Schwitzen in einer Einmann-Sauna. Auch das gehört zur Ayurveda-Kur. Foto: Anne Schönharting
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Ayurveda am Wannsee Der Mann, der aus der Kälte kam

Andreas Wenderoth
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Sesamöleinläufe, Blutegel, schweigend Mungbohnen frühstücken: Chronische Schmerzen brachten ihn zu einer Kur, die alles verändert.

Seit vielen Jahren leide ich immer mal unter rheumaartigen Entzündungsschüben in den Fingern. Und an meiner Hüfte haben Ärzte schon vor Längerem eine beginnende Arthrose diagnostiziert, außerdem ein schmerzhaftes Anschlagen der Knochen im Gelenk, ein sogenanntes Hüft-Impingement.

Vor fünf Jahren wäre ich deshalb schon fast auf dem OP-Tisch gelandet, entzog mich dem jedoch, weil die Schmerzen just an jenem Tag, als die Operation besprochen werden sollte, erfreulich gering waren (was psychologische Gründe gehabt haben mag, aber sei’s drum). Der Chirurg sagte jedenfalls, er wünsche mir viel Glück, aber er sei relativ sicher, dass wir uns bald wiedersehen.

Diesen Gefallen möchte ich ihm eigentlich nicht tun. Oder ihn zumindest so lange wie möglich hinauszögern. Insofern lag es nahe, mich um alternative Methoden der Arthrosetherapie zu kümmern. Ein Angebot weckte mein Interesse: eine mehrwöchige Ayurveda-Kur am Wannsee in Berlin, beim dortigen Immanuel-Krankenhaus. Dessen naturheilkundliche Abteilung hat eine mehr als 65 Jahre zurückreichende Historie, seit 2009 gibt es dort auch eine Professur für klinische Naturheilkunde. Ich falle also nicht Quacksalbern in die Hände, sondern schulmedizinisch ausgebildeten Ärzten, die Naturheilverfahren wissenschaftlich erforschen und anwenden.

Die Zunge verrät viel über die Gesundheit

Zu einem Vorgespräch treffe ich den Oberarzt Dr. Christian Keßler, einen Internisten, der ayurvedische Therapien und Techniken in Indien, Sri Lanka und Nepal studiert hat. Er trägt zum Arztkittel tibetische Segensbändchen am Handgelenk und strahlt eine meditationsgestärkte Ruhe aus.

Von Beginn an scheint es mir, als blicke er tief in meine Patientenseele. Vieles möchte er ganz genau wissen: Was ich normalerweise esse und wie ich verdaue (eher unregelmäßig). Wie ich mich nach dem Essen fühle (oft müde). Wann und wie ich schlafe (meist zu spät und insgesamt zu wenig). Ob ich morgens ausgeruht bin (häufig nicht). Wie meine Gesamtsituation ist (eher durchwachsen).

Nach einer kompletten schulmedizinischen Untersuchung fühlt er den Puls und schaut sich meine Zunge an – beides, so erklärt er mir, gehöre zu den zentralen Diagnosemethoden im Ayurveda. Die Zunge sehe gesund aus; keine Anzeichen von Belägen, die auf nicht vollständig verstoffwechselte Nahrung hinweisen würden. Mein Puls aber liefere Hinweise für eine gewisse körperliche Instabilität und einen Mangel an Energiereserven.

Ayurveda ist seit mindestens 2000 Jahren bekannt

Christian Keßler hat hier 2010 den Bereich Ayurveda aufgebaut, mit Förderung durch seinen Chefarzt Andreas Michalsen, ebenfalls Internist. Michalsen war schon lange der Ansicht, dass Ayurveda mit seinem ganzheitlichen Menschenbild die „bio­mechanische“ westliche Medizin befruchten könne – und umgekehrt.

Ayurveda ist seit mindestens 2000 Jahren bekannt. Der Begriff stammt aus dem altindischen Sanskrit und bedeutet „Wissen vom Leben“. Körper und Seele werden als Einheit betrachtet; wenn sich die Seele beruhigt, kann auch das Herz oder der Darm zur Ruhe kommen.

Das Diagnose- und Behandlungskonzept geht von drei Funktionsprinzipien (Dosha) aus, die Vata, Pitta und Kapha heißen. Jedes Dosha steht für eine grundlegende Kraft und besitzt charakteristische Eigenschaften, im Zusammenspiel regulieren sie Milieus und Zustände innerhalb des Körpers. Jeder Mensch verfügt demnach über eine bereits bei der Geburt angelegte spezifische Kombination der Dosha. Dieses individuelle Gleichgewicht aber gerät im Laufe des Lebens womöglich durcheinander, was zu Krankheiten führen kann.

Trockenheit wird Vata zugeordnet, genau wie Kälte

Christian Keßler vergleicht die drei Dosha mit den Grundfarben Gelb, Rot und Blau, deren Mischung im Prinzip unendlich viele Möglichkeiten ergebe. Die Lösung von gesundheitlichen Problemen liege immer auch im individuellen Detail.

Bei meiner Problematik scheint die Diagnose vergleichsweise einfach zu sein: Für Verschleißerkrankungen des Bewegungsapparates wird im Ayurveda stets überschießendes Vata verantwortlich gemacht. Menschen mit einer Vata-Konstitution seien von Natur aus eher feingliedrige, sensible Persönlichkeitstypen, die tendenziell dünn sind, kälteempfindlich und zum Beispiel zu trockener Haut und Nervosität neigen. Darin erkenne ich mich durchaus wieder.

Vata bedeute auf Sanskrit „Wind“, sagt Christian Keßler, und stehe für Leichtigkeit, für Kälte und Trockenheit. Wind trockne einen aus, wie bei zu kaltem Föhnen. Bei einer Arthrose ist aus ayurvedischer Sicht also zu viel Trockenheit und Kälte im Gelenk.

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