Der Helmkasuar (Casuarius casuarius) gehört zu den größten Laufvögel Australiens. Foto: imgao/imagebroker
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Berliner Schnauzen: Der Helmkasuar Sie wollte nur Sex

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Das war's mit der Liebe im Haus Helmkasuar. Nachdem die Henne Eier gelegt hat, muss der Hahn den Nachwuchs alleine großziehen. Und geht in der Brutpflege fast ein.

Er hat ein Gesicht, das nur eine Mutter lieben kann. Blaue schuppenähnliche Haut, fiese Glotzaugen, eine verknöcherte Hornhauthaube und ein fingergroßes Loch, wo das Ohr sitzt. Der Helmkasuar strotzt nicht gerade vor Schönheit. Und er tut auch sonst alles, damit sich ihm Menschen nicht mit zu viel Hingabe zuwenden. Kommt ihm jemand zu nahe, attackiert der australische Laufvogel den Störer mit seinen kräftigen Beinen, an denen sich drei wuchtige und sehr wehrhafte Krallen befinden. Ratsch. Kasuar, ick hör dir kratzen.

„Na, Mäuschen“, sagt Janine Brix, Tierpflegerin in der Fasanerie des Zoos – und meint die Henne, die, flatsch, flatsch, Dreizackenzehe auf die Erde links, Dreizackenzehe rechts, durch die Anlage stolziert. Der Kasuar, sagt sie, ist einer ihrer Lieblingsvögel, eben weil er so besonders aussieht. Neben der schrillen Gesichtsfarbe zeichnen ihn ein bunter Hautlappen am Hals aus und ein paar rudimentäre Flügelknochen, die wie dunkle Drähte aus dem schwarzen Gefieder hervorgucken.

Zum Glück hatte die Henne Interesse

Frau Brix erzählt, wie die Pfleger zu Ostern bangten, als Hahn und Henne zum ersten Mal aufeinander trafen, zwei Einzelgänger, die sich beharken würden, begegneten sie sich nicht in der richtigen Stimmung: nämlich in der hormongesteuerten Paarungsbereitschaft, in der auch Kasuare ihre Ruppigkeit zum Teil ablegen und wenn auch nicht sanftmütig, doch wenigstens kompromissbereiter werden.

Zum Glück zeigte die Henne Interesse, die abwartenden Pfleger konnten die Waffen in der Hand ablegen, die Besen, Schläuche und anderen Gartengeräte, und die zwei Vögel simulierten für eineinhalb Monate inniges Pärchenverhalten. Sie gingen zusammen die Anlage ab, rupften einander nicht die urtümlichen Federn aus – bei Kasuaren kommen übrigens zwei aus einem Schacht – und fabrizierten schließlich zwei Eier.

Diese legte die Henne in den Stall des Hahnes, in freier Wildbahn würde sie die Eier auch in das fremde Revier legen, in die dichten Urwälder Nordaustraliens und Papua-Neuguineas, und dann verließ sie der Mutterinstinkt sofort. Sie wurde grantig und kehrte zum Singledasein zurück. Seitdem sitzt der Hahn auf den Eiern, Tag und Nacht, weswegen ihn die Besucher auch nicht sehen. Er verliert Gewicht, frisst nur ein Drittel der sonstigen Nahrung, geht in der Brutpflege völlig auf und fast ein. „Wir warten täglich auf das Ergebnis“, sagt Janine Brix, die 55 Tage Brutzeit sind vorüber, doch niemand weiß im Moment, ob die Eier befruchtet sind. Denn nähern darf man sich dem möglichen Vater auf keinen Fall. Mittelkralle, wie gesagt.

Mit ihrem Kot verteilen sie Samen im Wald

Die Mutter nebenan ficht das nicht an. Sie schreitet zum Wasserbecken, schöpft mit dem Schnabel Wasser ab, reckt den Hals hoch und schluckt es dann runter. „Schauen Sie mal“, sagt Frau Brix und weist auf einen breitgelatschten Fladen hin. Im Kot sind noch fast unverdaute Apfelschnitze.

Das liegt daran, dass die 1,70 Meter großen Vögel einen schlechten Verdauungsapparat haben. Kasuare müssen laufend essen, zumeist vegetarisch, aber auch eine Maus für den kleinen Hunger zwischendurch. Dank der vielen Ausscheidungen werden Pflanzensamen großzügig im Urwald verteilt. So hat diese Frankensteinhaftigkeit des Daseins am Ende einen Sinn.

Helmkasuar im Zoo

Lebenserwartung:  bis 40 Jahre

Interessanter Nachbar: Inkaseeschwalbe, Waldrapp

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