Ludwig Emil Grimm illustrierte die Märchen seiner älteren Geschwister. Diese Lithografie fertigte er 1825 zu „Hänsel und Grethel“ an. Foto: Grimm-Sammlung der Stadt Kassel, 8° Grimm 148p

Brüder Grimm Die wahre Geschichte hinter den Märchen

Peter-Matthias Gaede
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Obwohl sie schon gestorben sind, liest man sie noch heute: Vor 200 Jahren arbeiteten die Brüder Grimm an ihrer ersten Sagensammlung. Politisch wollten sie nicht sein, gerecht aber schon.

Sie waren brave Kinder, der Jacob und der Wilhelm, und zeitlebens ließen sie nicht voneinander und sprachen, so unterschiedlich sie auch manchmal dachten, immer mit einer Stimme. Und so diktierten sie am 19. September 1789, Jacob war vier, Wilhelm drei Jahre alt: „Mein lieber Vatter. Zu Ihrem heuthigen GeburthsTage wünsche ich Ihnen Glück und bitte Gott daß er Ihnen mein bester Vatter mit der lieben Mutter noch Ville Ville Jahre und Ihren gehorsamen Söhnen erhalten wolle. Jacob, und Wilhelm Grimm.“

Aber es war auch damals nicht die Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hätte – das geschah nur in den alten Volksmärchen, die sie später sammeln sollten. Schon im Alter von 44 Jahren starb der Vater der sechs Grimm-Kinder. Sozialer Abstieg drohte der Familie. Konnte die Tante helfen, Kammerfrau der Landgräfin Wilhelmine Karoline von Hessen-Kassel?

Jacob, elfjährig, schrieb ihr: „Beste Jungfer Tante jetzo empfehle ich mich Ihnen mit meinen fünf vaterlosen Geschwistern Ihrer Liebe und Vorsorge, und ich bin überzeugt, daß ich keine Fehlbitte thue … hochachtungsvoll Dero gehors. Vetter J. L. C. Grimm.“

Ja, die Tante konnte helfen, Jacob und Wilhelm wurden aus dem südosthessischen Steinau nach Kassel geholt, übersprangen bald ganze Klassen am Gymnasium, wurden täglich vier Stunden zusätzlich in Latein und Französisch unterrichtet – und so zu jenen Bücherwürmern, die sie von da an bleiben würden, wissensdurstig und vom Forscherdrang fortgerissen.

Spaziergänge? Er gehe in der Literatur spazieren, sagte Jacob

Spracherforschung: Das war bald das Lebensthema von Jacob und Wilhelm Grimm. Sie widmeten sich der Geschichte der (deutschen) Sprache mit einem Eifer, für den das heutige Wort „Workaholic“ noch ein viel zu laues wäre. Eskapaden? Keine. Blattern, Scharlach, Asthma, Kopfschmerzen, Brustschmerzen, später Sehschwäche, Depressionen, Schlaganfälle: waren bei den Grimms nie eine Ausrede fürs Nichtstun.

Spaziergänge? Überbewertet. Er gehe in der Literatur spazieren, sagte Jacob. Geldmangel? „Dürftigkeit spornt zu Fleiß und Arbeit an, bewahrt vor mancher Zerstreuung“, schrieb er. Jeden mühsam verdienten Taler investierten die Grimms in Bücher.

Und sie lasen alles. Die Bibel und Homer, Hesiod und „Tausendundeine Nacht“, indische Fabeln und altdänische Heldenlieder, Minnesang und „Des Knaben Wunderhorn“. Sie begannen, Analysen zu veröffentlichen, über den altdeutschen Meistergesang, das Lied von Hildebrand und Hadubrand.

Dann: die Märchen! Im Gesamtverzeichnis der Grimm-Schriften mit seinen rund 730 Titeln sollten sie nicht die Hauptrolle spielen. Aber den Weltruhm der Brüder begründeten sie, wurden bis heute in über 100 Sprachen übersetzt, von Tschaikowsky und Humperdinck zu Ballett- und Opernstoff geformt, von Disney und einem Monty-Python-Komiker zu Filmen gemacht. Sie bieten Stoff für die Forschung. Für Volkskundler, Germanisten, Historiker, Psychoanalytiker, Erziehungswissenschaftler, auch Esoteriker.

Es begann mit einem leisen Disput der Brüder

Dabei begann alles klein. Weder waren die Grimms die Ersten, die eine Märchensammlung veröffentlichten, noch war ihrer Kollektion ein sonderlicher Erfolg beschieden, als sie mit einer Auflage von 900 Exemplaren im Verlag von Georg Andreas Reimer erschien.

Es begann auch mit einem leisen Disput der Brüder. Vor allem dem Asketen Jacob stand der Sinn nicht danach, mit den Märchen familientauglichen Erzählstoff zu liefern. Er wollte die „historisch genaue Untersuchung“, wollte reine, ungeschönte Quellenkunde, wollte nichts modernisieren, „nichts in unsere Zeit verpflanzen, wohin es an sich nicht mehr gehört“. Denn „so wenig, wie sich fremde edele Thiere aus einem natürlichen Boden in einen anderen verbreiten laßen, ohne zu leiden u. zu sterben, so wenig kann die Herrlichkeit alter Poesie wieder allgemein aufleben …; allein historisch kann sie unberührt genoßen werden.“

Jacobs Bruder Wilhelm dachte da anders. Es gebe kein Gedicht „an sich“, argumentierte er, auch eine alte Geschichte lebe „bloß durch die Beziehung auf den Menschen und seiner Freude daran“. Wilhelm also bearbeitete den Stoff. Das machte die nächsten Ausgaben der Märchen populärer.

Es waren keine geringen Veränderungen, die er vornahm. In der Urfassung von „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“, die den Brüdern von Clemens Brentano zugesandt worden war, hatte der erste Satz noch schlicht gelautet: „Die jüngste Tochter des Königs ging hinaus und setzte sich an einen kühlen Brunnen.“

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