In Kalifornien sind Tausende verhungerter Krabben angeschwemmt worden. Im warmen Pazifikwasser finden sie nicht genug Nahrung - eine Folge des El-Niño-Phänomens. Foto: dpa
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Klimaphänomen El Niño kommt mit aller Macht

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Temperaturunterschiede im Pazifik haben weltweit Folgen für das Wetter. In einigen Regionen ist mit Dürren, anderswo mit Überschwemmungen zu rechnen. Was könnte der bisher stärkste El Niño anrichten?

In Kalifornien können sie das pazifische Wetterphänomen El Niño kaum erwarten. Denn er könnte mehr Regen bringen. In Peru löst die Vorhersage der Wetterdienste in Australien, Japan und den USA dagegen Furcht und Schrecken aus. Der wärmere Pazifik könnte den Fischfang in Peru in der Sardinen-Saison fast zum Erliegen bringen, weil die Fischschwärme im warmen Wasser ausbleiben. Wissenschaftler haben einen der stärksten El Niños seit der Entdeckung des Phänomens 1950 vorhergesagt.

Was ist ein El Niño?

Peruanische Fischer haben dem Wetterphänomen El Niño seinen Namen gegeben. Da die Auswirkungen der Temperaturunterschiede im Pazifik im Winter am größten sind, nannten sie ihn „das Christkind“. Nur dass ihnen dieses Christkind keine Geschenke bringt. Von einem El Niño wird dann gesprochen, wenn die Temperaturen des Pazifiks in einer bestimmten Region vor Südamerika mehr als drei Monate lang um mindestens 0,5 Grad über dem Durchschnitt liegen. Das ist aktuell der Fall. Im Juli lag die Temperatur um ein Grad über dem Schnitt. Nur in den sehr starken El-Niño-Jahren 1997/98 und 1982/83 lag der Wert im Juli bereits so hoch. Bis Dezember kann die Temperatur weiter steigen. 1982/83 waren es 2,2 Grad oberhalb des Mittelwerts und 1997/98 sogar 2,4 Grad. Derweil liegt die Temperatur im Westen des Pazifiks niedriger. Diese Temperaturunterschiede verändern das Windgeschehen. Der Klimawissenschaftler Jacob Schewe vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) beschreibt die Dynamik so: Der in Nicht-El-Niño-Jahren wehende Passat in Richtung Asien und Australien an der Meeresoberfläche wird abgeschwächt und hört in manchen Jahren sogar ganz auf. Die Windrichtung ändert sich. Der Wind wiederum beeinflusst die Meeresströmungen. Diese vielfachen Wechselwirkungen machen es schwierig, genaue Vorhersagen über die Wirkung zu machen. Schewe sagt: „El Niño ist eines der komplexesten Phänomene im Klimasystem.“ Oft wird El Niño von seiner kälteren Schwester La Nina gefolgt. Bei diesem Klimaphänomen liegt die Temperatur des Pazifiks vor der Küste Südamerikas deutlich unter dem Schnitt. Beim bisher längsten La-Nina-Ereignis von 1998 bis 2001 waren das 1,7 Grad unter dem Mittelwert. Der stärkste La Nina ereignete sich 1973/74.

Wie wird das Phänomen vorhergesagt?

Nachdem der El Niño 1982/83 überhaupt nicht vorhergesehen worden und auch bis kurz vor dem Höhepunkt nicht erkannt worden war, ist im Pazifik ein umfangreiches Messnetz aufgebaut worden. Seit 1994 überwachen 200 Messsonden die Temperatur im Pazifik. 1997/98 war die Datenlage schon besser. Allerdings schafften es die Wissenschaftler auch damals nur mit einer kurzen Vorwarnzeit den El Niño zu erkennen. Der aktuelle El Niño ist dagegen sehr frühzeitig als solcher erkannt worden, obwohl die herkömmliche Vorhersagemethode noch über lange Zeit keinen El Niño erwartet hat. „Um einige der schlimmsten Auswirkungen von El Niño zu vermeiden, ist eine längere Vorwarnzeit unglaublich wichtig, denn das gibt den Menschen in den betroffenen Regionen mehr Zeit zur Vorbereitung“, sagt Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Ko-Autor einer Studie von Josef Ludescher und anderen von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Vor kurzem haben sie ihre Ergebnisse in der Zeitschrift der amerikanischen Akademie der Wissenschaften (Pnas) veröffentlicht. Die Forscher haben die Lufttemperaturdaten mit einem neuen Netzwerk-Analysemodell ausgewertet. Das Ausbleiben von El Niño im vergangenen Jahr hatte dieses neue Rechenmodell ein Jahr vor den konventionellen Methoden sicher vorhergesagt, berichten die Forscher.

Wie wirkt El Niño?

Bisher hat El Niño vor allem in Asien verheerende Auswirkungen gehabt. Dort wird es trockener und wärmer. Ob die Hitzewellen in Indien und Pakistan im Juli bereits auf den aktuellen El Niño zurückzuführen sind, ist noch nicht abschätzbar. Aber das ist eine typische Begleiterscheinung des Phänomens. In Indonesien haben beim El Niño 1997/98 großflächig die Regenwälder gebrannt. „Die Regierung geht davon aus, dass 200 000 Hektar Felder ausdörren und ein bis zwei Millionen Tonnen weniger Reis geerntet werden“, sagt Herry Purnomo vom Waldforschungszentrum (Cifor). „Das ist optimistisch, wir rechnen mit doppelt so hohen Schäden.“ 1997/98 lag der Ernteausfall bei 3,5 Millionen Tonnen Getreide. Eine Hiobsbotschaft ist El Niño aber vor allem für die Tropenwälder. „Die Gefahr ist groß, dass ab September, Oktober unkontrollierte Megabrände Millionen Hektar Naturwald auf Sumatra und Borneo vernichten, wie 1983 oder 1997/98“, sagt der Cifor-Landschaftsökologe David Gaveau. Damals gingen schätzungsweise fünf Millionen Hektar Wald in Flammen auf - eine Fläche größer als die gesamte Schweiz. Obwohl es verboten ist, fackeln dort jedes Jahr Bauern und vor allem Agrarkonzerne riesige Flächen ab. Wenn die Torfmoorböden auf den Inseln Sumatra und Borneo aber wie jetzt besonders ausgetrocknet sind, droht es dort wochenlang und metertief zu brennen.

Das ist eigentlich ein Reisfeld in Indonesien. Doch wegen der Trockenheit sind die Pflanzen nur mickrig ausgefallen. Die indonesische Regierung rechnet mit massiven Ernteeinbrüchen. Foto: imago
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„Wir rechnen mit einem Einbruch der Reisernte um 43 Prozent“, sagte der Vize-Chef des thailändischen Büros für Agrarökonomie, Kanit Likhitvidhayavuth, der Nachrichtenagentur dpa. Indien erwartet mindestens 15 Prozent weniger Regen im September. Auch in Australien bringt El Niño meistens Dürre mit sich, was die Probleme in einigen Regionen des Landes noch vergrößern dürfte, die seit Jahren unter der Trockenheit leiden. Auch im Süden Afrikas ist mit Dürre zu rechnen. Am Horn von Afrika dagegen sind mehr Niederschläge, aber auch Überschwemmungen und Erdrutsche zu erwarten. In den Trockengebieten Ostafrikas erzählen sich die alten Leute bis heute, dass sie im El-Niño-Jahr 1997/98 zuletzt richtig satt geworden seien. Im Südwesten der USA ist mit mehr Regen zu rechnen, im Amazonas-Gebiet Brasiliens dagegen und im Nordwesten Kanadas mit weniger. Im pazifischen Teil Südamerikas könnte es mehr regnen. Die Regierung Paraguays hat die Überschwemmungen in der Haupstadt Asuncion Anfang August bereits auf das Klimaphänomen zurückgeführt.

Der niedrige Wasserstand am Mekong-Fluss führt zum einen dazu, dass in der Landwirtschaft in Vietnam und Kambodscha Wassermangel herrscht. Die Trockenheit vermindert zudem die Stromproduktion entlang der Flüsse in Südostasien. Foto: dpa
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Auf den pazifischen Inselstaaten ist Wassermangel und ein noch höheres Risiko für Wirbelstürme zu befürchten. Erst Im Frühjahr hat ein Zyklon den Pazifikstaat Vanuatu weitgehend zerstört. Eine weitere Naturkatastrophe in kurzer Zeit könnte dieser kleine Inselstaat nicht verkraften.

Welche wirtschaftlichen Schäden gibt es?

1997/98 sind die Lebensmittelpreise drastisch gestiegen, weil insbesondere die Reisernten in Thailand und auf den Philippinen, den wichtigsten Reisanbauländern, miserabel ausgefallen waren. In den Dürregebieten ist überall mit schwächeren Ernten zu rechnen. Und dort, wo es mehr regnet, sind Überschwemmungen nicht auszuschließen, die wiederum die Ernten gefährden könnten. Im milden El-Niño-Jahr 2010 sind die Nahrungsmittelpreise sogar um 45 Prozentpunkte gestiegen. Allerdings war das mitten in der Wirtschaftskrise. In den USA ist die Gewinn- und Verlustrechnung bei einem El Niño eher positiv, haben Wissenschaftler aus Illinois in einer Studie über den 1997/98er El Niño errechnet. Insgesamt hat er allerdings volkswirtschaftliche Schäden von 33 Milliarden Dollar hinterlassen. Rund 23 000 Menschen haben wegen der El-Niño-Folgen damals ihr Leben verloren. Die Vereinten Nationen haben ausgerechnet, dass die Zahl der Armen in Asien um 15 Prozentpunkte gestiegen sei. Dabei spielte auch eine Rolle, dass das Wetterphänomen auf dem Höhepunkt der Asienkrise zuschlug. Der El Niño 1982/83 ist mit globalen Kosten von acht Miliarden Dollar kalkuliert worden.

Hat El Niño Einfluss auf Konflikte?

Forscher des Earth Institutes von Jeffrey Sachs an der Columbia-Universität in New York haben zumindest einen Zusammenhang zwischen El-Niño-Jahren und bewaffneten Konflikten ermittelt – ohne allerdings zu wissen, wie das Wetterphänomen die Konflikte beeinflusst. Als Beispiel nennen sie die Phasen des südsudanesischen Unabhängigkeitskampfes, in denen jedes Mal im El-Niño-Jahr die Kampfhandlungen intensiver geworden seien. Bei einer statistischen Auswertung von Konflikt- und Wetterdaten haben die Forscher für „normale“ Jahre ein Bürgerkriegsrisiko von zwei Prozent errechnet. In einem La-Nina-Jahr stieg es auf drei Prozent, in einem El-Niño-Jahr sogar auf sechs Prozent. (mit dpa)

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