Ein Grönlandhai, fotografiert unter dem Eis des Polarmeers bei Baffin Island im Norden Kanadas. Foto: mauritius images Foto: mauritius imagesp

400 Jahre alter FischWas der Grönlandhai alles zu erzählen hat

von Andreas Austilat14 Kommentare

Kein anderes Wirbeltier wird so alt wie der Grönlandhai. 400 Jahre, vielleicht sogar mehr, das fanden Wissenschaftler kürzlich heraus. Was, wenn so ein Fisch sprechen könnte? Dann würde er vielleicht diese Geschichte erzählen.

Das Geheimnis eines wirklich langen Lebens

1912 ist die "Titanic" für wenige Tage das größte Passagierschiff der Welt. Doch auf ihrer Jungfernfahrt läuft sie gegen einen Eisberg und reißt bei ihrem Untergang 1500 Menschen in den Tod. Foto: AFPp

Was ist nicht alles schon versunken, womit ihr nicht gerechnet habt? Die „Titanic“, die „Lusitania“, die „Empress of Ireland“, die „Bismarck“, die „Böhlen“ – die Böhlen? Ein Öltanker aus der DDR, diesem Staat, den es nur 40 Jahre gab. Ein Wimpernschlag, wenn man mir den Scherz verzeiht. Er sank in der Biscaya, wo wir auch manchmal sind. Doch nach der Böhlen waren die Fische dort 20 Jahre lang kaum noch zu genießen. Jedenfalls sah ich so viele Schiffe sinken in den letzten 400 Jahren, sah tausende Menschen im Meer treiben. Ganz langsam gingen sie unter, vor allem, wenn das Wasser eisig war. Wir haben die See am liebsten, wenn sie eisig ist. Denn das ist das Geheimnis für ein wirklich langes Leben: Kaltes Wasser und die Ruhe weg.

Nummer 28 auf dem Seziertisch

„Nummer 28“, was ist das überhaupt für ein Name? Nur, weil sie der letzte aus einer Reihe von 28 Haien war, die auf dem Seziertisch landeten. Nummer 28 und ich waren zu sechst, als wir geboren wurden. Ganz schönes Gedränge. Denn Eishaie schlüpfen zwar jeder aus einem Ei, aber das geschieht im Mutterleib. Den verlassen wir, wenn wir um die 40 Zentimeter lang sind. Dann braucht es Geduld, weil wir erst mit drei, vier Metern reif für die Liebe sind. Wenn man nur ein bis zwei Zentimeter im Jahr wächst, dauert das eben seine 150 Jahre. Da kann einiges passieren. Viele von uns kriegen deshalb nie Nachwuchs.

1620, das Jahr unserer Geburt, war eine herrliche Zeit für Eishaie. Man hatte seine Ruhe. Die Wikinger waren endlich aus Grönland verschwunden, nach 500 Jahren. Meine Mutter hat sie in ganz jungen Jahren noch erlebt. Doch als 1541 ein Hamburger Kapitän dort an Land ging, traf er niemanden mehr an. Für den Kapitän genauso rätselhaft wie für meine Mutter, die ja noch ein junges Ding von 70 Jahren war. Angeblich war das Klima kälter geworden, was man unter Wasser nicht so merkte. An Land wohl schon, die Wikinger fanden offenbar nicht mehr genug Nahrung.

1541 erreicht ein Hamburger Kapitän Grönland und trifft keine Wikinger mehr an. Die hatten die Insel 500 Jahre lang besiedelt, wahrscheinlich zwang schlechteres Klima sie zur Aufgabe. Foto: imago/UIGp

Erstaunlich für ein Volk, das als einziges sogar uns isst. Sie tun das heute noch, auch wenn sie inzwischen Isländer heißen. Eigentlich ist Eishaifleisch ungenießbar, sogar giftig. Das hat mit unserem Stoffwechsel zu tun und unseren Lebensbedingungen, mit eisigem Wasser, dem Salzgehalt und großen Tiefen. Dabei reichert sich Harnstoff im Gewebe an, der uns eine schöne Ammoniaknote gibt. Hunde, die das fressen, werden ganz besoffen. Menschen fallen tot um, wenn sie genug davon runterschlingen.

Nur die Isländer nicht. Die bearbeiten das Fleisch so lange, bis es wie salziger Radiergummi schmeckt. Sie nennen es Hakarl und halten das für eine Delikatesse. Zum Glück sind sie die Einzigen. In Deutschland wurde unser Fleisch 1920 vor dem Deutschen Reichsgericht in Leipzig verhandelt. In Eishaikreisen erinnert man sich gut. Eine Ladung Hakarl wurde in Hamburg einem Kaufmann angedreht. Beide Seiten glaubten irrtümlich, es handele sich um Walfleisch. Ein Übersetzungsfehler zulasten des Verkäufers. Er musste Schadenersatz leisten. Und das Hakarl-Verfahren gilt bei den Deutschen seit damals als Musterprozess im Vertragsrecht.

Deutsche Geheimoperation auf Spitzbergen

Mit den Deutschen habe ich eher selten zu tun. Vor 75 Jahren sah man sie häufiger im Atlantik, oft in großen Dosen, die nannten sie U-Boote. Damals trieben sehr viele Menschen im Wasser. Noch eigenartiger war diese Geschichte auf Spitzbergen, einem unserer liebsten Reviere. Meistens taucht der Mensch da nur als Walfänger auf. Aber 1944, ich war mit 324 Jahren schon ein reifer Fisch, wurde eine Gruppe deutscher Soldaten dort abgesetzt, um eine Wetterstation einzurichten. Im Polarmeer lassen sich wichtige Daten für präzisere Wetterprognosen in Europa treffen. Sie nannten das „Operation Haudegen“. Die Aktion war so geheim, dass die Truppe erst im September, vier Monate nach Kriegsende, entdeckt und abgeholt wurde.

Schuhsohlen aus Haihaut

Wenigstens haben sie keine Haie gefangen. Die Wikinger dagegen halten uns nicht nur für eine Delikatesse, sie machen sogar Schuhsohlen aus unserer Haut. Die ist nämlich übersät mit kleinen Zähnchen. Unter den Schuhen gibt sie den Füßen auch auf nassen Decks Halt.

Das ist Pech, wir haben sonst eigentlich keine Feinde. Außer dem Pottwal vielleicht. Ein Pottwal kann wirklich gefährlich werden. Allerdings sind wir eine Beute, die ihm Zahnschmerzen bereiten kann. Die Haken in unserer Haut haften nämlich nicht nur auf Schiffsplanken, sie machen auch den Zähnen des Pottwals auf Dauer zu schaffen.