Zackig: Die Autobahnkirche Siegerland an der A45, von Schneider und Schumacher Foto: imago/imagebrokerp

Architektur, die berührt Kommet zuhauf!

Susanne Kippenberger
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Lehmwände, ein ebenerdiger Altar, so viel Raum: Wenn Architekten heute Kirchen planen, setzt nur der Himmel Grenzen. Acht Neubauten aus weltlichen Zeiten.

Es klingt absurd. Den Kirchen laufen die Schäfchen weg, Gotteshäuser werden entweiht, in Galerien, Wohnungen, Restaurants verwandelt, andere sind nur alle paar Wochen in Gebrauch oder werden gleich ganz abgerissen. Als Kathedralen der Gegenwart werden die Museen gefeiert. Die sind am Sonntag voller als jeder Gottesdienst.

Und trotzdem werden noch neue Kirchen gebaut?

So viel leerer Raum!

Jetzt erst recht. Vielleicht wurde ihre Architektur nie so dringend gebraucht wie heute. Als geschützter Raum, in dem jeder willkommen ist, wo man weder Pass noch Mitgliedsausweis vorweisen und keinen Eintritt zahlen muss. Als Möglichkeit, aus dem Alltag herauszutreten. In Zeiten dramatischer Krisen und Dauerbeschallung sind die Kirchen ein Ort der Ruhe und Einkehr, nicht nur für Gläubige. Die Versöhnungskapelle in Berlin zum Beispiel besuchen ein-, zweitausend Touristen am Tag. Das Erste, was sie tun, ist die Wand aus Lehm zu berühren. Und sie sind berührt. Es hat etwas Überwältigendes, Erhebendes: so viel ungefüllter Raum, zehn, 20 Meter hoch. Freiraum, nur mit Atmosphäre, mit Gedanken und Gefühlen und wenigen Möbeln gefüllt, ist ungewohnt in Zeiten der Investorenarchitektur, die möglichst viele ertragreiche Quadratmeter auf eine Grundfläche stapelt und quetscht. Gerade für Architekten von heute, selbst wenn sie selbst längst aus der Institution ausgetreten sind, ist diese Aufgabe ein Traum. Mal nicht nur in Nutzen zu rechnen. Dabei ist ihr fast wichtigstes Baumaterial etwas so Immaterielles wie das Licht. Das spielt in allen hier vorgestellten Gotteshäusern, egal, ob wuchtig oder winzig, eine zentrale, wegweisende Rolle. Ein Licht, dessen Quelle oft nicht zu sehen ist, das etwas Magisches, Mystisches ausstrahlt, aus dem Dunklen ins Helle führt.

Auf Schnörkel wird verzichtet

Die neuen Kirchenbauer trauen sich was. Beim Material – Holz, Lehm, Glas, Beton – wie bei der Botschaft. Es sind sakralere Bauten als in den Jahrzehnten zuvor. Auf Schnörkel, Protz und Brimborium wird verzichtet. Wobei Schlichtheit nicht mit Zurückhaltung zu verwechseln ist. Es ist eine starke Architektur, als Ort der Konzentration und Kontemplation aufs Wesentliche reduziert, die natürlich auch provoziert: mit ihrer Modernität, ihrer Eigenwilligkeit und Rohheit. Neben zahlreichen Architekturpreisen hagelt es daher oft Proteste.

Die Bauten verleiten auch zu anderen, offeneren Formen des Gottesdienstes. Wenn, wie in Leipzig, keine Stufen mehr zum Altarbereich hochführen, als wär’s eine Bühne, auf der der Priester im Kostüm steht, dann, so Pfarrer Gregor Giele, minimiert diese Ebenerdigkeit die Anmutung des Gottesdienstes als Schauspiel. Hier wie andernorts sitzt die Gemeinde nicht mehr frontal, sondern im Halbrund um den liturgischen Ort herum. „Das intensiviert die Beteiligung. Die Gemeinde kommt aus der Zuschauerrolle heraus, ist dichter dran.“

In diesen weltlichen Zeiten ist die Entstehungsgeschichte dieser Kirchen oft so besonders wie ihre Architektur. Die Siegerländer Autobahnkirche, durch Spenden finanziert, geht ebenso auf eine Privatinitiative zurück wie die Bruder-Klaus-Kapelle. Und die Architektur zeigt Wirkung: Die Menschen kommen zuhauf.

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