Wein-Test Rosa Wochen

Manfred Kriener
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Beim Rosé legen selbst passionierte Weinfreunde die Stirn in Falten. Hat dieser Sommerwein seinen Ruf zu Recht? Unser Test zeigt: Es gibt guten Tropfen – und zwei Siegerweine.

Rosé gilt als typischer Frauenwein. In einer Branche, in der besonders muskulöse Weine mit der Miene des Connaisseurs gern als „maskulin“ gelobt werden, ist das schon fast die Höchststrafe. Es kommt aber noch schlimmer: Rosé ist häufig ein Abfallprodukt der Rotwein-Produktion. Da stellen sich schnell Assoziationen zur Mülldeponie her. Doch ungeachtet solcher Imageprobleme darf man getrost feststellen: Der Rosé ist oft besser als sein Ruf – und hält sich wacker. Jede zwölfte Flasche, die in Deutschland geöffnet wird, funkelt lachs-, zwiebel- oder magentafarben.

Vor allem im Sommer, wenn Bundespräsidenten hemdsärmlig zum Interview bitten, wird er gerne entkorkt. Dann sieht man sogar ausgewachsene Männer, mit wenig mehr als einer Armbanduhr bekleidet, auf dem Balkon sitzen und gut gekühlten Rosé trinken. Auch zum Gegrillten überzeugt er mit erfrischendem Charme.

Was häufig unterschätzt wird: Rosé ist eine heimliche Stärke gerade der deutschen Winzer, wie die Verbrauchszahlen zeigen. 2006 hat jeder Deutsche 1,7 Liter Rosé getrunken bei einem Gesamt-Weinverbrauch von 20,1 Litern. Das entspricht einem Anteil von 8,5 Prozent (55,5 Prozent rot, 36 Prozent weiß). Bei den Herkunftsländern liegen die heimischen Rebhügel mit Abstand vorne: 46 Prozent aller getrunkenen Roséweine waren deutscher Herkunft. Dahinter liegen weit abgeschlagen Italien mit 13 und Frankreich mit 10 Prozent, deren Anteile deutlich an Boden verloren haben.

Vor allem junge Weintrinker lieben Rosé: Bei den unter 30-Jährigen erreicht er einen Anteil von immerhin 13 Prozent. Tendenz: kräftig steigend. Mit Rücksicht auf die jung-weibliche Klientel wird Rosé gern ein wenig lieblich ausgebaut, was sein Image nicht unbedingt verbessert. In jedem Fall muss er knackig kalt direkt aus dem Kühlschrank serviert werden. Und er sollte in der Regel schon in den ersten beiden Jahren nach der Abfüllung getrunken werden. Rosé ist nichts zum Einlagern.

Rosé-Weine werden nur aus roten Trauben hergestellt. Das ganze Geheimnis: Der Winzer zerquetscht die geernteten Früchte und trennt den abgepressten Saft schon nach zwei bis acht Stunden – je nach Jahrgang, Temperatur und Rebsorte – von den Beerenhäuten, in denen die Farbstoffe sitzen. Bei der Rotweinproduktion bleibt der Brei aus Traubensaft, Haut und Kernen dagegen im Extremfall bis zu vier Wochen stehen. Je länger die Standzeit, desto mehr Farbe, Gerbstoffe, Aromen und Phenole werden aus den Trauben herausgezogen. Umgekehrt gilt: Je kürzer die Standzeit, desto hellfarbiger und transparenter wird der Wein. So erhalten Roséweine ihre stark unterschiedliche Färbung – vom blassen Rosa bis zum satten Pink. Die Farbe sagt allerdings noch nichts über den Geschmack aus.

Wenn der Winzer den Saft dagegen ohne jeden Maischekontakt sofort abzieht, erhält er auch aus roten Trauben einen lupenreinen Weißwein, den sogenannten Blanc de Noir.

Der Weißherbst ist eine Besonderheit des Rosé. Er kommt aus Baden und muss reinsortig aus Spätburgunder hergestellt werden. Der Schiller dagegen ist eine eher dubiose Spezialität aus Württemberg. Er wird aus Rot- und Weißweinen gemixt und ist kein wirklicher Rosé.

Warum Rosé häufig ein Nebenprodukt ist? Um besonders konzentrierte, farbkräftige Rotweine zu erzielen, greifen die Winzer zu einem Trick: Sie lassen ihren Rotwein „bluten“. Das heißt, sie ziehen einen Teil des Saftes aus ihren Rotweintrauben – etwa 5 bis 15 Prozent – frühzeitig ab und machen daraus einen Rosé. Dann sind im verbliebenen Rest anteilsmäßig mehr Beerenhäute mit ihren Farbpigmenten vorhanden. Die Franzosen nennen diesen Aderlass „Saignée“, ein Begriff, der inzwischen auch in Deutschland von vielen Winzern aufs Etikett geschrieben wird.

Die meisten Rosés sind das Ergebnis ausgebluteter Rotweine, streng genommen tatsächlich ein Überbleibsel. Hinzu kommt: Auch die Trauben aus jungen Anlagen, aus schlecht ausgereiften, schlecht gefärbten oder von Edelfäule befallenen Partien, die nicht zur Rotweinherstellung taugen, enden oft als Rosé.

Einem Winzer wie Konrad Salwey aus dem badischen Oberrotweil stellen sich spätestens jetzt die Nackenhaare auf. Er gehört zu den wenigen Spezialisten, die ihren Rosé ganz anders produzieren. Salwey, der je nach Jahrgang bis zu acht verschiedene Spätburgunder Weißherbste keltert, hat mehrere Weinberge mit roten Trauben bestockt, die er ausschließlich für die Rosé-Herstellung nutzt. Er verwendet nur hochwertiges, gesundes Traubenmaterial. Die Pflege dieser Weinberge erfolgt rosé-typisch: Im Spätsommer verzichtet Salwey bewusst auf das Entblättern der Reben über der Traubenzone. Die Beeren sollen keine direkte Sonne bekommen, sondern vom Schatten beschützt werden. Sein Credo: Dann bleiben die Beerenhäute dünner, entwickeln weniger Bitterstoffe, der Rosé bekommt eine kühlere, delikatere Frucht. Weil Salwey aber keine Fruchtmonster mag, verzichtet er im Keller auf eine extrem kühle Vergärung, die den Fruchtgeschmack forciert und gerade beim Rosé häufig angewandt wird.(Bezug über www.salwey.de, Tel. 07662/6340.)

Trauben, aus denen ein süffig leichter Rosé gekeltert wird, können in der Regel etwas früher gelesen werden. Dies trifft aber nicht auf die Trauben eines Saignée-Rosé zu, die naturgemäß dieselbe Reife haben wie das Rotwein-Lesegut. Leider ist der spritzige Sommer-Rosé mit elf bis maximal zwölf Prozent Alkohol inzwischen selten geworden. Auch in unserer Testrunde dominierten die kräftigen Weine mit 13 oder sogar 13,5 Volumenprozent Alkohol.

Wir hatten sieben Berliner Weinläden aufgefordert, uns ihren schönsten Rosé zu schicken. Die Auswahl überließen wir den Händlern. Die Kandidaten wollten wir zur leichten Sommerküche – Gemüsesalate, eingelegter Tintenfisch, Pizza – probieren. Es sollte also keine der üblichen Profi-Degustationen sein, nach dem Motto: ein bisschen am Glas geschnüffelt, einen Schluck über die Zunge gejagt, wieder ausgespuckt und eine Punktzahl vergeben, der Nächste bitte! Die Rosé-Kandidaten wurden stattdessen von einer siebenköpfigen Jury aus erfahrenen Weinliebhabern zum Essen getrunken. Und zwar solange, bis die ersten drei Flaschen leer und damit die „Stockerl-Plätze“ ermittelt waren. Motto: Je besser der Wein, desto leerer die Flasche.

„JLF-Test“ nennt die Weinzeitschrift „Merum“ dieses von ihr entwickelte Verfahren. Der Wein wird aus der künstlichen Testsituation befreit und in sein natürliches Biotop zurück an den gedeckten Tisch geführt. Der Test soll möglichst exakt den Genussgewohnheiten zu Hause entsprechen, wenn man mit Freunden um den Tisch sitzt, isst und trinkt.

Einziger Unterschied: Wir hatten sieben Flaschen gleichzeitig geöffnet, mit Alufolie umwickelt und nummeriert. Keiner sollte sehen, was er trinkt, um Vorurteile und Ehrfurcht vor berühmten Namen auszuschließen.

Die Berliner Weinhändler hatten vier deutsche Rosé, zwei Südfranzosen und einen Spanier ins Rennen geschickt. Dabei waren unterschiedliche Stilistiken leicht zu erkennen: Hier die betont fruchtigen, manchmal überbordenden, leicht dropsigen Weine, dort die eher dezenten, an Weißweine erinnernden Gewächse mit gebremster Frucht. Zum Essen hatten die Himbeer- und Erdbeertypen den deutlich schwereren Stand, sie sind eher als Solisten geeignet. Weil nach einem Kopf-an- Kopf-Rennen zwei Flaschen gleich schnell ausgetrunken waren, kürten wir beide zum Sieger.

Das Testverfahren erwies sich als spannend wie ein guter Krimi. Dabei wurden nicht nur die persönlichen Favoriten getrunken. Sobald sich ein Teilnehmer über einen Wein mokierte („Marmeladendröhnung!“), schenkten sich andere ein Schlückchen ein, um das Kollegen-Urteil zu überprüfen. Den drei Siegerweinen wurden indes einstimmig gehuldigt. So kann Rosé richtig Spaß machen.

And the winner is: Der süffige Provencale „Mas de Cadenet“ gewann gleichauf mit dem mustergültigen Pfälzer Rosé des Weinguts Knipser. Die beiden Siegerweine waren die eher eleganten, zurückhaltenden Weine, mit schönem Trinkfluss, erfrischend und knackig. Bronze gab es für den feinen Nahe-Rosé vom Weingut Dr. Crusius, der uns zum Essen in der Süße einen Tick zu vorlaut war.

1. Sieger:
2006 Mas de Cadenet
Appellation Sainte Victoire, Provence: Helles Lachrosa, zarter Duft nach Mandeln und Blüten, erfrischend, noble Zurückhaltung. Elegant-süffiger und wirklich trockener Rosé. Bei Enoteca Blanck & Weber, Ludwig-Kirch-Straße 20, Berlin-Wilmersdorf, 7,30 Euro.

1. Sieger:
2006 Rosé trocken
Weingut Knipser, Laumersheim, Pfalz: Transparentes Lachsrosa. Die Knipserbrüder keltern aus Cabernet-Trauben einen frischen, belebenden Rosé, mit dezenten Fruchtaromen und Eleganz. Bei Wein & Glas, Prinzregentenstraße 2, Berlin-Wilmersdorf, 11,40 Euro.

3. Sieger:
2006 Traiser Spätburgunder Rosé, trocken
Weingut Dr. Crusius, Traisen, Nahe: Sehr mineralisch und weinig, eher im Weißweinstil, dezente Kirscharomen, etwas Mandel, der schmeckt auch solo. Weinladen Schmidt, verschiedene Filialen in Berlin, 8,50 Euro.

Mineralisch:
2006 Rosé Baden Blue
Pinot Noir, trocken, Winzergenossenschaft Sasbachwalden: Mittleres Pink, in der Nase Blütendüfte, Grapefruit, mineralische Noten, ein kräftig voller Rosé. Im Badischen Weinhaus, Naumann-straße 79, Schöneberg, 6,10 Euro.

Kraftvoll:
2006 La Saignee
Domaine Le Roc, Appellation Fronton (bei Toulouse): Satte Farbe, hellrot, schöne Mineralität, dezent rote Früchte, auch etwas Grapefruit, dicht und kraftvoll gebauter Südfranzose. Bei Vinum Spezialitätenkontor, Danckelmannstraße 29, Charlottenburg, 6,50 Euro.

Fruchtig:
2006 Mediodia
Bodega Inurrieta, Weingebiet Navarra: Tieffarbig, fast kirschrot, überbordende, intensive rote Früchte, Drops, kräftiger Geschmack, eher ein Solist als ein Essensbegleiter. Bei Viniculture, Grolmannstraße 44, Charlottenburg, 6,30 Euro.

Dick:
2005 Rosé Saigner
Weingut Markus Schneider, Ellerstadt, Pfalz:Tieffarbig, ausgeprägte Erdbeer- und Kirscharomen, deutliche Fruchtsüße, eher halbtrocken, mit 13,5 Prozent und viel Kraft der dickste Rosé im Testfeld. Bei Weinstein, Lychener Straße 33, Prenzlauer Berg, 8,40 Euro.

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