Brennnesseln verband man früh mit Schmerz und Qualen, dabei steckt in der Pflanze so viel Gutes. Foto: imago/Manngoldp

Kleine Kulturgeschichte der Brennnesseln Einfach in die Suppe

Hella Kaiser
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Eine einzige weibliche Nesselstaude kann pro Jahr zigtausende Samen erzeugen. Wie schrecklich? Ein Glück, findet Kräuterexperte Ludwig Fischer.

Sie ist lästig und hässlich, ein ärgerlicher Eindringling und nutzloser Quälgeist: die Brennnessel. „Stimmt nicht!“, sagt Literaturprofessor und Kräuterexperte Ludwig Fischer – und hat die Pflanze jetzt kenntnisreich und liebevoll porträtiert. Brennnesselgrün eingebunden ist das Büchlein und hübsch garniert mit ausgewählten Zeichnungen, Bildern und Stichen.

Jeder Gärtner weiß, wie widerstandsfähig Brennnesseln sind. Sie gedeihen im Schatten genauso wie in praller Sonne, wurzeln in humusreicher Erde, krallen sich aber auch in nährstoffarmen Sandböden fest. Eine einzige weibliche Nesselstaude kann pro Jahr zigtausende Samen erzeugen. Wie schrecklich? Ein Glück, findet Ludwig Fischer. Schon weil die Blätter der Pflanze jenen Raupen Nahrung bieten, die später zu den schönsten Schmetterlingen werden.

Brennnesseln verband man früh mit Schmerz und Qualen. Jeanne d’Arc wurde, im Nesselhemd bekleidet, zum Scheiterhaufen gebracht. In einem Märchen von Hans Christian Andersen wurden elf Prinzen in Schwäne verwandelt. Die Schwester kann sie nur retten, indem sie jedem Bruder ein selbst gewobenes Nesselhemd überwirft. Dazu pflückt sie, „mit großen Blasen an den Händen“, Brennnesseln und flicht „mit blutigen Füßen“ den Stoff daraus. Auch in der Malerei stand die Pflanze für großen Schmerz. Curt Querner etwa malte das „Selbstbildnis mit Brennnessel“ 1933. Kurz zuvor hatten die Nazis seinen Freund ermordet.

Auch Menschen tut die Pflanze gut

Früh aber war auch bekannt, wie viel Gutes in der Pflanze steckt. Winzer nutzen Brennnesseljauche für ihre Weinstöcke. Ins Hühnerfutter gemischte Brennnesseln bewirken ein kräftig gelbes Eidotter, Pferde sollen angeblich ein glänzendes Fell bekommen, wenn man ihnen Brennnesseln unters Heu hebt.

Ludwig Fischer: Brennnesseln. Ein Portrait. Reihe Naturkunden, Verlag Matthes & Seitz. Cover: promop

Auch Menschen tut die Pflanze gut. Nach der Kneipp’schen Lehre soll man verspannte Muskeln mit Brennnesselruten peitschen. Brennnesseltee kann Gicht und Rheuma lindern, schmerzende Gelenke sollte man mit Brennnesselblättern einreiben. Die Samen der Pflanze, so behaupten Experten, seien dem teuren ostasiatischen Ginseng gleichwertig.

Auch in gehobenen Restaurants steht im Sommer mittlerweile schmackhafte Brennnesselsuppe auf der Karte. Das Rezept findet man in Ludwig Fischers Buch. Und dazu noch andere wie „Gebackene Brennnesselblätter im Teigmantel“ oder – schnell fertig! – ein „Austernpilz-Brennnessel-Omelette“. Kein Grund also, die Pflanze mit Stumpf und Stiel auszurotten. Dazu ist sie zu wertvoll – und auch zu schön. In seinem eigenen Garten hat ihnen der Autor einen schönen Platz gegeben: Rund um einen Apfelbaum dürfen sie sich ausbreiten.

Ludwig Fischer: Brennnesseln. Ein Portrait. Reihe Naturkunden, Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2017, 168 Seiten, 18 Euro

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