In einem Museum sind heute die originalen Operationsräume zu besichtigen, samt einem Ärzteteam aus Silikon. Foto: AFP
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Christiaan Barnard schrieb vor 50 Jahren Medizingeschichte Ein Herz für die Welt

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"Es wird funktionieren": Vor 50 Jahren transplantierte der südafrikanische Chirurg Christiaan Barnard erstmals erfolgreich ein Herz.

Es ist zwei Minuten vor sechs Uhr morgens, als der Chirurg Christiaan Barnard in Südafrika am 3. Dezember 1967 Medizingeschichte schreibt. An diesem Tag vor genau 50 Jahren schafft der Kapstädter Arzt das, was weltweit keinem zuvor gelang: Er transplantiert erfolgreich ein Herz – und gibt damit vielen Menschen mit Todesangst wieder Hoffnung.

Dabei stand am Anfang Trauer. An einem kühlen Sommerabend überquert die Familie Darvall eine Straße in Kapstadt, als ein betrunkener Autofahrer sie erfasst. Mutter Myrtle stirbt noch an der Unfallstelle. Tochter Denise wird mit schweren Kopfverletzungen in das nahe gelegene Groote Schuur Hospital gefahren. Dort attestieren Ärzte den Hirntod der 25-Jährigen. Jedoch: Ihr junges Herz schlägt weiter.

Zur selben Zeit fährt Ann Washkansky durch die Sommernacht und passiert die Unfallstelle. Ihr Ziel ist ebenfalls das Groote Schuur Hospital. Dort ist ihr Ehemann Louis wegen Diabetes und eines Herzfehlers seit mehreren Monaten in Behandlung.

Christiaan Barnard erkennt die Gunst der tragischen Stunde und überzeugt Denise Darvalls Vater, die Organe seiner Tochter an Sterbenskranke zu spenden. Der Chef der Herzchirurgie ist unter Kollegen hoch angesehen, nicht zuletzt wegen seiner unkonventionellen Art. Unter dem Motto „Innen sind wir alle rot“ soll er weißen Südafrikanern die Organe schwarzafrikanischer Spender implantiert haben – ein Skandal zu Zeiten des rassistischen Apartheid-Regimes.

An diesem besonderen Tag des Jahres 1967 gibt es hektische Anrufe. Barnard trommelt seine Kollegen aus dem Bett. Um 0.45 Uhr werden die junge Denise Darvall und der 29 Jahre ältere Washkansky in den Operationssaal gebracht. Stunden später wechselt das gesunde Herz den Körper. Ein kurzer Elektroschock in das Organ, dann der erste Schlag. „Es wird funktionieren!“, ruft Barnard.

Washkansky starb 18 Tage nach der Herztransplantation. Dennoch gilt der erste erfolgreiche Eingriff dieser Art in der modernen Medizin als Wendepunkt. Bis heute erzählt das Heart-of-Cape- Town-Museum die Geschichte des südafrikanischen Welterfolgs. Vor zehn Jahren eröffnete die Einrichtung im Kapstädter Groote Schuur Hospital, in dem Touristen die Labors und die originalen OP-Räume der Herztransplantation besichtigen können. Die Szene mit Wachsfiguren darzustellen, erwies sich angesichts der südafrikanischen Sommertemperaturen allerdings als unmöglich. Deshalb wird heute die weltverändernde Operation mit einem Chirurgenteam aus lebensgroßen Silikonfiguren nachgestellt. Auch Barnard – er starb 2001 – ist an seinem Schreibtisch sitzend für die Besucher verewigt.

Südafrikas Universitäten und Ärzte sind weiterhin weltweit hoch angesehen

Das Museum ist Schaustück und zugleich ein Tribut an Südafrikas medizinische Forschung. Die Universitäten und Fachärzte der Kaprepublik sind auch 50 Jahre nach der ersten Herztransplantation weltweit hoch angesehen. „Wir haben eine ganze Reihe von Premieren hier seit 1967 gehabt“, sagt Peter Zilla. Der Herzchirurg aus Österreich ist Leiter der Herz-Lungen-Chirurgie des Groote Schuur Hospitals und somit Nachfolger Christiaan Barnards. Als Beispiele für die Medizinerfolge nennt er den Südafrikaner Allan Cormack als Erfinder der Computertomografie, die erste Nierentransplantation zwischen HIV-positiven Patienten und 2014 die erste Penistransplantation der Welt. Und Zillas Abteilung betreibt weiter Spitzenforschung rund ums Herz. Vor allem auf dem Gebiet der Herzklappenforschung konnten die Ärzte in Kapstadt einige Erfolge verzeichnen. So entwickelten die Südafrikaner in 20 Jahren Forschung zum Beispiel Herzklappen speziell für die junge afrikanische Bevölkerung.

Doch auch wenn Südafrikas Fachärzte glänzen – für das Gesundheitssystem der Kaprepublik fällt die Bilanz gemischt aus. Südafrika gilt als Land mit der ungerechtesten Einkommensverteilung. Das spiegelt sich nicht zuletzt im Gesundheitssektor wider. Während Reiche und die Mittelschicht dank Privatversicherungen eine Arztpraxis aufsuchen, bleibt dem Großteil der Bevölkerung allein der Besuch eines staatlichen Krankenhauses. Häufig fehlt es dort an Arzneien; auch viele Fachärzte ziehen die lukrativen Privatkliniken vor, statt für den Staat zu arbeiten. So behandeln in Südafrika 80 Prozent der Mediziner lediglich etwa 16 Prozent der Bevölkerung. Das sind die Wohlhabenden. Der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) will diese Zwei-Klassen-Medizin bekämpfen, und zwar mit der Einführung einer staatlichen Krankenversicherung bis 2025. Sie soll die Versorgungslücke zwischen Reichen und armen Township-Bewohnern schließen. „Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht und sollte nicht davon abhängen, wie reich wir sind oder wie wir leben“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Doch Experten und Ärzte fragen zweifelnd: Wie soll ein Land, in dem jeder Vierte arbeitslos ist und es 2017 erstmalig mehr Sozialhilfeempfänger als Arbeitende gab, ein staatliches Gesundheitssystem finanzieren?

Viele der Herzpatienten in Südafrika stehen vor einem weiteren Problem. Es herrscht ein chronischer Mangel an Organspendern. Khanyisa Pinda etwa will in Barnards Fußstapfen treten und Leben retten. Doch eine Hürde könnte den 23-jährigen Medizinstudenten der Universität Kapstadt davon abhalten: Pinda ist selbst auf ein Spenderherz angewiesen, nachdem sein eigenes aufgrund einer Krankheit nur noch zu zehn Prozent funktioniert. Im August 2017 warteten etwa 4000 weitere Patienten auf ein Spenderorgan. Aber gerade einmal 0,2 Prozent der Südafrikaner sind als Spender registriert.

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