Der Laden befindet sich in Hardenbergstraße 9a in Charlottenburg. Foto: Thilo Rückeis
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Berlins älteste Kartenhandlung Wie die Welt immer kleiner wurde

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Die Firma Schropp verkauft den Berlinern seit 275 Jahren, was sie dringend brauchen: Orientierung. Über faltbare Landkarten in Zeiten von GPS und Apps.

Blättern, Knicken, Falten. Bibliotheksgeräusche. Der Fußboden knarzt unterm grauen Teppich. Die Standuhr tickt leise.

„Sagen Sie, ist Wadi Rum von Petra weit entfernt? Ich bin eigentlich nur auf Dienstreise im Land.“ – „So zwei Stunden mit dem Taxi brauchen Sie schon.“ – „Na ja, dann ist es wohl zu weit.“

Seit die Erde den Geodäten ins Netz gegangen ist, also eingefasst in Längen- und Breitengrade, ist jeder ihrer Punkte auf einer Karte darstellbar. Unter den Koordinaten N 52° 30‘ 34.704 E 13° 19‘ 29.064 und 35 Meter über dem Meer ist die Berliner Kartenhandlung mit dem etwas widerborstigen Namen „Schropp Land & Karte“ zu finden. Das Produkt? Orientierung. Im weitesten Sinne. Orientierung für alle.

Denn die Kartenhandlung Schropp bietet den Winkel, von dem aus man die ganze Welt in den Blick nehmen kann. Im Spiegel ihrer Reiserouten entsteht ein Weltbild der Deutschen. Die Gedanken irgendwo in der Ferne, sitzen die Kunden versunken vor Stapeln von Reiseführern. Hier auf etwa 160 Quadratmetern in traditionsreicher Innenstadtlage, Hardenbergstraße 9a im Jahr 2017. Dem Zeitalter, von dem es heißt, analoge Printprodukte stürben aus. Benutzt denn überhaupt noch jemand eine Karte?

Seit 1979 führt Regine Kiepert das Landkarten- und Reiseführergeschäft Schropp. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Gegründet 1742, bevor es überhaupt Tourismus gab

„Geben Sie mal alles her“, sagen die Leute zu den Verkäufern – und weg sind sie: Kuba, Pommern, Jordanien, Cornwall und die Uckermark. Sie suchen den Kick im Urlaub, Erholung oder die Gebeine der Verwandten. Jetzt ist gerade Fahrradsaison.

Regine Kiepert steuert seit 38 Jahren das Geschäft durch die unruhigen Gewässer mittelständischer Unternehmen. Sie hat mit 21 Jahren für ihre Diplomarbeit als Geografin in Pakistan ein Dorf kartografiert, sie ist durch die Mongolei geritten, sie fährt gerne Kanu und Vespa, aber ihr Unternehmensarchiv am Eichborndamm in Reinickendorf muss sie jetzt suchen. Manchmal scheint eine Reise in die Vergangenheit vertrackter als eine ans andere Ende der Welt.

Der junge Mann, der in dem Gewerbegebiet die Tür zum Berlin-Brandenburger Wirtschaftsarchiv aufschließt, ist kurz davor, sich vor Regine Kiepert zu verneigen. Hunderte Unternehmensgründungen gebe es jedes Jahr in Berlin, aber nur sehr wenige werden überhaupt 100 Jahre alt. Schropp ist eines der ältesten Unternehmen Berlins, 275 Jahre in diesem Jahr, nach der Baumschule Späth, die 22 Jahre früher gegründet wurde. Das Material der Zeit von 1795 bis 1999 lagert hier in Schubkästen.

Wer so lange überlebt, braucht entweder ein zeitloses, immer nachgefragtes Produkt – wie etwa Bäume – oder er muss sich anpassen. Und so ist dies eine Geschichte darüber, wie die Welt und das Reisen sich veränderten – und wie man sich bei Schropp zu helfen wusste. Gegründet, bevor es überhaupt Tourismus gab, bevor der kleine Mann auf Reisen ging und ein großer Wirtschaftsfaktor wurde. Gegründet 1742, als die größten Bewegungen Truppenbewegungen waren, und das Erstellen und Handeln mit Karten Staatsangelegenheit.

Früher gab es noch keinen Massentourismus. Die größten Bewegungen waren Truppenbewegungen. Historische Karten zeugen davon. Foto: Deike Diening
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Kiepert musste die imposante Geschichte erst kennenlernen

So ein Erbe zu übernehmen, plant ja keiner. So etwas kommt über einen. Ein ehemaliger Mitarbeiter hatte sich an Regine Kiepert, die Tochter von Robert Kiepert gewandt, damals Inhaber der größten, besten Buchhandlung West-Berlins. In Buchläden gab es noch keine Schokoriegel und an der Tankstelle keine Bücher. Es ist 1979, Regine Kiepert beendet gerade ihr Studium der Geografie. Sie besucht ihre Vorgängerin Gertraud Fenz in den Räumen einer ehemaligen Sparkasse in der Potsdamer Straße 100: 185 Quadratmeter Erdgeschoss, 130 im Keller, ein Riesentresor ist noch übrig von der Bank und eine Telefonzelle im Raum. Monatsmiete: 1250 D-Mark. Kiepert konnte nicht Nein sagen.

Die imposante Geschichte der „Anstalt“ musste auch sie erst kennenlernen.  Wie 1742 ein Mann namens Simon Schropp von Friedrich II. die Erlaubnis erhält, mit Karten zu handeln. Wie die „Kartographie-Anstalt“ zur größten Berlins wird und Napoleon, plötzlich ganz nah, sich für die Druckplatten interessiert. Wie sie in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in der Dorotheenstraße 53 ausgebombt werden. Danach fehlt es natürlich an allem. Per Kleinanzeige im Tagesspiegel suchen sie Papier, das sie mit Karten bedrucken können – und Atlanten zum Ankauf.

Oft ist es Zufall, was an Dokumenten abgeheftet und aufgehoben wird: Warum ist ausgerechnet die Rechnung über die Sektflaschen für die Weihnachtsfeier noch da? Nein, sagt Kiepert. Das sieht jetzt aus, als hätten sie häufig einen gehoben. Dann geht es um die Weihnachtsdeko 1988, Rechnungen für 60 Kieferngestecke. Es gibt Bestelllisten und Dankschreiben. Und es gibt Schwarz-Weiß-Fotos von ein paar Herren im Freien, Aufschrift „Herrenpartie, Himmelfahrt 1936“. Keiner weiß mehr, welche Herren im Einzelnen zu sehen sind.

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