Im November 1938 meldet der „Corriere della Sera“ den Beschluss über die Rassengesetze. Rechts: Die rassistische Zeitschrift „La difesa della razza“, die ab August ’38 erscheint.p

Antisemitismus in Italien Der Duce und seine Juden

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Antisemitismus war für Mussolinis Partei kein großes Thema. Das ändert sich 1938 – und trifft auch jüdische Faschisten.

Ettore Ovazza steht unter Schock. Am Freitag, den 15. Juli 1938, schickt er einen verzweifelten Brief an den Diktator in Rom. Er entschuldigt sich für seine Schrift – „meine Hand zittert“, schreibt er – und richtet dann halb verärgerte, halb flehende Worte an Benito Mussolini, den er ehrfurchtsvoll mit „DUCE“, Führer, anredet: „Das ist das Ende unseres Gefühls, eins zu sein mit dem italienischen Volk. War das wirklich unausweichlich? Ich glaube nicht ... Wie viele sind Ihnen seit 1919 und bis heute mit Liebe gefolgt, durch Schlachten, Kriege, haben Ihr Leben gelebt ... Ist das alles vorbei? War alles nur ein Traum? Ich kann es nicht glauben.“

Am Tag zuvor haben die Zeitungen von Mailand bis Palermo überraschend die Entdeckung einer „italienischen Rasse“ vermeldet. Außerdem haben sie ein Manifest mit weiteren „Erkenntnissen“ einer Gruppe von Wissenschaftlern, sogenannter Rassenexperten, publiziert. Das italienische Volk sei arischen Ursprungs, heißt es in der Erklärung, und seine althergebrachte Reinheit müsse bewahrt werden. Punkt neun von zehn lautet: „Juden gehören nicht zur italienischen Rasse.“

Im totalitären Italien jener Zeit mit seiner gesteuerten Presse kann es sich dabei nur um eine staatlich orchestrierte Kampagne handeln, das ist auch Ettore Ovazza klar. Tatsächlich werden unmittelbar auf das „Manifesto della razza“ Verordnungen und Gesetze folgen, die die italienischen Juden systematisch entrechten. Künftig dürfen sie nicht mehr studieren, praktisch alle Berufe sind ihnen verboten, ebenso wie „Mischehen“ mit Christen.

Für den 46-jährigen Ovazza, der einst als einer der Ersten Mitglied in Mussolinis Faschistischer Partei (PNF) wurde, der 1922 als Teil der gefürchteten „Schwarzhemden“ half, gewaltsam die Macht im Staat zu erobern und der den bewunderten Duce mehrmals treffen durfte, bricht im Sommer 1938 eine Welt zusammen. Ettore Ovazza ist Jude.

Italien und Nazi-Deutschland sind damals seit zwei Jahren über die „Achse Berlin – Rom“ verbunden. Im Nachhinein mag dieses Bündnis zwingend erscheinen, doch die Beziehungen zwischen den beiden rechten Diktaturen waren nicht immer die besten. Mussolini sah in Hitler anfangs nur einen „buffone“, einen Clown, der ihn kopierte.

Bei allen Parallelen gab es auch ideologische Unterschiede, nicht zuletzt im Verhältnis zu den Juden. Der fanatische Antisemitismus, ein zentrales Element des Nationalsozialismus, fehlte im faschistischen Italien 16 Jahre lang fast völlig. Mussolini machte sich sogar lustig über die deutschen Rassentheorien („Rassismus ist was für Blonde“) und wurde umgekehrt für seinen „koscheren Faschismus“ kritisiert.

Während die Nazis nach ihrem Machtantritt 1933 mit dem Arierparagrafen jüdische Beamte in den Ruhestand versetzen, leitet Guido Jung, der aus einer jüdisch-sizilianischen Familie stammt, das italienische Finanzministerium. Und 1935, als in Deutschland die „Nürnberger Gesetze“ beschlossen werden, beauftragt man in Italien den Architekten Vittorio Morpugo, dessen Vater Jude ist, mit dem Entwurf für die römische Zentrale der PNF. Wenig später darf Morpugo sich um die Ausgrabungen und Neubauten rund um das Augustus-Mausoleum in Rom kümmern, ein Herzensprojekt von Mussolini.

Natürlich finden sich unter den knapp 47 000 jüdischen Italienern auch Gegner des Regimes, sogar überproportional viele. Die meisten halten es jedoch wie ihre katholischen Landsleute und richten sich im System ein. Fast ein Drittel der jüdischen Erwachsenen ist Mitglied der PNF. Und dann gibt es noch jene kleine Gruppe, deren Leben mit dem „Manifesto della razza“ eine besonders tragische Wendung nimmt: überzeugte jüdische Faschisten wie Ettore Ovazza.

Ovazza stammt aus Turin, in den Erfahrungen seiner Familie spiegelt sich die Geschichte der italienischen Juden des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Großvater Vitta war noch im Ghetto der Stadt geboren worden. Erst das Risorgimento – die Einigungsbewegung, die aus verschiedenen Fürstentümern und Regionen der Halbinsel einen modernen Nationalstaat schuf – brachte nach 1870 volle Rechte für die zuvor diskriminierte Minderheit. Und die nutzte ihre Chance, stieg gesellschaftlich auf und wurde oft Teil der neuen bürgerlichen Elite. Die Ovazzas gründeten zum Beispiel eine Bank, die viele der im Piemont entstehenden Fabriken finanzierte. Schon Vitta Ovazza konnte für die Familie eine prächtige Villa in der Nähe Turins kaufen.

Anders als in Deutschland löste der jüdische Erfolg in Italien kaum Ressentiments aus. Vielleicht weil sich die Juden als Volk mit mediterranen Wurzeln dort leichter integrieren konnten, so lautet jedenfalls eine Theorie. Italien, wo einst der Begriff Ghetto entstand (vom venezianischen Stadtteil Gettore), wurde so innerhalb von nur einer Generation zu einem der tolerantesten Länder in Europa, schreibt der US-Journalist Alexander Stille, der von Ettore Ovazzas Leben in seinem Buch „Benevolence and Betrayal“ erzählt.

Entsprechend stark identifizierten sich die Juden mit dem neuen Nationalstaat, viele waren glühende Patrioten. Ettores Vater Ernesto verfügte, dass auf seinem Grabstein drei Worte eingraviert sein sollten: Vaterland, Glaube, Familie. Während des Ersten Weltkriegs gab es 50 jüdische Generäle, eine hohe Zahl, wenn man bedenkt, wie gering der Anteil der Juden an der Bevölkerung war. Viele jüdische Soldaten wurden mit Medaillen geehrt.

Mit ihrer Opferbereitschaft hätten die italienischen Juden jedoch auch gezeigt, dass sie sich als „Bürger auf Bewährung“ fühlten, schreibt Stille. Eine Empfindung, die sich im Fall von Ovazza als fatal erweisen soll.

Ettore Ovazza ist 23, als Italien Österreich-Ungarn 1915 den Krieg erklärt – und damit aufseiten der Alliierten in den Ersten Weltkrieg eintritt. Er hat feine Gesichtszüge, blaue Augen und blondes Haar, ist poetisch veranlagt, neigt zur Melancholie. Aufgewachsen mit den Heldengeschichten des Risorgimento, kann er es kaum erwarten, dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird. Ungeachtet des Gemetzels, das er an der Front erlebt, schreibt er schwelgerische Briefe nach Hause: „Wir werden gewinnen und das Schicksal der Welt entscheiden!“

Am Ende gehört Italien tatsächlich zu den Siegern. Und doch sind die Italiener enttäuscht. Zwar erhält das Land Triest, das Trentino und Südtirol – aber weder ganz Dalmatien an der Ostküste der Adria noch eine deutsche Kolonie oder das Protektorat über Albanien. Man bleibt schwächste Großmacht Europas. Und dafür mussten so viele Männer sterben?

Hinzu kommt eine schwere Wirtschaftskrise. Die Arbeiter streiken, die Linke probt den Aufstand. Das bürgerliche Italien fürchtet sich vor einer bolschewistischen Revolution wie in Russland. Und die heimkehrenden Soldaten fühlen sich von den Sozialisten, die den Krieg konsequent abgelehnt haben, im Stich gelassen. Ettore Ovazza, Nationalist, der er ist, sieht alles, wofür er so begeistert gekämpft hat, entehrt und bedroht.

Im Chaos dieser Jahre beginnt der Aufstieg von Benito Mussolini, einst Sozialist und Chefredakteur des „Avanti“, das Pendant zum deutschen „Vorwärts“. Er hat sich vom Kriegsgegner zum Militaristen gewandelt. Der Duce, wie er sich bald nennen lässt, träumt davon, ein neues Rom zu erschaffen, ein mächtiges Imperium. Dafür will er „die Italiener vom Image eines Volks der Gastwirte und Mandolinenspieler befreien“, wie der britische Publizist David Gilmour in seinem Buch „Auf der Suche nach Italien“ schreibt.

Das alte, vermeintlich morsche und dekadente System will Mussolini hinwegfegen mit einer jungen, rücksichtslosen Bewegung, die modern und traditionell zugleich ist. Deren Name leitet sich ab von „fascis“, einem Rutenbündel mit einem Beil darin, Symbol der höchsten Machthaber des Römischen Reichs. Nach des Duces Willen soll sich der neue Italiener durch Mut, Disziplin und Respekt gegenüber der Autorität auszeichnen – Ideen, die auch Ettore Ovazza gefallen, der glaubt, das Land müsse eng zusammenstehen, um wahre Größe zu erlangen.

Ovazza wird Teil der „squadristi“. Die faschistischen Kampfbünde verbreiten, ähnlich wie die SA, Furcht und Schrecken. Mit Baseballschlägern bewaffnet gehen die „Schwarzhemden“ gegen Linke vor, oft geduldet oder sogar im Auftrag von konservativen Kräften. Ob Ovazza selbst gewalttätig war, ist jedoch zweifelhaft.

Nach Versuchen, die Macht mithilfe der „squadristi“ staatsstreichartig zu erobern, wird Mussolini 1922 vom König zum Premier ernannt, und er baut, besonders nach 1925, einen brutalen Polizeistaat auf. Der Widerstand hält sich in Grenzen. Mussolini, schreibt Gilmour, „war die Inkarnation all der Hoffnungen, Ängste und Ressentiments einer Generation, die glaubte, Italien sei um das betrogen worden, was ihm zustand“. Und der Duce faszinierte auch als Person, als kraftvoller Rhetoriker und notorischer Frauenheld. Die Geliebte, die ihn am stärksten prägte, war Margherita Sarfatti. Eine Jüdin.

In Venedig aufgewachsen, stammt auch Sarfatti aus einer wohlhabenden, bürgerlichen, vollends assimilierten Familie, der Vater ist Anwalt. Konfrontiert mit dem Elend der Armen, wird die feinsinnige Frau zur Linken. Mussolini lernt sie 1912 kennen, als Kunstkritikerin bei „Avanti“. Schnell beginnt eine Affäre. Mit Mussolini wechselt sie dann auch politisch die Fronten. Nachdem ihr Sohn im Krieg gefallen ist, fühlt sie sich nur von ihm verstanden, „der als Politiker den Krieg und die Toten nicht verhöhnte, sondern ihrer gedachte“, schreibt Karin Wieland in „Die Geliebte des Duce“.

Es ist nicht ganz klar, inwieweit Sarfatti dem faschistischen Führer verfallen war – oder ob sie ihn vor allem benutzen wollte, um als Frau Einfluss und Status zu gewinnen. Fest steht, dass sie mit „Dux“, seiner autorisierten Biografie, übersetzt in 19 Sprachen, das Bild von Mussolini in aller Welt prägte. Mit dem Buch sei es ihr gelungen, „aus einem Abenteurer eine Kultur- und Kultfigur zu machen“, so Wieland. Angeblich brachte sie dem Duce auch Manieren bei, kleidete ihn ein und schärfte seinen Sinn für Kunst. Anfang der 30er, Mussolini hatte sie schon verstoßen, reiste Sarfatti noch in die USA und ließ sich als „Italy’s Heroine of Fascism“ feiern.

Historiker betonen heute, dass Mussolini durchaus antisemitisch eingestellt war. Im Privaten äußerte er sich sehr klischeehaft und zum Teil feindlich über Juden, die er immer stärker als Drahtzieher des Antifaschismus und als Anhänger der verhassten Demokratie wahrnahm.

Doch den dramatischen Schwenk in seiner Politik kann das nicht erklären. Nach 1933 hatte er jüdische Flüchtlinge aus Deutschland noch willkommen geheißen und Italiens Juden mehrfach ihre Sicherheit garantiert. In Vittorio Segres Autobiografie „Ein Glücksrabe“ kann man nachlesen, wie normal sich jüdisches Leben damals anfühlte. Segre, ein Verwandter von Ettore Ovazza, floh 1938 nach Palästina und arbeitete später als Journalist in Israel. Er wurde 1922 bei Turin geboren, kannte in Kindheit und Jugend also nur das faschistische Italien. Für ihn sei es eine „geregelte, normale und sorgenfreie, eine so unvergleichliche Zeit“ gewesen, schreibt er: „Ich lebte im Bauch des Ungeheuers, doch im Gegensatz zu Jonas war ich mir ... dessen überhaupt nicht bewusst.“

Wahrscheinlich stand hinter den Rassengesetzen vor allem Opportunismus. Mussolinis Leben ist voll von solchen nützlichen Kehrtwenden. Und so wurden der Annäherung an Nazi-Deutschland, das ihn mehr und mehr beeindruckte (nachdem er sich früher deutschfeindlich geäußert hatte), eben die Juden geopfert – wohl ohne dass Hitler dies explizit verlangt hatte. Der Historiker Hans Woller nennt in seiner „Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert“ einen weiteren Grund. Radikalität und immer weitere Radikalisierung gehörten zu den Lebensgesetzen des Faschismus, schreibt er. In der Außenpolitik (mit der italienischen Expansion in Afrika) wie im Innern. An den Juden konnte der Duce ein Exempel statuieren, das dem ganzen Bürgertum Angst einjagen sollte.

Schon Mitte der 30er lässt Mussolini judenfeindliche Stimmen am rechten Rand seiner Partei gewähren. Ettore Ovazza gründet damals die jüdisch-faschistische Zeitung „La nostra Bandiera“ (Unsere Flagge), die Antisemiten angreift – ebenso wie antifaschistische und zionistische Juden, die in Ovazzas Augen vaterlandslose Gesellen sind. Nach dem „Manifesto della razza“ will er in einem letzten dramatischen Versuch zeigen, wie patriotisch er ist, und verübt einen Anschlag auf die zionistische Zeitung „Israel“ in Florenz. Eine Reaktion des Regimes bleibt aus.

1943 wird Mussolini gestürzt. Im Norden Italiens marschieren die Deutschen ein und errichten einen Marionettenstaat mit dem Duce an der Spitze. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs machen dort deutsche, aber auch italienische Faschisten Jagd auf jüdische Männer, Frauen, Kinder.

Im Oktober erschießen SS-Leute Ettore Ovazza, seine Frau, den 20-jährigen Sohn Riccardo und die 15-jährige Tochter Elena nahe des Lago Maggiore.

Margherita Sarfatti flieht schon 1938 nach Paris. Sie befinde sich nicht im Exil, erklärt sie. Später geht sie nach Argentinien. Sarfattis Schwester Nella und deren Mann werden 1943 – wie rund 6800 andere italienische Juden – in ein Konzentrationslager geschickt.

Die beiden sterben schon auf dem Weg nach Auschwitz.

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