Ein Landwirt behandelt sein Rapsfeld mit Pestiziden. IMAGO
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Landwirtschaft in Europa Greenpeace warnt vor steigender Pestizidbelastung

Hannah Hübner
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Die Umweltschutzorganisation fordert ein Verbot von Pflanzenschutzmitteln und weist auf gravierende Auswirkungen für Mensch und Umwelt hin.

Pestizide wie Glyphosat unterscheiden nicht zwischen Freund und Feind. Nicht nur vernichten sie Schädlinge wie Kartoffelkäfer, Schildläuse, Erdflöhe oder Drahtwürmer, sondern töten auch nützliche Insekten wie Bienen oder Florfliegen, die unverzichtbar für ein funktionierendes Ökosystem sind. Sie sind zwei von zahlreichen ökologischen "Dienstleistern", die bei Bestäubung, natürlicher Schädlingskontrolle, Trinkwassereinigung, Nährstoffkreisläufen und Bodenfruchtbarkeit eine zentrale Rolle spielen. Durch den zunehmenden Einsatz von Pestiziden sind sie ernsthaft bedroht. Dies besagt der aktuelle Greenpeace-Report "Europas Abhängigkeit von Pestiziden – So schädigt die industrielle Landwirtschaft unsere Umwelt".

„Der Einsatz von Pestiziden in der konventionellen Landwirtschaft hat gravierende Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Insekten bilden eine wichtige Nahrungsgrundlage für Feldvögel und andere Tiere, die durch ein vermehrtes Absterben dieser Insekten in Bedrängnis geraten. Als Folge reduziert sich unsere Biodiversität nachhaltig“, meint Greenpeace. Für den Verbraucher alarmierend seien gemessene Pestizidrückstände im Grundwasser, die Immun- und Hormonstörungen bei Menschen auslösen könnten. 

Vor einigen Jahren etablierten Dänemark, Schweden und Frankreich eine Sondersteuer auf Pestizide und versuchen damit einer übermäßigen Nutzung von Pflanzenschutzmitteln entgegenzuwirken. Spätestens seit Schleswig Holsteins Umweltminister Robert Habeck eine Besteuerung von Pestiziden für Deutschland anstrebt, ist die Debatte über sinnvolle Risikobewertungen, Regulierungen und Verbote von Pflanzenschutzmitteln wieder in vollem Gange. Dabei bezieht der Industrieverband Agrar klar Stellung: „Eine Besteuerung würde die falschen Signale senden und gravierende Auswirkungen auf die deutsche Landwirtschaft haben. Das Beispiel Dänemark macht das deutlich. Die Qualität des Weizens ist so weit gesunken, dass es zum Teil gar nicht mehr für die Brotproduktion genutzt werden kann.“

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Pestizide steigen weiter an 

Der Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden zur Steigerung von Ernteerträgen wird seit einem halben Jahrhundert weltweit von der industriellen Landwirtschaft praktiziert. Dabei warnt Greenpeace vor einem weiteren Anstieg von Pestiziden. Zunehmend griffen auch Schwellenländer wie China, Indien, Brasilien und Argentinien auf Pflanzenschutzmittel zurück. „Außerdem nimmt die Häufigkeit der Anwendung von Pestiziden zu. Landwirte setzen Pestizide nicht mehr nur bei starkem Schädlingsbefall ein, sondern routinemäßig“, kritisiert die Umweltschutzorganisation. Ein Behandlungsindex von Greenpeace verweist auf 32 Pestizidanwendungen pro Anbauperiode in deutschen Apfelplantagen. 

EU Versagen bei der Regulierung von Pflanzenschutzmitteln

Als zentrale Regulierungsinstanz bei der Zulassung von Pestiziden prangert Greenpeace die EU als Versager an. Die einzelnen Pestizidstoffe würden nur autonom getestet. „Dabei  wird völlig  außer Acht gelassen, dass Landwirte Pestizidgemische und Formulierungen auf ihre Felder spritzen, die ganz anders wirken.“ Ferner beklagt die Organisation, dass Endokrin schädliche Eigenschaften, d.h. Effekte auf den menschlichen Hormonhaushalt, sowie schwer messbare subletale Effekte als Ablehnungskriterium vernachlässigt werden. Auch wird das Zulassungsverfahren an sich angefechtet. „Tests werden auf enorm intransparente Weise durchgeführt und sind von starken Interessenskonflikten geprägt“, besagt der Report. Die meisten Tests führe die chemische Agrarindustrie durch, wobei sie die Testergebnisse nur zum Teil veröffentliche. 

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Der deutsche Industrieverband Agrar ist anderer Meinung

„Die Kritik von Greenpeace am gängigen Zulassungsverfahren von Pestiziden ist unbegründet. Natürlich werden auch Pestizidgemische auf ihre Auswirkungen gemessen wie das auch in der Arzneimittelindustrie Praxis ist“, sagt Martin May, Pressesprecher des Industrieverbands Agrar in Frankfurt. Außerdem könne davon ausgegangen werden, dass alle in der Landwirtschaft eingesetzten Pestizide sicher für Mensch und Umwelt sind, sonst würden sie nicht zugelassen. Im Grundwasser festgestellte Rückstände von Pestiziden als Indiz für deren Schädlichkeit zu werten, sei unangebracht. „Vielmehr deuten diese auf Fehlanwendungen von Seiten der Landwirte hin. Dies sind absolute Ausnahmefälle, da unsere Landwirte sehr gute Schulungen durchlaufen“, betont May. „Greenpeace baut in seinem Report Nebelkerzen auf und lässt den Kernaspekt von Pestiziden völlig außer Acht. Unsere Landwirte setzen Pestizide ein, da sie dadurch doppelt so hohe Erträge erzielen als Bio-Bauern. Insofern geht die konventionelle Landwirtschaft äußerst sparsam mit Anbaufläche um.“ Dem hält Greenpeace entgegen, dass Pestizide die Fruchtbarkeit von Ackerböden nachhaltig reduzieren würden.  

Umweltminister Robert Habecks Vorschlag hat es noch nicht in den Bundestag geschafft. Konkrete Gesetzesentwürfe zur Regulierung des Pestizideinsatzes in er deutschen Landwirtschaft werden bisher nicht diskutiert.

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