Fleischlich. Die Nordic Cuisine serviert Bienenlarven als Ceviche und Tacofüllung, bei der Schweizer Coop gibt’s Hamburger mit Mehlwürmern. Foto: picture alliance / Walter Bieri/
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Nahrung der Zukunft Warum Insekten uns bald alle retten werden

Felix Denk
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Sechsfüßler auf Crème fraîche oder Grille Royal. Gerichte wie diese werden künftig häufiger auf unseren Tellern landen.

Ein bisschen gemein ist das schon. Draußen tauchen die letzten Sonnenstrahlen den Backsteinhof in ein honigfarbenes Licht. Unter den Sonnenschirmen servieren Kellner im Ganzen gegarten Blumenkohl, Ceviche von der Meerforelle oder zwöf Stunden geschmortes Duroc-Schwein. Im „Katz Orange“ verdichtet sich die kulinarische Gegenwart.

Drinnen im Seitenflügel hingegen: Seminar-Atmosphäre. Kunstlicht, Resopaltische, 25 Menschen, die beim „Contemporary Food Lab“ ihre Nasen in eine Ampulle mit Wasserwanzen-Aroma halten. Dazu schauen sie Bilder von thailändischen Märkten an, wo sich Grillen, Grashüpfer und anderes vielbeiniges Getier in Plastikwannen stapeln. Eine Verkostung von Bienenlarven steht auch auf dem Programm. So könnte die Zukunft des Essens aussehen. Zumindest glauben das gerade viele.

In Europa haben sich Insekten als Nahrung noch nicht durchgesetzt

„Insects. Disgusting, Delicious, Sustainable?“ heißt der Workshop von Andrew Müller, dessen T-Shirt die Raupe eines Totenkopfschwärmers zeigt. Als Jugendlicher hat er die Schmetterlinge mal gezüchtet und später in Laos auch gegessen. Entomophagie ist das Fachwort für den Verzehr von Insekten – und der erlebt einen Hype, der jetzt mit etwas Verspätung auch in Deutschland ankommt. Und weil Andrew Müller nicht nur eine achtmonatige Forschungsreise durch Südostasien hinter sich hat, sondern gerade auch an seiner Abschlussarbeit in Soziologie über das Thema schreibt, sagt der 30-jährige Berliner: total eurozentrisch, unser Konzept der Entomophagie.

Etwa zweieinhalb Milliarden Menschen auf der Welt essen regelmäßig Insekten. In Asien, Afrika und Lateinamerika gehören die wechselwarmen Tierchen fest zum Speiseplan. Weil sie geschmacklich interessant und besonders nahrhaft sind. Hornissenlarven und Riesenwasserwanzen gelten in Laos und Thailand als Delikatessen. In Mexiko ruht der Wurm nicht nur im Mezcal, sondern auch zerstoßen im Salz auf der Limette, die zum Kurzen gereicht wird. Nach den Escamoles, Ameiseneiern, lecken sich Feinschmecker die Finger. In Uganda werden manche Käfer deutlich teurer gehandelt als Rindfleisch.

Ekel vor dem Krabbelvieh

Nur Europäer und Nordamerikaner konnten bislang keinen rechten Appetit auf Krabbler und Kriecher entwickeln, weswegen dem Begriff Entomophagie, der Ende des 19. Jahrhunderts entstand, auch etwas Abwertendes anhaftet. Dabei gab es durchaus Traditionen, an die man anknüpfen könnte. Aristoteles war ein eifriger Zikadenesser, bei Wilhelm Busch kommt noch eine Maikäfersuppe vor, die nach Krabben geschmeckt haben soll. Noch heute gibt es Milbenkäse wie Würchwitzer oder Mimolette, bei denen die mikroskopisch kleinen Gliederfüßler mit ihren Enzymen den Reifungsprozess vorantreiben.

Warum hat der Westen einen kulturell habitualisierten Ekel gegen Insekten entwickelt? Darüber kann man nur spekulieren, sagt Müller. Es mag mit der Christianisierung zu tun haben, Stichwort Heuschreckenplage. Die Urbanisierung könnte eine Rolle spielen. Durch sie wurden Insekten vor allem als Ungeziefer wahrgenommen. Und dann das Klima: Die Winter sind zu kalt für Insekten, und so groß wie eine laotische Riesenwasserwanze wird der gemeine Junikäfer nicht – den Müller gegrillt empfehlen kann. Er sammelt sie manchmal auf dem Tempelhofer Feld.

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