Der Laden befindet sich in Hardenbergstraße 9a in Charlottenburg. Foto: Thilo Rückeisp

Berlins älteste KartenhandlungWie die Welt immer kleiner wurde

von Deike Diening1 Kommentare

Die Firma Schropp verkauft den Berlinern seit 275 Jahren, was sie dringend brauchen: Orientierung. Über faltbare Landkarten in Zeiten von GPS und Apps.

War Schropp ein Krieggewinnler?

Gute Karten. 1742 erhielt Simon Schropp vom preußischen König die Erlaubnis, mit Landkarten zu handeln. Foto: Archiv Schroppp

„Schropp war sicherlich ein Kriegsgewinnler“, sagt Regine Kiepert, denn Karten wurden dringend gebraucht. Vom Militär sowieso, Karten sind kriegsentscheidend. Von ihrer Genauigkeit hängen Sieg oder Niederlage ab. Als präzise Wanderhilfen gelten bis heute die Karten des Schweizer Militärs. Aber auch die Bevölkerung will sich orientieren. Der Frontverlauf, ständig wechselnd, schiebt ein Band des Interesses durch die europäischen, plötzlich verfeindeten Nachbarländer. Die schnarrende Radiostimme trägt täglich neue, unbekannte Namen von Kriegsschauplätzen in die Wohnzimmer der Familien, deren Männer da draußen die Idee des 1000-jährigen Reiches befeuern. Ein Krieg ist eine Welt für sich. Der Frontverlauf schert sich nicht um kulturelle Höhepunkte, er führt durch Sümpfe und Gebirge. Auch die Namen bis dahin völlig unbekannter Landschaften gehen in den Sprachgebrauch ein. Womit verbindet man denn heute noch die Ardennen?

Bekanntlich haben die Deutschen den Zweiten Weltkrieg verloren, aber dann den Titel Reiseweltmeister gewonnen. Es ging um die Eroberung der Welt mit friedlichen Mitteln, man musste nur dem Reiseführer folgen.

Eine paar unbeschwerte Jahrzehnte lang bestimmte das Freizeitverhalten ihre Vorstellung von der Welt. Seitdem ist Schropps Produkt eigentlich die Vorfreude. Zu diesem Zeitpunkt steigt Regine Kiepert ein. Die Italiensehnsucht hat sie von hier aus mit Karten unterfüttert, die Hochzeitsreisen nach Dalmatien, Bulli-Trips in den Nahen Osten. Von ihren Fernreisen kommen die Deutschen mit einer ganz neuen Kunstgattung zurück: Der Diavortrag mit mehreren, sich überblendenden, rotierenden Diakarussells und Musikbegleitung.

Die Bestseller sind Karten aus Berlin und Brandenburg

Ein Paar sucht Radkarten für Dänemark, aber schlechtes Wetter ist angekündigt. „Radfahren im Regen ist gar nicht so schlimm“, versichert Regine Kiepert. „Wenn man erst einmal warm ist.“

Drei Mitarbeiter haben sich auf verschiedene Gebiete spezialisiert, auf die Globen, auf Ost- und Westeuropa. Sie vereinen das Reiselustige mit dem Sesshaften, denn sie sind schon bald 20 Jahre dabei. Sie erfassen sofort, in welchem Maßstab ein Kunde Urlaub machen will.

1:1 000 000 für die ganze Welt, 1:100 000 für die Autokarten, 1:50 000 für die Radwanderwege und Wasserstraßen, Schleusen inklusive. Man gelangt von hier in die hintersten Winkel der Erde, aber die Bestseller sind Karten aus Berlin und Brandenburg: Wanderkarten, Umlandstouren für Berliner Motorbootbesitzer und Wochenendradler.

Am besten verkaufte sich im letzten Jahr eine Karte vom ADFC mit Tagestouren in die Uckermark.  „Vor 20 Jahren gab es quasi keine Radkarten.“ Heute sind in der Warengruppe Fahrrad 2000 Artikel im Angebot. „Und das Gebiet wächst noch immer.“ Die Welt ist entdeckt, jetzt möchte sie wiederentdeckt werden. Als Outdoorziel.

Und dann gibt es noch die kleine hölzerne Lade im ersten Raum links hinten: Karten im Maßstab 1:25 000 für kleinste Dörfer, jedes Gehöft ist eingezeichnet. Wer hier nach den Karten Pommerns und Ostpreußens greift, sucht den Maßstab seiner Kindheit, sucht keinen Urlaub, sondern seine Wurzeln. Alle Orte sind auf den Nachdrucken aus den 30er Jahren zweisprachig ausgewiesen, hergestellt vom Bundesamt für Kartographie und Geodäsie.

Jede Karte ist ja ein Ausschnitt aus Ort und Zeit, denn nur zu einer bestimmten Zeit verlaufen die Grenzen eben genau so. Heißen die Orte eben genau so. Die Welt zu kartografieren – was für ein vermessener Gedanke. Jede Generation entdeckt eine andere Welt.

Schropps Kartenhandlung wird zur größten Berlins. Acht Mal wechselte das Unternehmen seinen Standort. Foto: Archiv Schroppp

Seitdem es die Apps gibt, wird die Welt immer kleiner

Ein älterer Kunde will unbedingt in den Kaukasus. Er sei dort in Kriegsgefangenschaft gewesen, „es war trotzdem so schön“.

Sollte es irgendwann ein Kartenträgermaterial geben, auf das man wechselnde Inhalte laden kann, sei Schropp ernsthaft in Gefahr, sagt Regine Kiepert. So aber nutzen viele das Smartphone für das Detail und Karten für den Überblick. Karten? Kannste knicken. Das ist ja das Gute: Falten, in die Tasche stecken, draufsetzen. Ach, ein Telefon hat schließlich jeder. Seitdem es die Apps gibt, wird die Welt immer kleiner, so klein wie ein Handybildschirm. Der fehlende Überblick ist Teil des Systems. Das Kartenlesen besorgt das Gerät, man selbst bleibt immer blau pulsierend im Mittelpunkt von allem. Es gibt sogar eine eigene Orientierungsvitrine im Geschäft. Unten liegen die GPS-Geräte für die Kunden, die nach einer der regelmäßig angebotenen Schulungen in unwegsames Gelände ohne Handyempfang aufbrechen. In den oberen Regalen sind Sextanten wieder zu haben und Kompasse in Retrooptik. Als historisches Geschenk für Segler zu Weihnachten, theoretisch benutzbar, aber wahrscheinlicher bleiben sie Dekoration.

So ist es oft in der Gegenwart 4.0: Das einst Notwendige erhält ein zweites Leben als Dekoration. Wie mechanische Armbanduhren. Wie die Einrichtung alter Apotheken, die jetzt als malerischer Hintergrund in Cafés dienen. Wie Schwarz-Weiß-Fotos, die, seitdem es Handys gibt, automatisch als Kunst wahrgenommen werden. Oder auch wie historische Karten. Sie sind gerade sehr gefragt mit ihrer schönen Optik, als historisches Zitat, sie demonstrieren Geschmack, Bildung und Weltläufigkeit. Bester Flohmarktartikel.