Außergewöhnliche Architektur. Das Guggenheim-Museum in Bilbao. Foto: AFPp

Guggenheim-Museum Bilbao Der Bilbao-Effekt

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Das spektakuläre Guggenheim-Museum existiert seit 20 Jahren – es hat die Stadt Bilbao nach oben gebracht und dient weltweit als Beispiel dafür, wie Kunst zu wirtschaftlichem Aufschwung führen kann.

Vor zwanzig Jahren, als das Guggenheim-Museum Bilbao eröffnet wurde, bedeutete das eine doppelte Provokation, seitens der Institution wie seitens des Gebäudes. In der Museumswelt zog man die Augenbrauen hoch bei dem Gedanken, dass eine Institution wie das Guggenheim-Museum mit seinem Stammsitz in New York eine Zweigstelle ausgerechnet in einer vom wirtschaftlichen Niedergang gezeichneten Industriestadt Nordspaniens eröffnen sollte.

Und als man sich dann zur Eröffnung am 19. Oktober 1997 in Bilbao einfand – wie kam man überhaupt ohne mühseliges Umsteigen dorthin? –, schockierte die Architektur des Gebäudes, das alles andere als ein Museum zu sein schien, eher eine windschiefe Blechbude freilich gewaltigen Ausmaßes.

Das Guggenheim Bilbao, entworfen vom Kalifornier Frank Gehry und gekleidet natürlich nicht in Blech, sondern in Titan, wurde bekanntlich vom Fleck weg ein Erfolg, und Millionenscharen von Kunsttouristen pilgerten fortan in die Ex-Industriestadt, deren einzige Attraktion ebendieses Metall-Dingsbums zu sein schien oder lange Zeit tatsächlich auch war. Der „Bilbao-Effekt“ war geboren, den Stadtväter rund um den Globus so oft zu imitieren suchen. Als vollgültiges Museum sehen manche Kunstkenner das Haus bis heute nicht, eher als einen Architekturgag mit angeschlossenem Ausstellungsbetrieb, was allerdings nach zwanzig Jahren Betrieb doch als widerlegt gelten kann.

Millionen kommen nach Bilbao, um das Museum zu sehen

Im Frühjahr gastierte in den – im Übrigen überraschend funktionsgerechten – Museumssälen die Ausstellung „Abstrakter Expressionismus“, die zuvor in der Royal Academy in London Furore gemacht hatte, und derzeit ist eine Übersicht über die französische, will heißen Pariser Moderne der Jahrhundertwende um 1900 zu sehen, die mit Namen wie Signac, Redon oder Toulouse-Lautrec aufwartet.

Ein Drittel der Sonderausstellungen, so berichtet der bis heute amtierende Gründungsdirektor Juan Ignacio Vidarte – übrigens ein Sohn der Stadt – beim Gespräch im makellosen Besprechungsraum des makellosen Verwaltungstraktes, habe mehr als eine halbe Million Besucher verzeichnet. Und das waren nicht weniger als 93 Sonderausstellungen in 20 Jahren, zu denen 70 Ausstellungen aus eigenem Bestand hinzurechnen. Im Übrigen hat das Museum in zwanzig Jahren eine breite Sammlung vor allem spanischer Kunst aufgebaut, das war Bestandteil des Franchise-Vertrages zwischen der Guggenheim Foundation in New York mit Stadt und Provinz. Gerade hängt ein wunderbares fotorealistisches Gemälde von Gerhard Richter in den Sammlungsräumen, rechtzeitig genug erworben.

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Mit dem Guggenheim Bilbao gelangte die Kulturökonomie, bis dahin ein esoterisches Zweiglein der Wirtschaftswissenschaft, zu weltweiter Blüte. Fortan gab es kein Neubauprojekt irgendeines Kulturgebäudes mehr, das nicht mit Zahlen zum economic impact, zur Umwegrentabilität oder zur Generierung von lokalen Steuereinnahmen aufwartete und aufzuwarten hatte. Im Falle Bilbaos liest sich das so: Bei einer Besucherzahl, die sich stabil oberhalb der Millionengrenze bewegt (2016: 1,17 Millionen), generiert das Haus jährlich 485 Millionen Euro an Ausgaben seitens der Besucher sowie 66 Millionen Euro Steuermehreinnahmen und sichert mehr als 9000 Arbeitsplätze in der Stadt. Insgesamt addierten sich die durchs Guggenheim induzierten Ausgaben in zwanzig Jahren auf rund 4,6 Milliarden Euro – das sei, so Vidarte mit hörbarem Stolz, das Fünfzigfache der Baukosten in Höhe von (umgerechnet) 85 Millionen Euro, über die seinerzeit bekanntlich heftig debattiert worden war.

Die Stadt hat sich gewandelt

Zwei Drittel aller Besucher kommen aus dem Ausland und von den spanischen Besuchern wiederum knapp zwei Drittel von außerhalb des Baskenlandes. In absoluten Zahlen bedeutet das jedoch, dass jährlich 150 000 Besucher aus Stadt und Region kommen, bei 350 000 Städtern und einer Gesamteinwohnerzahl der Provinz Bizkaia von kaum über einer Million eine bemerkenswerte Zahl. Zudem zählt der lokale Museumsverein 16 500 Mitglieder, und sei’s hauptsächlich wegen der günstigen Jahreskarte.

Der „Bilbao-Effekt“ umfasst im Übrigen mehr als das Museum und seine Ausstrahlung. Die Stadt, deren „roten Bilbao-Mond“ einst Brecht/Weill im „Bilbao-Song“ besangen, hat ihre eisenindustrielle Vergangenheit ebenso abgeschüttelt wie den Hafen, der flussabwärts ans offene Meer verlegt wurde, wo der Fluss Nervión, einst die Fernverkehrsader der Stadt, kurz vor der Mündung von der 1893 konstruierten, weltweit ältesten Schwebefähre überquert wird, einem Unesco-Weltkulturerbe.

Stattdessen hat sich die Stadt mit einer von Norman Foster durchdesignten Metro ein die lang hingezogenen Stadtteile einigendes, 29 Kilometer langes Band geschaffen, dazu Kongresszentrum, Tagungshotels, Fußgängerbrücken unter einem gern mal blauen Himmel über der durchaus regenreichen Biskaya zugelegt.

Wenn der Bilbao-Effekt messbaren Erfolg gezeitigt hat, dann – und das ist kein Kalauer – in Bilbao und nirgendwo sonst. Guggenheim put Bilbao on the map, sagen die Amerikaner, das Guggenheim hat Bilbao auf die Landkarte gesetzt, heißt: hat die Stadt sichtbar gemacht. Sogar von Berlin aus kann man non-stop hinfliegen. Bilbao hat einen Flughafen, der funktioniert. Auch das.

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