Das Gemüse: süß, weich und orientalisch gewürzt. Foto: Benjamin Steilp

Berliner Imbisse im TestVegetarisch zum Sattwerden

von Susanne Kippenberger2 Kommentare

In der No58 Speiserei gibt es alles, was dem Neuköllner von heute gefällt: vegan, glutenfrei und frisch zubereitet. Das einzige Stück Fleisch entdeckt man auf dem Weg zum Klo.

Sommerfrische in Neukölln, nur einen Block von der schrabbeligen Billigmeile namens Hermann entfernt. Räder klappern übers Kopfsteinpflaster, die Laternen mit den silbernen Mützen sehen aus, als würden sie noch mit Gas betrieben, lauschig sitzt es sich unter den Linden am wackeligen Gartentisch aus Holz. Die Vögel zwitschern sich was zu. Würden die parkenden Autos verschwinden, es könnte 1900 sein.

Nur kannte man in der Weisestraße damals weder Avocado noch Bowls. Doch das Tempo stimmt. Ein bisschen Muße sollte man mitbringen für die Speiserei. Hier wird geflowt. Flow – die gleichnamige Zeitschrift für Entschleunigung liegt auf dem Fensterbrett zur Lektüre bereit – ist das Gegenteil von Fliegen. Sommerfrischengeschwindigkeit. Dafür wird in dem Café auch alles frisch gemacht.

Der herzhafte rote Muffin (4,90 Euro) strotzt vor Gemüse, serviert mit einem Klecks Hummus, Avocado und Sprossen; das Ofengemüse, das man sich dazu bestellen kann und sollte (1,50 Euro), ist süß, weich und orientalisch gewürzt. Die kalte Bowl (altdeutsch: Salat, acht Euro) ist mit Vitaminen gefüllt, Rucola, Apfelspalten, Kirschtomaten, Radieschen, Avocado und Sprossen verstehen sich von selbst, überraschend die Rosinen, alles in ein apartes Dressing getaucht. Wer mag, kann sich noch eine Scheibe Sauerteigbrot von der „Bread Station“ dazu bestellen, aus dem hier pralle Stullen gebaut werden. Vegetarisch zum Sattwerden.

Keine Angst, die roten Würstchen sind nicht echt

Bedient haben Rosi und Horst. So steht’s zumindest hinterher auf der Rechnung, auch wenn wir keinen Horst gesehen haben.

Oder doch? Nicht als Kellner vielleicht, sondern als Passant. Neukölln zieht vorbei, das alte und das neue, fifty-fifty. Der Blaumann hat an seinem Bauch so schwer zu tragen wie am Werkzeug, und Schwarz scheint gerade große Sommermode zu sein. Das Haus vis-à-vis allerdings ist cremefarben renoviert. Ganz frisch, noch nicht besprüht.

„Unkraut vergeht nicht“, verrät eine Passantin ihrer Freundin. Vegetarisch, vegan, glutenfrei, in der Speiserei gibt’s alles, was dem Neuköllner von heute gefällt. Das einzige Stück Fleisch im ganzen Café entdeckt man auf dem Weg zum Klo: ein paar rote Würstchen. Keine Angst, die sind nicht echt, liegen nur als Spielzeug im Hundekorb.

Adresse  Weisestr. 58, Neukölln, Tel. 627 280 50

Im Netz  no58speiserei.de

Geöffnet  Mo–Fr 9.30–16.30, Sa/So 10–18 Uhr