Michael Golz bei seiner Ausstellung in Lausanne. Foto: Dorothee Golz
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Art brut in Berlin Das fantastische Universum des Michael Golz

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Auf ins Athosland: Über Jahrzehnte hat ein Künstler mit geistiger Behinderung seine eigene Welt erschaffen. Nun ist sein Werk in Berlin zu sehen.

Ein lauer Sommerabend in Lausanne, die erste Rede ist gehalten. Die Besucher der Vernissage sitzen entspannt im Garten des Museums „Collection de l’Art brut“. Da erhebt sich hastig ein Mann in grünen Shorts und lila Netzshirt, mit langen, silbergrauen Haaren und Vollbart von seinem Ehrenplatz in der vordersten Reihe. Er eilt die Stufen der Treppe zum Haus hoch, bleibt auf dem Vorsprung stehen, schnappt sich das Mikrofon, ruft: „Es kann abgerockt werden. Bitte kreischen!“ Und ist schnell wieder unten. Michael Golz – ihm galt die Rede – macht kurz klar, wie er sich eine gelungene Ausstellungseröffnung vorstellt. Wie eine Party. Mit Musik. Laut und wild.

Tausende von Bildern und eine gigantische Landkarte

Das Schweizer Museum, das hauptsächlich Kunst psychisch kranker und geistig behinderter Künstler zeigt, präsentiert Golz’ monumentales Paralleluniversum. Seine „Reise ins Athosland“ bietet den Blick auf eine Fantasiewelt, die in den vergangenen 50 Jahren entstand und in tausenden von Bildern und auf einer gigantischen Landkarte festgehalten wurde. Sie ist noch lange nicht vollendet. Bereits im vergangenen Jahr zeigte das Kunstmuseum Thurgau Teile des Gesamtwerks in der Kartause Ittingen. Für den dortigen Museumsdirektor Markus Landert ist das Athosland „eine Welterzählung, ein riesenhafter Zerrspiegel, in dem sich die Welt in ihrer unfassbaren Unermesslichkeit spiegelt“. In diesem Winter reisen Teile der Exponate weiter zu einer Galerie in Paris.

Michael Golz ist geistig behindert, als Folge einer schweren Virusinfektion nach der Pockenschutzimpfung im Kleinkindalter. „Aus einem hellwachen, lebhaft an seiner Umwelt interessierten Kind war innerhalb von fünf Tagen bei anhaltend 41 Grad Fieber ein anderes geworden. Er war in sich selbst gefangen, sein Ich war ihm abhanden gekommen“, schrieb seine Mutter Renate Golz-Fleischmann vor fünf Jahren zur ersten Ausstellung ihres Sohnes in Berlin.

Anfang der sechziger Jahre stößt die Familie auf Ausgrenzung

Anfang der 1960er Jahre, als Golz in Mülheim an der Ruhr aufwächst, spricht noch kein Mensch von Inklusion. Behinderte Kinder bleiben damals am besten im Verborgenen. Immer wieder stößt die Familie auf Ablehnung und Ausgrenzung. Michael Golz’ drei Jahre jüngerer Bruder Wulf ist ebenfalls gehandicapt, sein Gehirn hat bei der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen. Die Jungen können nicht wie alle anderen draußen spielen; die Kinder triezen die Brüder. Die Nachbarn verbieten ihren Töchtern auch, Wulfs Zwillingsschwester Dorothee zu besuchen.

Die Mutter dreht einen Dokumentarfilm

Die Mutter, Fotografin und Filmemacherin, will sich und ihre Kinder nicht verstecken. Anfang der 70er Jahre dreht sie einen größtenteils autobiografischen Dokumentarfilm über das Leben mit einem behinderten Kind – „Leben sollst Du“. Ein Novum im deutschen Fernsehen.

Ein guter Teil der Landkarte ist um 1995 bereits erstellt. Foto: Privat
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Frühzeitig erkennt die Mutter das künstlerische Potenzial, das in ihren drei Kindern steckt. Sowohl die Tochter als auch die Söhne sind über die Maßen kreativ. Schon als kleiner Junge begreift Michael, welche Horizonte ihm ein Blatt und Stifte oder Wachsmalkreiden eröffnen. Kurz – und unglücklich – besuchen die Jungen die Sonderschule in Mülheim. Die Mutter reist auf der Suche nach einer Alternative durch Deutschland und findet ein anthroposophisches Internat auf der Schwäbischen Alb. Eckwälden. Die Pädagogen fördern die Kreativität der Brüder. Das Schulgeld verschlingt einen ordentlichen Teil des Einkommens von Vater Hans, einem Ingenieur.

Im Internat liest Michael Golz heimlich Comics

Zehn Jahre verbringt Michael Golz in Eckwälden. Bis heute besucht er es regelmäßig. Seinen 60. Geburtstag vor wenigen Wochen feiert er in der Nähe und nimmt seine Gäste mit auf eine Tour durch seine Erinnerungen. Bei aller Liebe zu Eckwälden schimpft er auch immer wieder darüber: Die anthroposophische Pädagogik erlaubt den Kindern lediglich, mit Wasserfarben und Buntstiften zu malen oder zu zeichnen. Braun und Schwarz sind tabu; es gilt die Farbenlehre nach Goethe. Das ärgert Golz noch heute. In den Schulferien in Mülheim oder im Ferienhaus im Sauerland gibt es diese Beschränkungen nicht – da darf er selbstverständlich auch mit dem Filzstift malen, in allen Farben. Blätter und Stifte oder Wasserfarben sind immer vorhanden. Noch etwas ist ihm in Eckwälden verboten: Comics zu lesen. Er, dem zuvor niemand zugetraut hatte, jemals Lesen und Schreiben zu lernen, ist ein riesiger Fan von „Fix und Foxi“. Wenn er nicht malen und zeichnen kann, liest er die Geschichten der schlauen Füchse. Im Internat eben heimlich.

Gemeinsam mit seinem Bruder entwickelt er eine Fantasiewelt

Bereits in den 60er Jahren entwickelt Michael Golz, teilweise gemeinsam mit seinem Bruder Wulf, Anfänge seiner Fantasiewelt und -figuren. Das erste und bis heute wichtigste Wesen ist die „Ifiche“. Eine Ifiche entsteht, wenn ein Bein so stark angewinkelt wird, dass die menschliche Hautfalte einem I gleicht. Dabei geht es nicht um das Bein, sondern um die Form. „Ifichen können fliegen und sprechen die Ifichensprache“, sagt Michael Golz. Sie sind den Menschen wohlgesonnen. Das muss als Erklärung reichen. Für Verständnisfragen hat Golz wenig Geduld. Er ist in Athosland genauso zu Hause wie in Mülheim.

Manche Wesen sind böse wie Hitler oder Assad

Bösartige Ifichen haben Hörnchen auf und heißen Teufels-Ö-Ifichen. Was die anstellen können, hat Michael Golz vor fünf Jahren ausführlich in einer 20-seitigen Erzählung beschrieben: „Sie glühen vor Bosheit, sie schmelzen sich in die Erde rein und können somit Vulkanausbrüche verursachen“. Für ihn sind sie so böse wie Hitler oder Assad.

Aus Auszügen des Manuskripts entstand für die Thurgauer Ausstellung ein Glossar, das Orientierung im Athosland gibt. Wie er auf den Namen kam, kann Michael Golz nicht beantworten. Vielleicht hat er im Elternhaus Geschichten vom Berg Athos, von der orthodoxen Mönchsrepublik in Griechenland, aufgeschnappt. Zwei enge Freunde der Familie waren engagierte Athos-Reisende. Man könnte auch an Athos von den drei Musketieren denken.

Der Direktor des Kunstmuseums Thurgau, Markus Landert, bei der Ausstellung in der Kartause Ittingen. Foto: Kunstmuseum Thurgau
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Als Michael 20 Jahre alt ist, beginnt er damit, sein Universum kartografisch zu erfassen. Er fertigt aus einzelnen Blättern eine Landkarte an. Mittlerweile gibt es rund 150 Abschnitte, die zusammengelegt eine Fläche von 17 mal 14 Meter ausmachen. Die Vermessung der Parallelwelt geht stets weiter. Golz entwickelt Ortschaften, die er zum Teil nach wichtigen Menschen in seinem Leben benennt. Nach seinem Betreuer oder einer Freundin, aber auch nach dem langjährigen Familienhund Iris. Dazu zeichnet er Ansichten der Städte und Ortschaften, rund 250 sind es momentan. Ein erstes Mal wird die Landkarte 2002 bei einer Ausstellung im alten Stadtbad von Mülheim gezeigt.

Über die Jahrzehnte baut Michael Golz sein Universum aus. In dieser Zeit arbeitet er als Gärtner, überwiegend in den Werkstätten der Theodor-Fliedner-Stiftung in Mülheim. Erst mit 50 Jahren bezieht er eine eigene kleine Wohnung, dort schauen regelmäßig zwei Betreuer nach ihm. Wann immer er kann, auch in Arbeitspausen, zeichnet er, schreibt Geschichten – vieles ähnelt Comicstrips. Er sammelt sie systematisch in Aktenordnern, nummeriert jedes einzelne Blatt. Acht Ordner hat er angelegt, der letzte endet auf Seite 2800. Manchmal sortiert er die Blätter neu, überarbeitet sie.

Seit seiner Kindheit schreibt Michael Golz Bildgeschichten. Foto: Kunstmuseum Thurgau
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Michael Golz erfindet immer weitere Wesen: Brucktiere, Ängstlichzähne, Glätschviecher, Reise- oder Meckerkrallen. Manche Schöpfungen haben ihre Vorbilder im wahren Leben. Die Hätscheljungen beispielsweise sind bedauernswerte Knaben, die von bösen Hätschelomas entführt wurden. Sie müssen immer brav sein, tragen altmodische Namen und Klamotten, dürfen keine „Bravo“ lesen, keine Rockmusik hören und müssen mit den Hätschelomas ständig ins Kurcafé gehen. „Muckt er auf, wird er mit einem kurzen Peitschenschlag auf den Rücken von ihr zur Ruhe gebracht“, schreibt Golz.

Den Hätscheljungen droht ein tödliches Ende

In jedem Fall droht einem Hätscheljungen ein tödliches Ende. Es sei denn: Er wird von langhaarigen Typen gerettet. Michael Golz hatte eine Großtante, die sich um ihn kümmerte, aber auch sehr resolut war. Tante Olli besuchte ihn oft in Eckwälden und lud ihn manchmal zum Kaffeetrinken ins nahe gelegene Bad Boll ein.

Wiederkehrende Motive in den Stadtlandschaften sind Schwimmbäder, Kinos und Bahnhöfe. Michael Golz begeistert sich seit seiner Jugend für die Eisenbahn. Immer wieder sucht er sich Ziele in Deutschland aus, fährt mit dem Zug hin und erwandert die Gegend in langen Märschen.

Eine Stadtansicht von St. Maria. Foto: Sigrid Kneist
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Seine Eindrücke verarbeitet er. Fotos als Vorlagen braucht er nicht. Was er malt und zeichnet, hat er im Kopf. Er hat eine Art fotografisches Gedächtnis. Das hilft ihm auch bei der Orientierung unterwegs.

Geprägt ist Michael Golz von den frühen 70er Jahren, die Zeit seiner Pubertät. Die „Bravo“ löste damals „Fix und Foxi“ ab. Rockstars wurden seine Idole. Lange Haare und schräge Klamotten waren Ausdruck seiner Individualität. Sind es bis heute. Nie im Leben käme er auf die Idee, sich in ein Business-Outfit zu schmeißen.

Er trägt am liebsten Leggings oder Shorts im Sommer – wie bei der Vernissage in Lausanne. Viele Kleidungsstücke findet er auf dem Flohmarkt. Sein langes Haar ist dicht und voll. Die Menschen im Athosland haben ebenfalls meist lange Haare, sie erinnern an Hippies.

2010 wird eine Galeristin auf den Künstler aufmerksam

Michael Golz’ Leben ändert sich 2010, als die Berliner Galeristin Alexandra von Gersdorff-Bultmann auf ihn aufmerksam wird. Über die „Fliedner Stiftung“ in Berlin erhält sie eine CD mit Bildern aus einem von Golz’ Ordnern – mit einigen hundert seiner Bildgeschichten. Sie ist bereits überwältigt von der Fantasiewelt, in der er sich auslebt, ohne zu wissen, wie ausufernd das Gesamtwerk ist. „Den Mann muss ich kennenlernen“, denkt sie. Sie besucht ihn im Ruhrgebiet. Michael Golz schleppt in dicken blauen Plastiktaschen seine Bilder heran. Er behandelt sie nicht wie Kostbarkeiten, sondern als Teil seines täglichen Lebens. Sie sind geknickt, gefaltet oder mit Tesafilm aneinandergeklebt. Von Gersdorff-Bultmann hält die Ordner für „wichtige Wegweiser“ in Golz’ Leben.

Die erste Ausstellung folgt 2012

Zwei Jahre später stellt sie die Werke in der Galerie Art Cru aus, die sich als erste Galerie in Berlin auf die Kunst von Behinderten konzentriert. In den Räumen an der Oranienburger Straße in Mitte wird das Athosland nun von der Kunstwelt wahrgenommen. Michael ist jetzt Künstler, empfindet sich so. Er ist dem Weg seiner Schwester Dorothee gefolgt, die als Künstlerin in Wien lebt und schon viele bedeutende Ausstellungen hatte.

Der Ort Räkershausen im Athosland. Rund 250 Stadtansichten gibt es. Foto: Kunstmuseum Thurgau
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Er gibt seine Arbeit als Gärtner in den Behindertenwerkstätten auf, ein lang gehegter Traum von ihm. „Frau Bultmann hat mich entdeckt“, sagt er. Er hätte sich das Künstlerleben zwar ein bisschen glamouröser vorgestellt. Eher wie bei den Rockstars, mit Gekreische von Groupies, wenn er aus der Stretchlimousine aussteigt. Aber so wie es ist, ist es auch okay.

Das Werk wird auf der Positions präsentiert

2015 zählt Michael zu den Nominierten für den Euward, einen Kunstpreis für Malerei und Grafik geistig behinderter Künstler. Die Art Cru Galerie präsentiert seine Werke auf der Kunstmesse Positions während der Berlin Art Week. Ab dem kommenden Donnerstag sind wieder Teile des Athoslandes in der Art Cru zu sehen.

„Art brut“, die „rohe Kunst“, auch „Outsider Art“ genannt, ist inzwischen für den Kunstmarkt interessant geworden. Einer der ersten, der schon vor Jahrzehnten den Fokus auf diese Ästhetik richtete, war der französische Künstler Jean Dubuffet. Dessen umfangreiche Sammlung verwaltet die „Collection de l’Art brut“ in Lausanne.

Die dortigen Museumsleute wissen, dass Michael Golz Rockmusik aus den 70ern liebt. Bei der Vernissage legt ein DJ im Garten auf. Echte Platten, keine Playlist vom Computer. All die Helden aus Golz’ Jugend: The Who, Jimi Hendrix, die Rolling Stones.

Einige Besucher tanzen. Als die Party dem Ende entgegengeht, fragt eine junge schöne Frau den Künstler, ob er mit ihr tanzen möchte.

Michael Golz lehnt ab. Er tanzt nicht. Das wilde Leben findet in seiner Fantasie statt.

Die Autorin kennt den Künstler seit frühester Kindheit.

Teile des Athoslandes sind ab dem 25. August in der Galerie Art Cru, in der Oranienburger Straße 27, Berlin-Mitte, im Rahmen der Ausstellung "Landkarte" zu sehen. Am Donnerstag, 24. August, findet um 19 Uhr eine Vernissage statt.

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