Genie im Hauptberuf

Dieter Hoffmann
0 Kommentare

Vor 50 Jahren starb Albert Einstein. Ein Rückblick auf seine Berliner Zeit

„Im Sommer gehe ich nämlich nach Berlin als Akademie-Mensch ohne irgendwelche Verpflichtung, quasi als lebendige Mumie. Ich freue mich auf diesen schwierigen Beruf“, schrieb Albert Einstein seinem Freund Jakob Laub im Herbst 1913. Als „bezahltes Genie“ wirkte Einstein fast zwei Jahrzehnte in der Stadt – bis die Nazis ihn als Symbolfigur „jüdischer Wissenschaft“ und als einen der intellektuellen Repräsentanten der verhassten Weimarer Republik in die Emigration zwangen.

Berlin war damals nicht nur ein intellektuelles Zentrum, sondern auch eine weltweit anerkannte Hochburg wissenschaftlicher Forschung. Namentlich in der Physik konnte die Stadt mit einer Fülle berühmter Gelehrter und exzellenter Forschungsinstitutionen glänzen. Diese verknüpften die allgemeine Entwicklung der Physik aufs engste mit der physikalischen Forschung in Berlin. Nachdem Einstein im Herbst 1911 auf der Brüsseler Solvay-Konferenz, einem Treffen der maßgeblichen Physiker, die persönliche Bekanntschaft mit Berliner Wissenschaftlern gemacht und sogar mit einigen Freundschaften geschlossen hatte, gab es verstärkte Bestrebungen, das neu erstrahlende Genie am Physikerhimmel für Berlin zu gewinnen. Damals wie heute ziehen brillante Köpfe eben brillante Köpfe an.

Allerdings war es für Einstein keinesfalls selbstverständlich, die Offerten der Berliner anzunehmen. Lange Zeit schwankte er auch in seinem Entschluss. „Nicht ohne gewisses Unbehagen (sah er) das Berliner Abenteuer näher rücken“, denn zu Deutschland und speziell zu Preußens militärischer Gesinnung hatte er ein höchst ambivalentes Verhältnis. Als 16-Jähriger war er davor ausgerissen und hatte seitdem keinerlei Sehnsucht zur Rückkehr empfunden.

Die Aussicht, einer Wissenschaftlergemeinschaft anzugehören, die auf dem Gebiet der Physik die Elite repräsentierte und von der man sich wichtige Impulse für das eigene Schaffen erhoffen konnte, waren es nicht allein, die Einstein an die Spree zogen. Vielmehr war es auch hier, wie so oft, eine Frau, die den letzten Ausschlag gab. Während seiner Berlin Besuche 1912 und1913 hatten seine Cousine Elsa Löwenthal und Albert nicht nur Wiedersehen gefeiert, sondern sich auch schätzen und lieben gelernt. Nach einem der Besuche erinnerte sich Einstein noch ganz liebestrunken an einen gemeinsamen Ausflug an den Wannsee und dass er „was drum gäbe, wenn ich’s wiederholen könnte.“ Zwei Jahre später siedelte Einstein nach Berlin über und im Februar 1919 heirateten beide.

Aber auch für die Berliner Physiker war es nicht ganz einfach gewesen, die Bedingungen für Einsteins Berufung nach Berlin zu schaffen. Nachdem die ersten Versuche, für Einstein in Berlin eine Stelle zu schaffen, gescheitert waren, gelang es schließlich im Frühjahr 1913 ein Berufungspaket für Einstein zu schnüren, das nicht nur attraktiv, sondern auch von allen Seiten akzeptiert werden konnte. Einstein sollte hauptamtliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaft werden und sich in dieser Position quasi als „bezahltes Genie“ ausschließlich auf seine Forschungsinteressen konzentrieren können.

Dies ganz im Gegensatz zu seinen anderen Akademikerkollegen, die hauptamtlich als Universitätsprofessoren oder Direktoren und Mitarbeiter außeruniversitärer Forschungsinstitutionen wirkten und sich in der Akademie nur zum regelmäßigen Gedankenaustausch über ihre Forschungsergebnisse trafen.

Um die Akademiestelle nicht nur intellektuell, sondern auch finanziell attraktiv zu machen, wurde die Gehaltsfrage unbürokratisch geregelt. Für Einstein wurde das Höchstgehalt eines deutschen Universitätsprofessors ausgesetzt. Allerdings konnten die Akademie und der preußische Staat das entsprechende Jahresgehalt von etwa 12000 Mark nicht allein aufbringen, so dass man an den Berliner Bankier Leopold Koppel herantrat. Dieser war schon bei der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft als großzügiger Wissenschaftsmäzen hervorgetreten und erklärte sich auch jetzt bereit, Einsteins Akademiestelle mitzufinanzieren. Mit Einsteins Akademiemitgliedschaft war zudem die Berufung an die Berliner Universität verknüpft. Dies mit allen akademischen Rechten, doch ohne die Pflicht, regelmäßig Vorlesungen halten zu müssen. Darüber hinaus stellte man Einstein in Aussicht, Direktor eines neu zu gründenden Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik zu werden.

Knüpfte Einstein an seine Übersiedlung nach Berlin die Hoffnung auf neue wissenschaftliche Impulse, so verband sich für die Berliner Physiker mit Einsteins Berufung die Erwartung, dass man nun gemeinsam die neuen Grundlagenprobleme der Physik würde lösen können, die die Entwicklung der Quantentheorie so zahlreich aufgeworfen hatte. Insbesondere hoffte man, dass er eine neue Theorie der Materie entwickeln würde. Diese sollte nicht zuletzt die Integration von Physik und Chemie weiter voranbringen. Allerdings haben sich diese Erwartungen wechselseitig nicht erfüllt. Einsteins Forschungsinteressen waren damals ganz auf den Abschluss seiner Allgemeinen Relativitätstheorie konzentriert. Dies gelang ihm im Herbst 1915, und er trug über diesen Triumph in rascher Folge in den Sitzungen der Akademie vor.

Andererseits gingen auch die mit der Gründung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik gehegten Hoffnungen auf Stärkung des institutionellen Spektrums der Berliner Physik nicht in Erfüllung. Das Institut blieb mehr oder weniger ein „Ein-Mann-Institut“ zur Verteilung von Forschungsmitteln, von dem sich Einstein zudem in den Zwanzigerjahren weitgehend zurückzog.

Trotz solch nicht erfüllter Hoffnungen waren Einsteins wissenschaftliche Leistungen in Berlin immer noch beeindruckend – neben der Vollendung der Allgemeinen Relativitätstheorie sind der Nachweis des gyromagnetischen Effektes und die Formulierung der Bose-Einstein-Statistik zu nennen. Die spektakuläre Bestätigung der Allgemeinen Relativitätstheorie machte ihn in den Zwanzigerjahren zu einer Person der Öffentlichkeit, einem wissenschaftlichen Star des anbrechenden Medienzeitalters.

Damit markieren die Berliner Jahre den Höhepunkt von Einsteins wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Anerkennung. Sie waren aber auch eine Zeit zunehmender politischer und antisemitisch geprägter Angriffe gegen die Persönlichkeit und das Werk Einsteins. Trotz dieser Attacken, die in den frühen Zwanzigerjahren sogar in Morddrohungen gipfelten, fühlte sich Einstein mit der Berliner scientific community so stark verbunden, dass er Berufungen aus dem Ausland ausschlug. Gegenüber dem preußischen Kultusminister bekannte er, „dass Berlin die Stätte ist, mit der ich durch menschliche und wissenschaftliche Beziehungen am meisten verwachsen bin. Einem Ruf ins Ausland würde ich nur in dem Falle Folge leisten, dass äußere Verhältnisse mich dazu zwingen.“

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Januar 1933 waren solche Verhältnisse eingetreten. Einen von den Nazis betriebenen und von willfährigen Kollegen mitgetragenen Ausschluss aus der Akademie kam er zuvor. Ende März legte er seine Akademiemitgliedschaft nieder, was ihm nicht leicht fiel: denn ungern scheide er, wie man in einem Schreiben an die Akademie liest, „aus ihrem Kreis auch der Anregungen und der schönen menschlichen Beziehungen wegen, die ich während dieser langen Zeit als ihr Mitglied genoss und hoch schätzte“.

Einsteins Ausscheiden aus der Akademie wurde im Übrigen zum Auftakt einer beispiellosen Vertreibung von Wissenschaftlern und Künstlern aus Deutschland. Eine fast einmalig zu nennende schöpferische Atmosphäre, diese unwägbare und doch sehr reale Qualität geistigen Schaffens, die Deutschland und speziell Berlin in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu einem wissenschaftlichen Weltzentrum gemacht hatte, wurde so in wichtigen Teilen zerstört. Das wirkt bis heute nach, denn zerstörte wissenschaftliche Institute lassen sich zwar wieder aufbauen, auch Talente wachsen nach – doch eine Atmosphäre höchster wissenschaftlicher Kreativität und Attraktivität ist so schwer zu schaffen wie leicht zu verlieren.

Zur Startseite