Heimweg. Zum Feierabend sprang Uli Emanuele dem Schweizer Dorf Lauterbrunnen entgegen, bis in seinen Garten. Foto: Raffael Waldnerp

Basejumper in LauterbrunnenWie Wolken schmecken

Von Michael Schophaus11 Kommentare

Steile Wände, glatte Kanten – Lauterbrunnen ist das Paradies der Basejumper. Uli Emanuele zählte zu den besten. Ein Nachruf.

So lebt der Ort mit den Springern

Lauterbrunnen, Paradies für Basejumper. Eiger, Mönch und Jungfrau lächeln ins Tal. Foto: dpap

Ich streifte damals tagelang durch Lauterbrunnen, um wenigstens die Menschen zu verstehen, die es leid waren, ihre Köpfe zu ducken. Wenn sie Schatten über sich spürten, das laute Flattern des Stoffes hörten. Da kommt wieder einer.

Über 300 Tote bislang. Man nennt Lauterbrunnen Death Valley. Was denkt das Dorf über diese Leute, die sich im freien Fall die Kante geben? Ich traf den Bürgermeister, den Rettungsarzt, den Pfarrer, einen Bauern.

Der Bürgermeister hieß Peter Wälchli und sagte: Ich liebe die Springer. Sie sind freundlich, höflich, wollen nur Spaß. Sollen sie sich lieber als Hooligans im Stadion prügeln?

Er hielt über Facebook mit ihnen Kontakt. Springt nicht über Kirchen ab, bat er sie, nicht über Schulen oder Kindergärten. Einer war ein Jahr zuvor vor dem Fenster einer vierten Klasse gelandet. Hing im Baum, vom Fallschirm begraben. Gliedteile fehlten, Rumpf und Arme verdreht. Die Kinder träumten lange davon, schrien im Schlaf.

Ihre Lehrerin sagte: Wie soll ich ihnen beibringen, vor einer roten Ampel zu warten, solange die hier springen?

Herr Wälchli kannte sich mit Zahlen aus. Aber dass ihm die Basejumper auch viel Geld in die Gemeindekasse spülten, gestand er nicht. Die leben gern billig, zu viert auf einem Zimmer. Sixpack im Kühlschrank. Viel hängen bleibt da nicht, sagte er.

Ein Springer stürzte in eine Hochspannungsleitung, 16 000 Volt. Zappelte wie ein verletzter Vogel. An der Schulter klaffte ein Loch, es roch nach verbranntem Fleisch. Er hielt seine Go-Pro-Kamera drauf, stellte die Bilder bei Youtube rein. Dann erst ließ er sich von der Feuerwehr bergen.

Wie beerdigst du Basejumper?

Pfarrer Markus Tschanz nahm sich gern mal ein paar Bier im Horner. Er mochte die jungen Leute. Springen, sagte er, ist keine Gotteslästerung. Wenn es am Samstagabend spät wurde, boten sie sich scherzhaft an, seine Predigt am nächsten Morgen zu halten.

Wie beerdigst du eigentlich Basejumper? fragte man den Pfarrer, als er ins Tal des Todes berufen wurde. Gar nicht, antwortete er. Die meisten kamen von außerhalb. Lagen oft wochenlang in der Aussegnungshalle, weil es dort eine gute Kühlung gibt. Bis sie von der Kripo abgeholt wurden. Nach Peru, Kanada, Spanien. Gott weiß, wohin. Ihn schauderte es, wenn ihre körperlichen Reste gerichtsmedizinisch untersucht wurden.

Früher lag eine beliebte Absprungstelle direkt über dem Friedhof. Da kam es vor, dass Trauergäste am offenen Grab Lustschreie über sich hörten. Oben himmelhoch jauchzend, unten waren sie zu Tode betrübt. Irgendwann wurde der Platz zur Sperrzone erklärt.

Lauterbrunnen im Schweizer Kanton Bern: 30 000 Sprünge jährlich, bislang 300 Tote. Foto: dpap

Klettern ist gefährlicher

Ich ging ein paar hundert Meter die Dorfstraße entlang. Zu Bruno Durrer, Rettungsarzt. Immer, wenn er mit dem Hubschrauber zum Einsatz flog, kriegten seine Patienten ein dickes Stück Kuchen. Weil sie so lange warten mussten, bis er wiederkam.

Er hatte schon viele Tote aus den Bergen geholt. Die meisten waren Bergsteiger. Klettern ist viel gefährlicher, sagte er, als sich mit einem Fallschirm in die Tiefe zu stürzen. Japaner in Badeschlappen. Das ist unser Problem.

Durrer ist ein Kerl wie ein Baum. Er kletterte im Himalaya, fuhr Motorrad wie eine besengte Sau. Wäre ich nicht schon über 60, sagte er, würde ich es selbst mit Basejumpen versuchen. Oft hatte er es mit cliff-strikes zu tun. Wenn sie gegen den Fels schlugen. Sich mit dem Schirm verhakten, an den Wänden baumelten. Dann musste er sie an einer Leine herausziehen. An die Wand ranfliegen, bis auf einen Meter. So konnte er schon viele retten.

Anderen Helfern war es passiert, dass der Luftwirbel der Rotoren den eingeklemmten Fallschirm wieder freigelegt hatte. Der Springer fiel ungebremst auf den Boden. Albtraum, sagte Durrer.

Sie sterben auf den Wiesen des Bauers

Albträume kannte auch Adolf von Allmen. 30 Hektar, 26 Kühe. Sein Bauernhaus steht am Buchenbachfall. Über ihm High Nose, Mürrenfluh. 400 Meter, senkrecht. Oft dachte er, wenn er gerade auf dem Feld arbeitete: Zieh endlich Leine, Mensch. Einmal zu spät, und du bist tot.

Im Frühjahr zuvor starben hier vier an einem Wochenende. Eine junge Frau auf seiner Wiese. Anfängerin. Schieflage, gegen den Fels. Ihr Mann hockte im Gras, musste alles mitansehen. Stellte ihre Urne auf einen Stein an der Schilthornbahn. Fly free, little girl schrieb er in der Todesanzeige.

Man soll die jungen Leute lassen, sagte der Bauer zu mir. Ist doch nur eine Sucht, irgendwie. Hühner haben zwar Federn, können aber nicht fliegen. Ein Springer landete auf seinem Dach. Mordslärm, Putz rieselte von der Decke. Als er rausrannte, fragte ihn der grinsend nach einer Leiter.

Der Bauer zeigte nun mit der Mistgabel zum Wald. Da lag mal einer, der halbe Kopf zerschmettert. Die andere Hälfte noch im Helm. Sein Freund ließ die Leiche abholen, schulterte den Rucksack. Ging gleich wieder springen. Adolf von Allmen bekam Geld von der Gemeinde. Dafür, dass sie auf seinen Feldern landen durften. Er wollte nicht sagen, wieviel. Die im Dorf nannten es Schweigegeld.

Uli Emanuele starb am 17. August 2016. Am Black line exit, nicht weit vom Hof des Bauern. Sein letzter Eintrag bei Facebook ist ein Bild von ihm selbst. Am Horizont die Sonne. Die blaue Fledermaus lächelt, bevor sie in den Tod fliegt.

Die Ursache ist nicht geklärt. Im Unfallbericht heißt es, er könnte als Kameramann für einen anderen Basejumper gesprungen sein. Sei dann wenige Meter hinter dem Freund hergeflogen, als er nach einer Rechtskurve die Stabilität verlor. Sei ins Trudeln geraten, gegen eine Felswand geprallt.

Er war auf der Stelle tot. Wurde 30 Jahre alt.

Kein Mitleid, schrieb einer ins Netz. Wer so was macht, sollte wissen, dass er mit dem Teufel tanzt.