Durchfegt. Arved Fuchs hat am Nordpol 1989 Temperaturen von minus 52 Grad erlebt. Foto: Arved Fuchsp

Abenteurer Arved FuchsExpedition ins Ich bei Minus 52 Grad

von Kai Müller8 Kommentare

Er hat als Erster in nur einem Jahr Nord- und Südpol zu Fuß erreicht. Arved Fuchs ist Abenteurer von Beruf - und geht dabei an die eigenen Grenzen.

„Es war ein Kampf mit mir“

1989 erreichte Fuchs den Südpol, was in Deutschland mehr Aufsehen erregt hätte, wenn nicht gleichzeitig die Mauer gefallen wäre. Foto: Arved Fuchsp

Er gibt zu, Angst gehabt zu haben. „Sie äußert sich in Bruchteilen einer Sekunde“, erklärt er. „Wenn man plötzlich der Heftigkeit einer Welle gewahr wird“ ... aber dann rollt auch die vorbei.

Ein Sturm gebiert den Stoiker. So erzählt es Joseph Conrad in „Taifun“, einer der besten Schilderungen eines infernalischen Sturms. Dass sein Held Kapitän MacWhirr sein Schiff – wenn auch zerschlagen – in den Hafen bringt, schreibt Conrad dem Mangel an Fantasie des bedächtigen Mannes zu. Die eigentliche Kunst ist: den Sturm von den eigenen Nerven fernzuhalten.

Seelisch ist er ungeschoren davongekommen, sagt Fuchs. Zu einer inneren Prüfung wurde der Wind für ihn allerdings an der Seite Reinhold Messners in der Antarktis. Um den Kontinent zu durchqueren, wollten sie die Arbeit den Wind tun lassen. Jedenfalls so oft, wie’s ging. Die Idee war nicht neu. Nansen hatte bei seiner Grönland-Durchquerung 1888 mit Segeln auf seinen Schlitten experimentiert. 100 Jahre später hofften Messner und Fuchs, sich von den gerade in Mode kommenden Gleitschirmen ziehen lassen zu können. Doch zu ihrem Leidwesen ließ es entweder das Gelände nicht zu, weil der Wind zerklüftete, scharfkantige Bodenwellen aufgeworfen hatte, sogenannte Sastrugi, oder der Wind kam von vorne.

Der am Südpol gescheiterte Robert Falcon Scott hatte über das Eisplateau geschrieben: „Stumme, winddurchfegte Unermesslichkeit“. Was das bedeutete, bekam Fuchs jetzt zu spüren. Vor ihm lagen 2800 Kilometer, eine riesige Eiskuppe. Als Seemann, der die Scheibe des Ozeans gewohnt war, habe ihm die Eintönigkeit des Eisschildes nichts ausgemacht. Aber er haderte mit den ungeheuren Dimensionen. „Es war ein Kampf mit mir.“

Es ist der kindliche Impuls, der ihn bis heute antreibt

Wenn er abends im Zelt den Standort in die Karte eintrug, den er als Navigator mit dem Sextanten gemessen hatte, setzte er nur einen weiteren unmaßgeblichen Punkt ins weiße Nichts. Und zwischen diesem und dem davor lagen nur Millimeter. Der Kraftakt und die Schinderei des Tages wurden nicht belohnt. 92 Tage sollte das Duo schließlich für die Durchquerung des Kontinents benötigen. Nie war es so bitter zu ertragen, dass der Weg das Ziel ist.

Erst auf der zweiten Etappe vom Südpol zur Küste bewährte sich das Patent mit den Schirmen. An einem Tag schafften sie 127 Kilometer unter Segeln und kamen am Ende auf durchschnittlich 30,43 Tageskilometer. „Wenn es mir schlecht geht unterwegs, dann bilde ich einen Trotz aus nach dem Motto, du hast gewollt, dass du jetzt hier bist, also sieh zu, dass du da wieder herauskommst.“

Überrollt. Ein Brecher ergießt sich im Südatlantik über Arved Fuchs’ Expeditionsschiff Dagmar Aaen. Foto: Arved Fuchsp

Seine Großeltern hatten auf Sylt gelebt. Er war oft bei ihnen gewesen, dort auch zur Schule gegangen. Er sieht sich noch heute am Strand stehen, aufs Meer blickend, das in der Ferne in sich zusammenzufallen schien. Damals habe er sich bereits gefragt, wie es dahinter wohl aussehen würde. Es ist dieser kindliche Impuls, der ihn bis heute antreibt. Er sieht eine unzugängliche Landschaft, er hört die Geschichte eines in dieser Landschaft unglücklich Gescheiterten und fragt sich, was dazu geführt haben mag. Dann bricht er selbst dorthin auf.

Es gibt auf der Welt keinen weißen Fleck mehr

Es ist ein naiver Ansatz. Trotzdem vielleicht der beste, den einer aus dem Umstand ableiten kann, dass es das Einmalige auf der Welt nicht und keinen weißen Fleck mehr gibt. „Aber für mich ist es doch der weiße Fleck“, sagt Fuchs. „Ich hab’s doch noch nicht gemacht.“ Damit sei er Stellvertreter für viele, die es niemals an solche Orte schaffen würden.

Wenn alles schon gesagt ist, kommt es wirklich darauf an, dass es von allen gesagt ist?

Fuchs regte sich vor bald 20 Jahren sehr darüber auf, wie viele selbst ernannte Experten sich ein Urteil über Ernest Shackleton anmaßten, den britischen Polarforscher, der als Erster eine Durchquerung der Antarktis plante – nachdem sein Rivale Scott den Südpol erreicht hatte. Sie hätten Bücher über den Mann geschrieben, aber „keine Ahnung von der Materie gehabt“, sagt Fuchs in der Erinnerung. Denn sie seien nicht einmal in die Nähe der Antarktis gelangt.