Fotos: Tanja Evers (2), Daniela Lebangp

Bestsellerautor Moritz Netenjakob Der Albtraum vom eigenen Café

Susanne Kippenberger
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Ein Bestseller hatte ihn reich gemacht. Da erfüllte sich der Comedian Moritz Netenjakob seinen größten Wunsch. Eine Geschichte vom Scheitern.

Es war aus. In dem Moment, als ihm die Tränen in die Augen schossen, konnte Moritz Netenjakob, ein gnadenloser Optimist, ein Kölscher Sonnenschein, es nicht länger leugnen. Der Traum war geplatzt. Er musste schließen. Sofort.

Zehn Monate zuvor hatte der Comedian, Grimme-Preisträger und Schriftsteller das „Macho“ in Köln-Sülz eröffnet. Sein Café. Und nun saß er vor einer Gastronomieberaterin, die ihm erklärte, in welcher Ecke der Metro er die Sonderangebote findet, die sein Koch dann kreativ ökonomisch aufbereiten sollte. Das war der Moment, wo Netenjakob plötzlich anfing zu weinen. Zehn Monate lang hatte er sich, unter immer größerer Anspannung, gesagt, wir schaffen das, wir schaffen das. Auch wenn er wieder den ganzen Tag allein im Kaffeehaus saß und sehnsüchtig nach draußen schaute, weniger als 50 Euro Umsatz machte bei mehr als 2000 Euro Monatsmiete. Und wenn dann endlich einer reinkam, fragte der nur: Darf ich mal aufs Klo?

Netenjakob wollte sich keine Gedanken um Sonderangebote machen! Er war Autor, Künstler. Deswegen hatte er auch viel mehr Zeit in die originelle Gestaltung der germanisch-orientalischen Speisekarte gesteckt als in einen Businessplan. Im Mai 2011 trug er sein Baby zu Grabe. Sechs Jahre Abstand hat es gebraucht, bis er aus dem Desaster humoristische Funken schlagen konnte: Gerade erschien „Milchschaumschläger“, sein autobiografischer Café-Roman (KiWi). „Humor“, zitiert der 47-Jährige Woody Allen, „ist Tragödie plus Zeit.“

Eine Tasse Westhoff-Filterkaffee, dann fühlt er sich wie in einem Sketch von Loriot

Eigentlich hatte er ja genau so ein Café, wie er es erträumt hat, wo man Kabarettisten und andere nette Menschen trifft, guten Schafskäse kriegt, in Ruhe Bücher schreiben kann und sich mit dem Wirt prima versteht. Ein städtisches Wohnzimmer. Im „Filos“, in der Kölner Südstadt, ist Netenjakob Stammgast. An diesem Nachmittag findet er es als Treffpunkt fürs Interview ungeeignet. Es riecht noch zu sehr nach verschüttetem Karnevals-Bier.

Also Kontrastprogramm, das „Wahlen“ am Hohenstaufenring, um die Ecke ist Netenjakob aufgewachsen – seit mehr als 100 Jahren in Betrieb, noch immer in Familienbesitz, ein Café, an dessen Einrichtung sich seit 50 Jahren nichts verändert zu haben scheint. Rote Nelken, geraffte Gardinen, großgeblümte Relieftapeten. Kellnerinnen mit weißen Spitzenschürzchen servieren Toast Hawaii, Königinpasteten und Torten aller Art. Der lang gestreckte Raum ist erfüllt von Gemurmel, am Nachbartisch lässt es sich eine Gesellschaft älterer Damen, frisch frisiert, fidel gehen. Junge Frauen sitzen an Laptops, und auf der Speisekarte wird alles genau erklärt: „Latte macchiato – Gefleckter Kaffee im Glas mit Milch und Schaum“.

Eigentlich trinkt Netenjakob am liebsten Assam-Tee, aber im „Wahlen“ bestellt er sich „eine gute Tasse Westhoff-Filterkaffee“. Weil der so schmeckt wie bei seiner Oma, und weil er die Worte so gern in den Mund nimmt. Dann fühlt er sich endgültig wie in einem Sketch von Loriot. Dazu eine Schwarzwälder Kirsch.

Sein Kardinalfehler: Er dachte zu sehr aus der Perspektive des Gastes

Auch das „Macho“ war ein Familienbetrieb: seine Frau, sein Schwager und er. „Macho Man“ hieß der 2009 erschienene autobiografische Roman, in dem der sanfte Sohn akademisch-künstlerischer 68er-Eltern von seinen Erfahrungen erzählt, in eine türkische Familie einzuheiraten. Das Buch wurde ein Bestseller und der Autor übermütig: Jetzt ein Café!

Künstlercafé. Die originelle Gestaltung der deutsch-orientalischen Speisekarte war wichtiger als der Businessplan fürs "Macho". Foto: Tanja Evers (2), Daniela Lebangp

Hülya Dogan-Netenjakob, zunächst eher skeptisch, ließ sich anstecken von seiner Begeisterung. Am liebsten hätte sie nach zwei Monaten wieder zugemacht. „Ich will mein Leben zurück!“ Denn, so Netenjakob, „das ist wie eine nicht endende Geburtstagsfeier. Am Anfang ist es schön, aber irgendwann freut man sich, wenn die Gäste wieder gehen. Nur – das hört ja nie auf!“ Trotzdem blieb er stur: Wir machen weiter. Für die Ehe wurde es zur harten Prüfung. Sie waren am Ende, wurden immer dünnhäutiger.

Einer seiner Kardinalfehler, so der Ex-Unternehmer: dass er das Ganze zu sehr aus der Perspektive des Gastes gedacht hatte statt aus der des Wirts. Für sich selbst hatte er die Rolle der „Guten Seele des Betriebs“ auserkoren. Zum Großmarkt fahren, Klo wischen (nie hätte er gedacht, dass es so schwer ist, ein Pinkelbecken zu treffen), Gäste zurechtweisen, an all das hatte er nicht gedacht. Er bricht, wie so oft an diesem Nachmittag, in plötzliches Lachen aus, verblüfft über die eigene Blauäugigkeit.

So kamen in seiner Vorstellung immer nur sympathische Leute in sein Traumkulturcafé. Keine unverschämten, rücksichtslosen, egozentrischen, betrunkenen. Netenjakob ist ein gutmütiger Mann, anderen Grenzen zu setzen nicht seine Spezialdisziplin. Oder das Personal. Er dachte, du hängst einen Zettel in der Uni auf, Kellner gesucht, und kriegst sofort 20 Bewerbungen. Stattdessen: nix. „Es war leichter, und das sage ich ohne komödiantische Übertreibung, einen Verlag für meinen Roman zu finden als Kellner für das Café.“

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