Eingerüstet. Die „Fichte“, wie das Gymnasium von Schulleiter Rainer Leppin genannt wird, genießt einen tadellosen Ruf. Aber sie braucht fünf Millionen Euro. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Sanierungsfall Fichtenberg-Schule in Berlin-Zehlendorf Das Lehren ist eine Baustelle

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Fenster fallen heraus, Decken brechen ein. Unterricht kann in Berlin zuweilen lebensgefährlich sein. Rainer Leppin kämpft seit Jahren um die Sanierung der Zehlendorfer Fichtenberg-Schule. Sein Gymnasium ist ein Symbol dafür, was der Stadt die Bedingungen wert sind, unter denen Kinder lernen.

Nachts geht er auf die Barrikaden. Gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen, mit Eltern und Lehrern besetzt er die eigene Schule und harrt aus – bis sie gerettet ist. In seinem immer wiederkehrenden Traum.

In der Realität schaut der Mann an einem düsternassen Januartag aus seinem Rektorenzimmer direkt auf Gitter. Sie umzingeln die gesamte Schule, damit herabstürzender Putz niemanden verletzen kann. Traurigkeit ist in den sonst sehr wachen Augen des Schulleiters sichtbar. Um den Putz allein geht es hier längst nicht mehr – die Existenz seiner Schule könnte auf dem Spiel stehen. Weil immer neue Gefahren entdeckt werden.

Rainer Leppin, 65 Jahre alt, 37 Jahre Lehrer und seit acht Jahren Direktor des Fichtenberg-Gymnasiums in Steglitz-Zehlendorf, sagt leise: „Ich werde eine Bruchbude übergeben. Das schmerzt sehr.“

Nur noch ein paar Monate, dann geht er in den Ruhestand. Aber das Fichtenberg-Gymnasium wird ein Mahnmal bleiben, ein Symbol dafür, was dem Staat die Bedingungen wert sind, unter denen Kinder in Berlin unterrichtet werden. Dieses Gebäude ist keine Ausnahme, mittlerweile ist es so weit gekommen, dass Schule in dieser Stadt ein Ort der Gefahr für Leib und Leben darstellen kann. Fenster fallen heraus, Decken brechen ein. Alles schon geschehen.

Das ist der Abgrund dieser Geschichte.

Der Zustand der „Fichte“, wie die Schule genannt wird, erzählt etwas über Ohnmacht und Hilflosigkeit der Verantwortlichen im Bezirk und im Senat. Insgesamt hat Berlin einen Schulsanierungsstau von zwei Milliarden Euro, an erster Stelle im Bezirksranking rangiert das bürgerliche Steglitz-Zehlendorf mit 400 Millionen Euro. Hier, heißt es aus dem Bezirksamt, sei der Altbaubestand besonders hoch, das Bauamt besonders überlastet und das Geld noch knapper als anderswo. Viele Gebäude, auch die „Fichte“, stehen unter Denkmalschutz.

Das Recht auf Bildung, ist es angesichts solcher Umstände nicht schon eingeschränkt?

Rainer Leppin ist ein kleiner, mutiger Mann mit großem Herzen für seine Schule. Und für Kinder. Weißes Haar und blaue Augen sind das Markanteste an seiner Erscheinung. Er sei, sagen die, die ihn kennen, eine Persönlichkeit, die unaufgeregt versucht, die Dinge zum Guten zu wenden. Aber je häufiger man ihn spricht, desto mühsamer fällt es ihm, Contenance zu wahren.

Denn der eigene Sanierungsbedarf erreicht beinahe das Gesamtbudget für die bauliche Unterhaltung aller Bezirksschulen.

Gebäude von 1912

Auf den ersten Blick wirkt bis auf die Gitter alles ganz normal an der Fichtenberg-Oberschule und so angenehm wuselig, wie man sich das von einer Institution vorstellt, in der ein engagierter Geist wohnt. Von außen sieht man zunächst ein erhabenes, stolzes Gemäuer, mit Spitzdächern, Türmen und vielen Winkeln. Eigentlich ein Traum von einem Gebäude, 1912 für die höhere Mädchenschule gebaut. Drinnen läuft man vorbei an Plakaten, an Bildern von Schülern mit Flüchtlingen, an Materialien einer Arbeitsgruppe, die sich mit Krieg und Terror beschäftigte und fragt: „Gibt es überhaupt Gut und Böse?“

Rektor Leppin und sein Fachbereichsleiter Physik führen die breiten Treppen hinauf in den zweiten Stock, vorbei an selbst gestrichenen dunkelgrünen Heizkörpern hinein in das Musterzimmer der Schule. Ein Physikraum, in dem die Welt in Ordnung ist, weil es warm ist und nicht zieht. Es gibt neue Möbel, bunte Stühle, gesicherte elektrische Anschlüsse und einen Linoleumboden mit Korkdämmung.

Dieser Raum ist einzigartig, es wird ihn nämlich nicht noch einmal geben. In dieses Klassenzimmer hat die Schule ihr ganzes Preisgeld hineingesteckt, 17 000 Euro, die sie für ein Klimaprojekt gewonnen hatte. Es war die Idee des Fachbereichsleiters, er wollte zeigen, was normal wäre und sagt: „Wir haben ein Recht auf einen ordentlichen Arbeitsplatz, aber den haben wir nicht.“

Beinahe wäre das Projekt gescheitert und das Preisgeld verfallen, weil das zuständige Amt im Bezirk den ausgearbeiteten Plan der Schule zu lange ignorierte.

Es ist diese Art der Ignoranz, eine Art Entmündigungsritual, das Rainer Leppin zornig macht. Vielleicht hätte er es ahnen müssen, als vor acht Jahren alles begann. Er führte seine Frau in sein neues Büro, sie sah ihn entsetzt an, und Leppin verschämt zu Boden. Dort lag ein völlig verschlissener, teils zerrissener Teppich. Die Möbel waren unbrauchbar. Einen neuen Teppich bekam er, den Rest hat er sich selbst besorgt und bezahlt. 1000 Euro privates Startkapital.

Wasser fließt von oben auf die Akten

Damals wollte Leppin das nicht als ein schlechtes Omen deuten. Er wollte Inhalte weiterentwickeln, dem guten Ruf der Schule Ehre machen. Er wusste nicht, dass er nun ein Baustellenleiter war. In seinem ersten Winter fällt die Temperatur in manchen Räumen wegen der undichten Fenster auf 12 Grad ab, sie können nicht mehr benutzt werden. Bis heute gibt es einen Flur, den keine warme Luft erreicht. Eines Tages, erzählt Leppin, der jetzt wieder in seinem Büro sitzt, sei begonnen worden, die Elektrik in den Schulfluren zu erneuern. Doch habe man vergessen, die Kabel auch in die Klassenzimmer zu verlegen.

Vor einigen Jahren fallen ihm Teile der Decke auf den Schreibtisch, Wasser strömt von oben auf seine Akten. Über ihm, in den Chemieräumen, ist das Wasser aus den kaputten Rohren geflossen. In den Räumen für Physik und Chemie fallen 15 Platten von der Decke, dabei ist der Chemieraum ein Jahr zuvor saniert worden. Erst als er sich entschließt, über die Medien in die Öffentlichkeit zu gehen, geschieht etwas. Er sagt: „Ich habe nie direkt eine Reaktion von den Verantwortlichen bekommen. Nie. Es ging immer nur auf Druck der Öffentlichkeit.“

Leppin wird nicht nur Bauleiter, sondern PR-Mann in eigener Sache.

Der Schuldirektor, man spürt das, liebt seinen Beruf. Er ist ein Kümmerer, empathisch, ohne aufdringlich zu sein. Fragt man die Schülervertreter, sagen sie: „Wir vertrauen ihm, er hört uns zu.“ Selbst hat er ganz andere Erfahrungen als Schüler gemacht. 1950 in Berlin geboren, ist er noch von seinen Lehrern geschlagen worden. In den Sechzigern darf Leppin als Austauschschüler in die USA, das Jahr seiner Selbstfindung und Politisierung. „Schuldirektor war damals etwas Unmögliches, das war ja Establishment!“ Als er wiederkommt und 1969 Abitur macht, weiß er eines, er will sich nicht verbiegen lassen und mit Menschen arbeiten. Er hat ein Talent zum Organisieren und ein Händchen für Menschen. Wer sich umhört, wird das bestätigt bekommen. Sie mögen ihren Direktor schon sehr.

"Job wird nicht gewürdigt"

Seit einiger Zeit träumt er nicht mehr nur vom Widerstand, sondern im Schlaf verfolgen ihn die „Lügen derer“, wie er sagt, „die im Bezirksamt sitzen“, und von denen er sich hintergangen fühlt. „Wir machen hier unseren Job, aber das wird nicht gewürdigt.“ Von Anfang an beobachtet er, dass der Putz bröckelt, dass das Dach und Regenrinnen undicht sind und die Fenster nicht isoliert. Aber es passiert nichts. Trotzdem geben bei der Schulinspektion 2010 alle Lehrer der Schule an, dass sie „gern“ zur Arbeit kommen. Leppin fühlt sich stark. Damals sieht er „Licht am Ende des Tunnels“. Als die Rothenburg Grundschule aus dem gemeinsamen Gebäude in das ehemalige Lastenausgleichsamt nebenan zieht, werden 22 Räume frei. Zuvor musste das Gymnasium aus Platzmangel Räume der nahen Blindenschule nutzen. Dann schickt das Amt Farbe. Mehr nicht.

Jetzt lacht Leppin bitter.

Mit der Farbe streichen Eltern und Lehrer die Räume, aber sie sind leer. Für Ausstattung und Möbel muss die Schulgemeinschaft samt Förderverein aufkommen. Der Schulleiter schüttelt den Kopf: „Es ist wirklich ein Irrsinn. Die haben uns absolut allein gelassen!“ Aber die Schule lebt, hat Leppin gedacht. Was, fragt er sich, sollen sie noch tun? Im November haben Schüler die Schulstadträtin gefragt, ob sie angesichts der neuen Lage bald in Container ziehen müssen. Sie soll geantwortet haben, soweit werde es nicht kommen. Das war vor zwei Monaten, nun ist die Lage anders. Schlimmer.

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