Ludwig Emil Grimm illustrierte die Märchen seiner älteren Geschwister. Diese Lithografie fertigte er 1825 zu „Hänsel und Grethel“ an. Foto: Grimm-Sammlung der Stadt Kassel, 8° Grimm 148p

Brüder GrimmDie wahre Geschichte hinter den Märchen

Von Peter-Matthias Gaede6 Kommentare

Obwohl sie schon gestorben sind, liest man sie noch heute: Vor 200 Jahren arbeiteten die Brüder Grimm an ihrer ersten Sagensammlung. Politisch wollten sie nicht sein, gerecht aber schon.

"Gescheiten Leuten wird zu viel zugemutet"

Brüder Grimm. Zusammen zierten sie ikonenhaft den letzten 1000-D-Mark-Schein. Foto: Wikimedia (Elisabeth Jerichau-Baumann)p

In Wilhelms bearbeiteter Fassung desselben Märchens von 1837 hatte die Geschichte dann einen Einstieg, der den Leser regelrecht umwarb: „In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hatte, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch vieles gesehen hat, sich verwunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien.“

Das mochte das Bildungsbürgertum! Wie auch die Illustrationen des jüngeren Grimm-Bruders Ludwig Emil, mit denen die 1825 erschienene sogenannte kleine Ausgabe von 50 Märchen ausgestattet war. Ab 1837, mit ihrer dritten Ausgabe, setzte sich auch die große Version durch, in der schließlich 210 Märchen zu finden waren.

Übersetzt worden waren die gesammelten Geschichten bereits ab 1816/17. Ins Dänische zunächst, bald ins Niederländische, Englische, Französische. Und es musste die Grimms nicht stören, dass sich auch Kritiker regten. Eine „Andacht zum Unbedeutenden“, eine „Hinwendung zur kleinen Form“ monierten jene, die sich an den Winzwesen störten, die durch die Grimm’schen Märchen geisterten: an Wichtelmännern, Blümchen, Läuschen, Rumpelstilzchen.

Krasser noch die Verachtung, mit der ein Christoph Martin Wieland, Dichter aus dem Viergestirn mit Goethe, Herder und Schiller, urteilte: „Ammenmärchen, im Ammenton erzählt, mögen sich durch mündliche Überlieferung fortpflanzen, aber gedruckt müssen sie nicht werden.“ Schließlich ätzte der berühmte Altphilologe und Shakespeare-Übersetzer August Wilhelm Schlegel: „Wenn man die ganze Rumpelkammer wohlmeinender Albernheit ausräumt und für jeden Trödel im Namen der ,uralten Sage‘ Ehrerbietung begehrt, so wird in der Tat gescheiten Leuten zu viel zugemutet.“

Das Publikum der Märchen war durchaus gebildet

Dabei waren es ja durchaus gescheite Leute, die den Grimms die Märchenerzählungen zugeliefert hatten, so sehr die Brüder auch dem „einfachen“ Volk aufs Maul schauen wollten. Die Geistesgrößen Brentano und Achim von Arnim hatten Texte aufgezeichnet und geschickt. Zu den Quellen der Grimms zählten Kasseler Apothekerfamilien und solche, in denen Französisch parliert wurde, auch ein Romantikerkreis um Werner von Haxthausen und Annette von Droste-Hülshoff.

Selbst die „ächt hessische Bäuerin“ Dorothea Viehmann, Lieferantin von 35 Märchen, sprach Französisch und stammte aus einer Hugenottenfamilie. Einzig ein pensionierter Dragonerwachtmeister, Johann Friedrich Krause aus Hoof bei Kassel, fiel ein wenig aus dem belesenen Kreis. Er ließ sich seine eingesandten Märchen von den Grimms in abgelegten Kleidern honorieren.

Auch das Publikum der Märchen – durchaus gebildet. Sittsam sollten die Geschichten sein, wenn bürgerliche Mütter sie vorlasen. Weshalb schon bald die Schwangerschaft der Rapunzel getilgt war und der Froschkönig nicht mehr ins Bett der Jungfrau schlüpfen durfte. Eine Selbstzensur, die zumindest für Jacob keine Tortur gewesen sein dürfte. Später, bei der jahrzehntelangen Arbeit am „Deutschen Wörterbuch“, quälte sich Jacob bei „unanständigen“ Worten. Zum Beispiel der „Fotze“. Ein „unhübsches, gemiedenes“ Wort, fand er, gleichwohl nicht zu vermeiden in einem Werk, das nun wirklich alles erfassen sollte, was jemals aus einem Mund gekrochen war. Also ergänzte Jacob, lebenslang unverheiratet und nicht einmal auf einen einzigen verbrieften Kuss mit einer Geliebten zurückblickend, weil auch aus einer Verlobung mit dem Fräulein Luise Bratfisch nichts geworden war: „Fötzli, Fud, Fötzel, Fotzenhaar“. Drei Spalten mit weiteren Versionen füllte er tapfer.

Gewalt und Exzesse störten die Grimms wenig

Sonst aber, so schrieb ihm Günter Grass im Jahr 2010 in seiner „Liebeserklärung“ hinterher, sei Jacob lüstern allein nach Wörtern gewesen, auch nach solchen, „die fremdgehen, sich begatten, verflüchtigen“. Aber eben bloß nach den Wörtern, nicht danach, sich „in unzüchtiger Weise mit dem Fleisch (zu) vermischen“.

Grimmwelt Kassel

Das Museum

Als die „Grimmwelt“ 2015 eröffnete, wählte sie der „Guardian“ sofort zu einem der zehn besten neuen Museen der Welt. Das liegt an der sprechenden Dornenhecke, die Besucher vom Weg abbringt, an der Schimpfwortmaschine, die einen mit den Worten der Märchenbrüder beleidigt, am Froschkönig aus Laser, der einem vor die Füße hüpft

und an Ai Weiweis von Autolack glänzenden

Baumstümpfen, die er der Einrichtung schenkte. Außerdem liegen hier von den Grimms handschriftlich kommentierte Exemplare ihrer „Kinder- und Hausmärchen“,

die seit 2005 zum Unesco-Welterbe zählen. In diesem Jahr ist auch die Documenta in den Museumsräumen zu Gast.

Di-So 10-18 Uhr, 10/7 Euro, Weinbergstraße 21, 34117 Kassel, grimmwelt.de

Märchen erleben. Das Museum " Grimmwelt Kassel" vermittelt das faszinierende Leben und Schaffen der Brüder Grimm. Foto: GRIMMWELT Kassel/Andreas Berthelp

Die Gewalt in den Märchen? Störte die Grimms offenbar wenig. Die vielen Verniedlichungformen, die -chens und -leins, mochten manchem Horror die Spitze abbrechen. Aber all die Brüderlein und Schwesterlein, Geißlein und Schneiderlein, Knäblein und Dornröschen, Äugchen und Hühnchen, also der biedermeierliche Schliff, änderten nichts daran, dass in den gesammelten Erzählungen der Grimms aufs Heftigste Augen ausgepickt und Frauen verprügelt wurden, Menschen ertranken, in glühenden Schuhen zu tanzen hatten, an Stricken endeten und in genagelten Fässern zu Tode geschunden wurden. Oder wenigstens mussten sie Kröten fressen. Oder ihrer geliebten Tochter die Hände abhacken.

Haben die Grimms diesen Horror, diesen Albtraumstoff als Moralkeule geschwungen? Oder war er indirektes Abbild vergangener oder gar noch gegenwärtiger realer Verhältnisse?

Krasse Armut oder Exzesse haben die Grimms persönlich allenfalls am Rande erlebt. In kurfürstlicher Anstellung in Kassel oder als Professoren in Göttingen waren sie nie im Elend angesiedelt. Ihr Reiseradius war nicht riesig: Hersfeld, Fulda, Marburg, Höxter, dazu Frankreich und Italien. Mal zu Gast in Berlin, wo Wilhelm eine „unglaubliche Frivolität“ wahrnahm, mal am Tische des Herrn Goethe in Weimar, wo er die angerichteten Gänseleberpasteten als „ungemein splendid“ empfand, auch den roten Wein, von dem Goethe „fleißig getrunken“ habe, mehr aber noch dessen Gefährtin.