Die zwischen 1870 und 1873 errichtete Brücke über die Elbe war mehr als 1000 Meter lang. Foto: mauritius images
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Dömitzer Eisenbahnbrücke Ein Skywalk für das Wendland

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Die Dömitzer Eisenbahnbrücke gilt als Industriedenkmal. Im Krieg zerstört, wurde sie lange nicht restauriert. Jetzt gibt es an der Elbe große Pläne.

Die Reste der Dömitzer Eisenbahnbrücke am Westufer der Elbe gelten als bedeutendes Industriedenkmal und eines der Wahrzeichen im Wendland. Ein niederländischer Investor hatte die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges zerstörte Brücke vor sieben Jahren ersteigert. Jetzt hat er Mittel des Bundes und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz eingeworben, um aus der Brücke eine Touristenattraktion zu machen – er denkt an eine Art „Skywalk“ wie in Paris oder New York.

Die zwischen 1870 und 1873 errichtete Brücke über die Elbe war ein gewaltiges Bauwerk und mehr als 1000 Meter lang. An der Westseite stand sie auf 16, an der Ostseite auf vier Pfeilern. Die wurden mit Fachwerkträgern aus genietetem Stahl mit 33,89 Meter Stützweite überbrückt, wie aus alten Bauunterlagen hervorgeht. Am 20. April 1945 wurde die Brücke durch einen Luftangriff der Alliierten zerstört.

Sie wurde nie mehr aufgebaut, blieb ein stummer Zeuge deutscher Nachkriegsgeschichte. Der Elbe-Radweg, jüngst zum wiederholten Mal als beliebtester Radfernweg Deutschlands gekürt, führt direkt unter dem wuchtigen Brückenkopf mit den beiden Wehrtürmen hindurch.

Die Brückenreste auf dem niedersächsischen Flussufer sind immerhin etwa 550Meter lang. Der Bahndamm erstreckt sich vom Brückenkopf landeinwärts über fast zwei Kilometer Länge. Auf dem Damm stehen 60 Jahre alte Bäume, insgesamt sind dort sieben Hektar bewaldet. Die Flächen in der Elbaue, auf denen die Brückenpfeiler stehen, gehören Landwirten. Die Dömitzer Eisenbahnbrücke selbst befand sich lange Zeit im Besitz der Deutschen Bahn. Nachdem das Unternehmen vergeblich versucht hatte, die Brücke zu verkaufen oder sogar zu verschenken, gab es das Bauwerk 2010 an ein Auktionshaus zur Versteigerung. Das Mindestgebot war auf 19800Euro festgesetzt.

Grafik: Tsp/Schmidt
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Mark Karhausen, Inhaber des betreffenden Auktionshauses, zeigte sich von Beginn an zuversichtlich, dass die Brücke mehr Geld einbringen werde. Industrie- und Gewerbeimmobilien als Überbleibsel der deutsch-deutschen Teilung sind eine Spezialität des Hauses. Karhausen brachte schon das ehemalige DDR-Rundfunkgebäude in Berlin unter den Hammer. Die Dömitzer Eisenbahnbrücke sei ein „Kleinod“, aus dem man viel machen könne, sagt der Auktionator.

Den Zuschlag erhielt schließlich der Niederländer Toni Bienemann. Der Manager des Unternehmens „Dutchi Motors“, dessen Hobby das Aufkaufen und Herrichten von Industriedenkmälern ist, musste 305.000 Euro für die Brücke auf den Auktionstisch blättern.

Ziegel für die Brückenköpfe liefert eine Firma aus Werder an der Havel. Foto: picture alliance / dpa
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Der Landkreis Lüchow-Dannenberg sowie die Gemeinde Langendorf und die Samtgemeinde Elbtalaue, auf deren Gebiet die Brückenreste stehen, äußerten damals die Hoffnung, dass der neue Besitzer das historische Monument einer touristischen Nutzung zuführen würde. Der Kreisverwaltung etwa schwebte vor, den Brückenkopf als Aussichtsplattform zu gestalten und dort ein kleines Café einzurichten.

Seit Kurzem herrscht Betrieb auf der Brücke

Doch zunächst passierte: nichts. Seit Kurzem jedoch herrscht Betrieb auf der Brücke. Handwerker haben damit begonnen, die beiden historischen Kopftürme der Brücke zu restaurieren. Rund 12.000 Steine müssen sie dafür neu setzen, mühselig Fuge für Fuge zunächst mit der Fräse öffnen, um dann die Reste der harten Verfüllung mit Hammer und Meißel zu entfernen. Die Veränderungen sollen später mit bloßem Auge kaum zu erkennen sein.

„Die größte Herausforderung ist eigentlich, dass dieses sehr stark geschädigte Bauwerk hinterher nicht viel anders aussehen soll als in seinem historischen Zustand“, sagt der leitende Architekt Ralf Pohlmann. Deshalb nutzen die Maurer so viel altes, bereits vorhandenes Material wie möglich. Natürlich, so Pohlmann, gehe auch einiges zu Bruch oder sei schon zerstört, „dafür haben wir nach einem möglichst originalgetreuen Ersatz gesucht“. Fündig wurden die Baufachleute im brandenburgischen Werder an der Havel. Dort gibt es noch eine Ziegelei mit einem historischen Ringofen, in dem handgeformte Ziegel nach althergebrachten Verfahren hergestellt werden – perfekt für das Projekt an der Elbe.

Zu Jahresbeginn hatte Investor Bienemann von einem Denkmalschutz-Programm der Bundesregierung profitiert und 330000 Euro für die Sanierung der Brücke erhalten. Jetzt bewilligte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz einen weiten Zuschuss in Höhe von 100.000 Euro. Bienemann selbst kommt für 300.000 Euro auf.

Für die Sanierung der Stahlkonstruktion fehlt noch die Finanzierung. Foto: imago stock&people
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Wenn die dringendsten Sanierungsarbeiten abgeschlossen sind, will sich Bienemann dem knapp 600 Meter langen Stahlgerüst zuwenden. Zunächst soll die Brückentrasse wieder begehbar gemacht werden – doch dafür gibt es noch keine Finanzierung. Langfristig hat Bienemann mit der Brücke große Pläne: Denkbar sei etwa ein „Skywalk“. „Vorne die Elbe sehen, bei Hochwasser die Eisschollen und im Sommer die Natur und die Vögel beobachten.“ In New York ist der „Skywalk“ eine fast zweieinhalb Kilometer lange, nicht mehr als solche genutzte Güterzugtrasse im Westen von Manhattan. In Paris wird eine Plattform mit Glasboden im ersten Stockwerk des Eiffelturms „Skywalk“ genannt.

Befürchtungen, er könne das Brückenprojekt wegen ausbleibender Fördermittel eines Tages fallen lassen, dementierte Bienemann vor Kurzem jedenfalls deutlich: „Für die einen ist die Brücke ein Symbol der Wiedervereinigung, für die anderen ist sie ein kulturhistorisches Baudenkmal und für wieder andere ist sie wichtig, weil sie in einer sehr schönen Landschaft steht, die uns allen am Herzen liegt“, sagte er. „Und auch mein Anliegen ist es, sie zu erhalten und in der Form, wie sie ist, weiterzufördern.“

Mit dem von den Kommunalpolitikern in der Region erhofften Café, so viel scheint klar, wird es aber nichts: Das Brückenbauwerk verfügt weder über einen Strom- noch eine Wasseranschluss. Auch sanitäre Anlagen sind nicht vorhanden. Da das Gebäude kilometerweit von Ansiedlungen entfernt steht, würde allein die Verlegung von Versorgungsleitungen Millionen verschlingen.

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