Besucher des Festivals in Las Vegas rennen vom Gelände, nachdem Schüsse gefallen sind. Foto: AFP/ David Beckerp

Attentat in Las Vegas Das Kriegsgebiet heißt wieder einmal Amerika

Rieke Havertz
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Die USA erleben das schlimmste Schusswaffenverbrechen ihrer Geschichte. Doch selbst jetzt werden sich Waffenfans wie Trump nicht auf die notwendige Debatte einlassen. Ein Kommentar.

Tak, tak, tak, tak, tak. Es klingt nach Krieg. Tak, tak, tak, tak. Schnell abgefeuerte Schüsse, zu schnell, um mitzuzählen, wie viele Patronen abgefeuert wurden. Mindestens drei Salven in weniger als zwei Minuten. Doch was auf verwackelten Handybildern zu hören ist, ist nicht in Afghanistan, im Irak oder Syrien passiert. Das Kriegsgebiet heißt wieder einmal Amerika. In Las Vegas hat der 64-jährige Stephen P. mit einer automatischen Waffe insgesamt 10 bis 15 Minuten auf die Besucher eines Countrymusikfestivals geschossen. Mindestens 58 Menschen wurden getötet, mehr als 500 verletzt. Es ist der schlimmste Angriff mit einer Schusswaffe in der Geschichte der USA.

Auf den Schock des Ereignisses folgt oft reflexhaft ein zynisches "schon wieder". Im Juni 2016 starben 49 Besucher eines Clubs in Orlando, als Omar Mir Seddique Mateen mit einem Gewehr und einer Pistole bewaffnet auf die Gäste schoss. Im Oktober 2015 tötete Christopher Sean Harper-Mercer neun Menschen am Umpqua Community College in Roseburg, Oregon. Im selben Jahr starben neun Menschen, als Dylann Roof in einer Kirche in Charleston, South Carolina, um sich schoss.

Kein Jahr vergeht in den USA ohne ein mass shooting

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Kein Jahr vergeht in den USA ohne ein mass shooting, wie es im Englischen heißt und mit Massenschießerei nur unzureichend übersetzt wird – denn es ist in der Regel nur ein Täter, der Schüsse abfeuert. Es ist keine Schießerei, bei der Festivalbesucher, Studenten oder Kirchgänger zurückschießen würden. Wobei den Verteidigern der fast unbegrenzten Waffenfreiheit in Amerika das vermutlich gefallen würde.

Es ist eine der Hauptargumentationen derer, die an die "guten Waffenbesitzer" glauben: Wer die Chance habe, sich zu verteidigen, könne im Zweifel Schlimmeres verhindern. Der Täter von Las Vegas schoss laut Polizei vom 32. Stock des Hotels auf die Festivalbesucher. Man stelle sich vor, einer oder mehrere hätten aus der Masse heraus in unbestimmte Richtung zurückgeschossen.

Nevada hat de facto keine Waffengesetzgebung

Der US-Bundesstaat Nevada hat de facto keine Waffengesetzgebung. Wer eine Pistole oder ein Gewehr kaufen will, braucht keine Genehmigung, er muss die Waffe nicht registrieren lassen und benötigt keine Lizenz, die ihn als Besitzer ausweist. Von der Pistole bis zum Sturmgewehr können Bürger ihre Waffe offen tragen. Nur das verdeckte Tragen einer Pistole, etwa unter der Jacke, muss genehmigt werden. Es gibt kein Gesetz, das den Besitz von Sturmgewehren einschränkt, keine Vorschrift, die Magazine auf eine geringe Anzahl Schüsse zu begrenzen. Der Täter wohnte eine Stunde Autofahrt von Las Vegas entfernt, in seinem Hotelzimmer wurden mehrere Waffen sichergestellt.

Über die Motive P.'s ist bisher wenig bekannt, die Polizei beschreibt ihn als einsamen Wolf. Doch egal, was ihn zu seiner Tat getrieben hat, es wird nichts daran ändern, was in Bezug auf die übermäßige Waffengewalt aus diesem Angriff folgt: nichts.

Die Routinen danach sind eingeübt wie die Phasen der Trauer: Auf die Tat folgen die Tweets, Posts und Pressekonferenzen von Politikern, die ihren Schock zum Ausdruck bringen, mit den Angehörigen der Opfer fühlen, diese in ihre Gebete einschließen, der Polizei danken und die "unsinnige Tat" verurteilen. "God bless you!" schloss Trumps erster Tweet nach der Tat und nannte es in einem ersten Statement einen Akt des absolut Bösen. Demokraten wie Republikaner werden sich über ein Blumen- und Kerzenmeer hinweg die Hände reichen.

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