Ein Grönlandhai, fotografiert unter dem Eis des Polarmeers bei Baffin Island im Norden Kanadas. Foto: mauritius images Foto: mauritius imagesp

400 Jahre alter Fisch Was der Grönlandhai alles zu erzählen hat

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Kein anderes Wirbeltier wird so alt wie der Grönlandhai. 400 Jahre, vielleicht sogar mehr, das fanden Wissenschaftler kürzlich heraus. Was, wenn so ein Fisch sprechen könnte? Dann würde er vielleicht diese Geschichte erzählen.

Das erste Mal Sex hatte ich 1773. Wurde höchste Zeit, ich war schon 153 Jahre alt. Die Paarung ist für ein Grönlandhaiweibchen wie mich eine schmerzhafte Angelegenheit. Der männliche Hai hat nämlich manchmal die seltsame Angewohnheit, bei der Annäherung heftig in meine Schwanzflosse zu beißen. Und er hat 100 Zähne, mindestens. Zum Glück aber sind wir Weibchen ein Stück größer als die Männchen, vor allem ist unsere Haut doppelt so dick.

Wir balgten bei Cape Cod, zu Deutsch: Kap Kabeljau. Eine gefährliche Gegend, wegen der vielen Fischer. Im Hafen von Boston trug sich damals Ungewöhnliches zu: Als Indianer verkleidete Rabauken warfen Teekisten über Bord eines Frachters. Wer konnte ahnen, dass diese kindische Aktion so weit eskalieren würde? Es ging doch nur um einen Steuerstreit. Doch als die Briten ihren Siedlern den Hafen von Boston schließen wollten, kam es zum Krieg. Aus denen die Vereinigten Staaten von Amerika hervorgingen. Ich war noch ein Teenager.

1773 werfen als Indianer verkleidete Bostoner Bürger aus Protest gegen die britische Zoll- und Steuerpolitik drei Schiffsladungen Tee ins Hafenbecken. Zwei Jahre später eskaliert der Konflikt zum amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Library of Congressp

Ihr glaubt mir nicht? Für euch war es ja auch eine Sensation, als Wissenschaftler der Universität von Kopenhagen kürzlich dieses Geheimnis entdeckten: ein 392 Jahre altes Haiweibchen, das älteste bekannte Wirbeltier. Sie könnte meine Schwester sein, ist schon sehr lange her, dass wir uns sahen. Ihr nennt sie Nummer 28. Natürlich hat das auch mit Neid zu tun. Jeanne Calment wurde gerade mal 122. Der älteste Mensch. Dem hat man nicht das Auge entnommen wie bei Nummer 28, um es mit der Radiokarbondatierung zu untersuchen. Man hat einfach in die Geburtsurkunde geschaut. Das Auge. Ihr hättet versuchen sollen zu fragen. Wir hätten euch so viel zu erzählen aus den letzten 400 Jahren.

122 Jahre ist für einen Menschen eine Menge. Nummer 28 war da noch nicht einmal in der Pubertät. Mit 150 können wir das erste Mal Kinder bekommen. So lange dauert das beim Grönlandhai. Wobei mir Eishai eigentlich lieber ist. Der andere Name klingt so begrenzt. Natürlich, die arktischen Gewässer haben wir am liebsten, von der Baffin Bay bis Spitzbergen. Aber das heißt ja nicht, dass wir es nur um Grönland aushalten.

21 Tonnen Gold versanken im Atlantik

Mich habt ihr schon mal viel weiter südlich gesehen. Ein Tauchroboter filmte mich zufällig vor Norfolk in North Carolina. Das war vor 21 Jahren. Wir trafen uns in 2200 Meter Tiefe. Ein Hai, sechs Meter lang, habt ihr geschrieben. Das dürfte übertrieben gewesen sein, wahrscheinlich waren es eher fünf, so groß, wie ein Eishai meines Alters mit knapp 400 Jahren eben ist. Doch euer Roboter hat sich vor allem für das Wrack der „Central America“ interessiert. 2200 Meter, da unten herrscht ein Druck von 220 bar. Das ist ungefähr hundertmal so viel wie in einem Autoreifen. Eine Sensation. Und ihr habt nur an das Gold gedacht.

Da musste nämlich noch mehr sein, das wusstet ihr, nachdem die geheimen Ladelisten der Central America entdeckt wurden. Hatte die Bergungscrew etwas beiseitegeschafft? So lautete die große Frage damals. Ihr habt gesucht und gesucht, bis 2014. Hättet ihr mich gefragt, ich war gerade mal 230 Jahre alt, als der Seitenraddampfer „Central America“ 1857 auf Grund ging, in der Blüte eines Eishai-Lebens. Tapferer Mann, der Kapitän, blieb an Bord, bis alle Frauen und Kinder gerettet waren, und versank dann mit seiner Mannschaft und 21 Tonnen Gold im Atlantik.

Die Lieblingsbeute des Eishais

Eure Wissenschaftler nennen uns Somniosus microcephalus. Das ist Latein und bedeutet so viel wie der kleinköpfige Schläfer. Kleiner Kopf, geschenkt, das ist relativ zu den fünf bis sechs Metern, die sich hinter dem Kopf befinden. Aber Schläfer? Weil wir angeblich unsere Jahrhunderte auf dem Grund liegend verdösen und der langsamste Fisch der Welt sein sollen. Das ist ja noch schlimmer als Grönlandhai.

Wir fangen Robben. Darf man da langsam sein? Einer von uns hat sogar mal einen Eisbären erwischt. Ihr habt vermutet, der wäre schon tot gewesen. Sicher wart ihr euch nicht, zu Recht. Für Eisbären werden die Schollen heutzutage immer kleiner. Wenn er dann im Wasser rumpaddelt, ist er auch nur ein Bär, der da nicht wirklich hingehört. Doch der Angriff auf einen Eisbär ist ein großes Risiko, auch wenn es sich wie in diesem Fall um ein noch nicht ausgewachsenes Tier handelt. Da unten schwimmt schließlich genug Beute rum, die einfacher zu haben ist. Unvorsichtige Robben, kleinere Fische, aber auch jedes andere Lebewesen, das in den Meeren untergeht.

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