Süßes oder Saures? Kinder essen zu viel Ungesundes, sagen Experten. imago stock&people
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Übergewicht bei Kindern Soll Werbung für Süßigkeiten verboten werden?

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Verbraucherschützer, Grüne und Kinderärzte fordern ein Verbot zum Kinderschutz. Agrarministerium und Wirtschaft sind dagegen. Ein Einstieg in unsere Zuckerdebatte.

Es sind bizarre Wesen, die nachmittags über den Bildschirm huschen. Lila Ponys und kahlköpfige Minions werben für Überraschungseier, coole Kühe mit Sonnenbrillen für Pudding, Milchgläser küssen Schokoriegel. Die Kleinen, die zur Kinderstunde vor der Mattscheibe hocken, lassen diese Freakshow gelassen über sich ergehen. Sie kennen sich aus in der Markenwelt der Kinderlebensmittel.

Glaubt man Ernährungswissenschaftlern, Medizinern und Verbraucherschützern, sogar zu gut. „Schon bei Kindern und Jugendlichen sind Übergewicht und Adipositas weit verbreitet“, warnt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Seit den neunziger Jahren hat sich in Deutschland die Zahl der übergewichtigen Kinder auf 15 Prozent, die der fettleibigen – adipösen – auf sechs Prozent verdoppelt. Schuld daran ist nach Meinung vieler Experten vor allem ein Stoff: der Zucker.

WHO schränkt Zucker ein

So hat die Weltgesundheitsorganisation WHO vor kurzem ihre bisherigen Richtwerte für den Zuckerkonsum halbiert. Statt zehn, sollen jetzt nur noch maximal fünf Prozent der täglichen Energiezufuhr über Zucker aufgenommen werden. Für einen Erwachsenen wäre damit bereits eine Dose Limo zu viel, bei Kindern liegen die Grenzen – je nach Alter und Gewicht – noch deutlich darunter.

In der Werbung sind solche Beschränkungen aber noch nicht angekommen, im Gegenteil: „Die Lebensmittelwirtschaft bombardiert unsere Kinder mit Werbung“, kritisiert Matthias Wolfschmidt. „Es ist ein falsches Paradies aus Süßigkeiten, Limonaden und Snacks, in das die Kinder mit Raffinesse, Schamlosigkeit und Wucht gelockt werden“, sagt der Vize-Geschäftsführer der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Von 281 Produkten, die sich mit ihrem Marketing gezielt an Kinder richten, erfüllen nur 29 die WHO-Kriterien für ausgewogene Lebensmittel, hat ein Foodwatch-Marktcheck aus diesem Jahr ergeben.

Selbstverpflichtung der Wirtschaft

Dabei gibt es seit 2007 eine freiwillige Selbstverpflichtung der weltweit führenden Lebensmittelkonzerne wie Nestlé, Coca-Cola, McDonald’s oder Ferrero, keine Produktwerbung an Kinder unter zwölf Jahren zu richten – es sei denn, die Produkte entsprechen den allgemeinen ernährungsphysiologischen Grundsätzen. Tatsächlich vermarkten die Hersteller aber fast nur unausgewogene Lebensmittel an Kinder, kritisiert Wolfschmidt, „absurd überzuckerte Frühstücksflocken, fettig-salzige Chips und Limonade“.

Das muss sich ändern, fordert Renate Künast, Vorsitzende des Verbraucherausschusses des Deutschen Bundestags. Die Ex-Bundesverbraucherschutzministerin fordert einen ganzheitlichen politischen Ansatz. Angefangen von gesunder Schulverpflegung bis hin zu einem gesetzlichen Verbot von Lebensmittelwerbung für Kinder unter zwölf, es sei denn, die Nahrungsmittel sind gesund. „Süßigkeiten dürfen nicht als leckeres und gesundes Frühstück beworben werden“, mahnt die grüne Politikerin, „ sondern als das, was sie sind – Genussmittel.“

Kinderärzte schlagen Alarm

Beifall bekommt Künast von den Kinder- und Jugendärzten. „Beratung fruchtet nicht, stationäre Reha bei Übergewicht hat kaum Erfolg. Kontrollen sind berechtigterweise in der Arzt-Patientenbeziehung nicht gewollt“, beschreibt Uwe Büsching vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte das Dilemma der Mediziner, die immer häufiger dicke Kinder in ihren Praxen behandeln, aber so recht keine Handhabe gegen das Problem haben. Dass Konzernen verboten werden soll, Werbung für ungesunde Nahrungsmittel bei Kindern zu machen, finden die Ärzte daher richtig. Der Staat müsse sich gesundheitspolitisch positionieren, findet Büsching.

Minister Schmidt lehnt Verbote ab

Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) sieht das anders. „Ich lehne eine politische Steuerung des Konsums durch Werbeverbote und Strafsteuern für vermeintlich ungesunde Lebensmittel ab“, betont der

Minister. Probleme wie Übergewicht und Adipositas lassen sich nicht mit Gesetzen und Verboten lösen, meint Schmidt. Er plädiert für mehr Bildung und mehr Transparenz, was einen gesunden Lebensstil und eine gesunde Ernährungsweise angeht. „Für beides sorge ich“, verspricht der Franke. Eine gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung – dann sei auch das gelegentliche Stück Schokolade in Ordnung. Zudem sieht Schmidt weniger den Staat, sondern mehr die Eltern in der Pflicht. „Sie kennen ihr Kind und können am besten entscheiden, welche Produkte sie kaufen und welche sie besser liegen lassen“, glaubt der Minister.

Werbewirtschaft: Werbung wird überschätzt

Bei der Werbewirtschaft kommt das gut an. Die Werbung, so meint Andreas Schubert, Präsident des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft (ZAW), spiele für das Konsumverhalten von Kindern und Jugendlichen sowieso nur eine untergeordnete Rolle. Eltern, Großeltern, Geschwister, Freunde, Kitas, Schulen und Vereine hätten einen weitaus größeren Einfluss auf das Verhalten und die Werte von Kindern und Jugendlichen. Bei Lebensmitteln würden vor allem die Eltern bestimmen, was ihre Kinder essen und trinken. „Jedes Lebensmittel hat im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung seinen Platz“, meint Schubert. „Es gibt keine ungesundenen Lebensmittel“.

"Ein Leben in Bitterkeit"

Die Werbewirtschaft liegt damit auf einer Linie mit den Lebensmittelanbietern. „Zucker versüßt uns das Leben“, plädiert Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), für Süßes im Leben. Marmelade und Kakao ohne Zucker? Schmeckt nicht, geht nicht, sagt Minhoff. Zucker gehöre zu einer ausgewogenen Ernährung dazu. Auch die Warnung, dass immer mehr Kinder fettleibig sind, will Minhoff so nicht gelten lassen. Zwar seien sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen adipös, aber 94 Prozent seien es eben nicht. „Wollen wir 94 Prozent der Kinder bestrafen mit einer freudlosen Kindheit in Bitterkeit?“, fragt der Sprecher der Lebensmittelwirtschaft.

Freudlos? Alles eine Frage der Perspektive. Warum nicht für Obst und Gemüse statt für Schoko werben, meint Tilman Grune, wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung, in Potsdam. Singende Möhren oder skatende Gurken im Kinderprogramm, das wäre doch mal was.

Was sagen Beteiligte und Betroffene? Weitere Beiträge finden Sie auf unserer Themenseite "Zuckerdebatte".

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