sender Sixx seine Sprechstunde hält. Und kein anderer füllt darüber hinaus international mit seinen Auftritten so viele Hallen, im März auch wieder in Berlin.

Duffys Fehler. Nun, wo soll ich anfangen? Vielleicht, dass er furchtbar gern Postboten jagt, hin und wieder mein Bein rammelt, beim Gassi-Gehen gern Richtung und Tempo vorgibt oder beim Frühstück dadurch nervt, dass er mich permanent mit unfassbar traurigen Augen anstarrt. Das kann er wirklich gut.

Die wahren Patienten sind die Herrchen

Cesar Millan, 47 Jahre alt, untersetzt und kräftig, zeigt lächelnd seine unglaublich weißen Zähne. Er sagt es natürlich nicht, aber ich glaube, dass er hinter seinem Lächeln gerade denkt, was für ein Loser. Und damit meint er nicht meinen Hund. Auch wenn hinter Millan in riesigen weißen Lettern auf grünem Kunstrasen die Worte „Dog Psychology Center“ zu sehen sind, die Hundepsyche steht hier nur scheinbar im Mittelpunkt.

Das Center vor den Toren von Los Angeles ist das knapp 17 Hektar große Herzstück in Millans Hundekosmos. Rund 20 einst verhaltensauffällige Hunde leben hier unter Palmen und Zitrusfrüchten zusammen mit Schafen, Lamas und Hühnern, haben einen Swimmingpool und natürlich auch ihre Sportanlage. Millan hat Tiefpunkte erlebt, darunter einen Suizidversuch nach der Scheidung von seiner ersten Frau. Und er hat viel erreicht, seit er vor 26 Jahren den Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA überwand, um sein Glück als illegaler Einwanderer zu suchen.

Die wahren Patienten in diesem „Psychology Center“ sind die Herrchen. In Millans Trainingsvideos läuft es nämlich sehr oft auf diese Botschaft hinaus: Dein Hund benimmt sich so, weil er dich nicht als seinen Rudelführer anerkennt. Und wenn der Mensch nicht führt, spürt der Hund die Lücke. Doch wenn der Meister auftritt, immer kontrolliert, immer seelenruhig, dauert es keine fünf Minuten, bis sich selbst ein aufgeregter Rottweiler wieder beruhigt.

Warum muss ich ein mir fremdes Rudel ausführen?

Das muss Magie sein, glauben seine Anhänger. Von wegen, schimpfen Kritiker, bezichtigen Millan brutaler Methoden. Er würde seine Hunde mit Schlägen, Stachelhalsband und Elektroschocks drillen: aversive Methoden seien das. Kronzeuge ist Holly, ein Labrador. Auf Youtube kann man das Video sehen, wie er auf Millan losgeht, ihn beißt, das war vor fünf Jahren. Es fehlt nicht an Experten, die an diesem Fall erläutern, der Trainer habe keine Ahnung.

Von draußen, jenseits des Zauns, der das Center umgibt, dringt lautes Gebell, es klingt nach Wut, gepaart mit Verzweiflung. Ganz so, als befände sich gleich neben diesem Hundehimmel die dunkle Seite des Santa-Clarita-Tals. Eine Farm, sagt Millan ganz ohne Lächeln, der Farmer nimmt Hunde auf, deren Besitzer derweil zur Arbeit sind.

Macht ihm das Geheule nicht zu schaffen? Das seien die Angelegenheiten anderer Leute, erwidert er. Und er könne sich nicht um alle kümmern. Dann drückt er mir sieben Leinen in die Hand. Am anderen Ende befinden sich: ein Mastiff, ein Labrador, ein Pitbull, ein Zwergspitz, ein Mops, ein Yorkshire mit rosa Schleife im Haar und eine Mischung mit reichlich Dackel drin. Dazu ist es so heiß, wie die Sonne Kaliforniens eben auch im Winter scheinen kann. Schnell steht mir der Schweiß auf der Stirn.

Warum muss ich ein mir fremdes Rudel ausführen? Das wird bis zum Ende der Lektion nicht ganz klar. Aber es könnte damit zu tun haben, einem vorzuführen, wie verspannt man ist. Verspannt sein ist ganz schlecht. Denn die Energie, so erklärt Millan, überträgt sich vom Menschen auf den Hund, im Guten wie im Schlechten.

Gut, dass das keiner gesehen hat

Ich widerstehe der Versuchung, mir den Schweiß abzuwischen, weil das irgendwie unlocker wirken könnte. Millan läuft neben mir her, relax, ruft er mir zu, guck nicht nach den Hunden und nicht auf den Boden. Die Hunde sollen mir folgen, nicht ich ihnen. Schon zieht der Pitbull an mir vorbei, es ist Junior, Millans Liebling. Gio, der Mops, folgt ihm, wenigstens bleibt Holly hinter mir, der Labrador, der Millan einst gebissen hat und mittlerweile sehr friedlich wirkt.

Geh ein wenig schneller, sagt Millan. Und erklärt mir, worauf es ankommt. Dass ich die Richtung vorgebe, dass ich Struktur reinbringe. Dass ich die Führung übernehme. Erst müsse der Hund mir folgen, dann, wenn ich es ihm erlaube, dürfe er ein bisschen in der Gegend rumschnüffeln, auch mal sein Territorium markieren, aber nicht andauernd, nur weil ihm danach ist. Sonst tanzt der mir immer auf der Nase rum. Prompt bleibt Junior stehen, hebt das Bein und macht einen veritablen See. Beinahe wäre Millan auf den Mops getreten, der ebenfalls abrupt stehengeblieben ist. Gut, dass das keiner gesehen hat, sonst würde es wieder heißen, Cesar Millan tritt Hunde.

Ich sage stolz, dass mein Duffy zwar oft vorneweg gehe. Aber wenn ich am Zaun „Auto“ rufe, dann biegt er nach rechts ab, zur Garage, und wenn ich „Bäcker“ rufe, dann geht er nach links, weil dort die Bäckerei ist. Aber hier hört natürlich keiner auf das Wort „Bäcker“. Und dass Duffy manchmal einfach geradeaus rennt, weil er ein Eichhörnchen gesehen hat, verschweige ich lieber. Erst später sehe ich eines von Millans Videos, in dem er den Grundfehler erklärt, den viele Menschen machen: Sie denken, sie könnten zu ihrem Vierbeiner einen intellektuellen oder einen emotionalen Zugang bekommen. Aber der Hund lasse sich von seinen Instinkten leiten, da seien Worte allenfalls zweite Wahl.

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