Sven Plöger moderiert das Wetter im Ersten. "Ich habe ein Wetter-find’-ich-interessant-Gen", sagt der Meteorologe. Foto: ARDp

ARD-Meteorologe Sven Plöger"Ich bin extrem unorganisiert organisiert"

von Esther Kogelboom4 Kommentare

Wenn er das Wetter ansagt, schaltet niemand um: Sven Plöger übers Gleitschirmfliegen, einen folgenreichen Ausflug nach Helgoland – und warum er Nebel liebt.

"36 Milliarden Tonnen CO2 jedes Jahr, die machen was!"

„Lothar“, ein verheerendes Sturmtief, haben Sie hautnah erlebt.

Es war der zweite Weihnachtstag 1999. Ich saß mit meiner Frau und Freunden in der Schweiz auf über 1000 Metern Höhe – und hatte „Lothar“ ja schon angesagt. In den Teletext hatten wir geschrieben: „Mit Sachschäden ist zu rechnen“, damit verlässt man als Meteorologe eigentlich seine Ebene. Es gab Orkan, 118 km/h, dann 120, 130, 140 und das Holzhaus begann, eigenartige Geräusche zu machen. Ich zog alle in den stabilsten, aber nicht schönsten Raum: das Gästeklo. Durchs Fensterchen sahen wir, wie eine Böe mit 180 km/h innerhalb von 30 Sekunden ein Drittel des Waldes einfach umstieß. Der Wind heulte nicht mehr, er kreischte wie 30 ICE im Full-Speed-Modus.

Was ging in Ihnen vor?

Im ersten Moment denkst du: Hey, ich bin Meteorologe, und jetzt steh’ ich in meiner Kleinheit mitten drin. Dann: Vielleicht sind sieben Milliarden Menschen, die sich in ihrer Kleinheit nicht immer ganz optimal zur Natur verhalten, doch gemeinsam in der Lage, diese Kräfte zu beeinflussen. Die Atmosphäre erwärmt sich und verändert die Zirkulation, plötzlich liegen die Tiefs woanders, die Stürme können vielleicht stärker sein. „Lothar“ war der Auslöser für mich, das Thema Klimawandel stärker zu beleuchten.

„Lothar“ und „Kyrill“ bei uns, Tropenstürme in Mittelamerika – und Sie sagen trotzdem: „Bei der Sturmaktivität liegt derzeit kein langfristiger Trend vor.“ Also alles wie immer?

Das ist auch so. Die Prognosen zeigen, dass sich unsere Stürme im Schnitt zwar verstärken, jedoch keine Häufung zu erwarten ist. Selbst bei Gewitterstürmen sind wir – auch, wenn wir in den letzten Jahren extreme Ereignisse hatten – noch am Oberrand der normalen Variabilität. Die Klimaforschung zeigt jedoch deutlich, dass wir diesen „Noch-Normal“-Bereich bald verlassen werden.

Können Sie das genauer erklären?

Wir haben aktuell oft Wetterlagen, die ich gerne „Standwetter“ nenne. Das bedeutet, dass die Hochs und Tiefs nicht weiterkommen. Der Jetstream, unser Starkwindband in der oberen Troposphäre, verändert sich. Das Windband mäandert, lange Wellen, sogenannte Rossby-Wellen, wandern um den Planeten und bestimmen die Bewegung der Hochs und Tiefs am Boden, die unser Wetter erzeugen. Doch diese Wellen bleiben derzeit oft stehen und mit ihnen unsere Hochs und Tiefs – „Standwetter“ eben. Wenn das Tief lange bei uns bleibt, fällt aller Regen an dieselbe Stelle: Hochwassergefahr. Bleibt das Hoch, so drohen Dürre, im Sommer Hitzewellen. Für diese Veränderungen könnte der Schwund des arktischen Eises verantwortlich sein.

Die Eisdecke der Arktischen See ist circa eine Million Quadratkilometer kleiner, als es im Schnitt in dieser Jahreszeit normal wäre.

Das verändert die energetische Situation: Wenn es sich am Pol überproportional erwärmt, muss dieser Energieunterschied mit verändert werden, der Temperaturunterschied zwischen Äquator und Pol nimmt ab. Dieser Unterschied ist jedoch der Antrieb für unseren Strahlstrom, also den Jetstream. Wird der Temperaturunterschied geringer, so ist der Jetstream störanfälliger, was zu spürbaren Wetterveränderungen führt. Die Atmosphäre hat weder Gefühle noch Gedanken, die macht einfach nur Physik. Wir emittieren gewaltig, beim CO2 sind es 36 Milliarden Tonnen jedes Jahr, die machen ja was! Früher war es so: Die Sonne strahlte auf den Pol, das Eis reflektierte, viel Energie, also viel Wärme ging direkt zurück ins Weltall. Heute fehlt viel reflektierendes Eis, die Energie bleibt im Erdsystem, die Region erwärmt sich überaus stark.

Warum ist es so schwer, die zukünftige Sturmhäufigkeit zu bestimmen?

Unsere Atmosphäre ist ein extrem komplexes System, in dem sich viele Prozesse gegenseitig beeinflussen. Wichtig ist das physikalische Verständnis: Der abnehmende Temperaturunterschied zwischen Äquator und Pol spricht für weniger Stürme, die zunehmende Energie in einer wärmeren Atmosphäre ist hingegen ein Argument für eine Verstärkung von Stürmen. Viele verschiedene Vorgänge machen eine Prognose schwer.

Was halten Sie eigentlich von Wetter-Apps?

Es wäre unfair, so zu tun, als seien die kompletter Schwachsinn. Doch die Genauigkeit, die suggeriert wird, ist nicht da. Man kann nicht eindeutig 15 Tage das Wetter vorhersagen. Außerdem ist es spannend bei schwierigen Wetterlagen: Ich habe einmal zehn Wetter-Apps getestet und hatte zehn verschiedene Wetter, hübsch aufbereitet, mit Wölkchen und Sönnchen. Und wissen Sie, was ich mein Lebtag nicht verstehen werde? Was mir 50 Prozent Regenwahrscheinlichkeit sagen soll.

Dass es regnen könnte oder auch nicht?

Davon hab’ ich nichts. Es könnte ein wechselhafter Tag sein, oder im Westen der Region scheint die Sonne, im Osten regnet es. Okay, dann steht da vielleicht: „60 Prozent Regenwahrscheinlichkeit“. Joaa, ein bisschen mehr, und dann?

Schauen Menschen in Ihrer Gegenwart ins Handywetter?

Jaja, absolut. Ich sage: „Heute früh wird es neblig.“ – „Aber meine App hat gesagt …“. Dann musst du dir halt selbst überlegen, wem du glaubst! Ich kann mich natürlich auch mal irren, aber eine App – die sind alle automatisiert und lesen einfach Modelldaten aus – schlage ich meist doch.