Nur Kondensstreifen? Oder doch Chemtrails? Foto: dpa/Frank Rumpenhorstp

Mahnwachen in Berlin Wie Verschwörungstheoretiker ticken

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Hat der Anschlag am Breitscheidplatz gar nicht stattgefunden? Verschwörungstheoretikern ist kein Gedanke zu blöd. Als Einstiegsdroge dienen die Berliner Montagsmahnwachen.

Der Mann am Mikrofon hat gerade erklärt, er finde es gar nicht schlimm, Verschwörungstheoretiker genannt zu werden. Weil das ja nur bedeute, dass er Fragen stelle, anstatt sich, wie der Rest der Gesellschaft, mit offensichtlichen Lügen zufriedenzugeben. Ein Zweiter sagt, der syrische Diktator Assad habe niemals Fassbomben abwerfen lassen. Alles Propaganda, das habe er im Internet recherchiert. Ein Dritter glaubt, Michael Jackson musste sterben, weil er Kriege ablehnte. Er war den Mächtigen einfach im Weg.

Montagabend auf dem Pariser Platz, ein paar Dutzend Menschen stehen im Halbkreis um einen weißen Lieferwagen herum. Sie demonstrieren für Frieden, so wie sie es jeden Montag tun, seit drei Jahren schon.

Verschwörungsgläubige, Reichsbürger, Israel-Hasser, Esoteriker. Auf der Längsseite des Wagens steht: „Frieden schaffen kann nur, wer den Frieden in sich trägt.“ Das Auto gehört einem Aktivisten aus dem Oderbruch, der behauptet, er könne durch Handauflegen Herzchakren aktivieren. Was alle Anwesenden eint, ist ihre Überzeugung, dass die Herrschenden und die Massenmedien ihnen etwas verheimlichen. Dass es dunkle Mächte gibt, die ihnen Böses wollen.

Kritiker der Mahnwachen unterteilen sich in zwei Fraktionen. Die einen sagen: Das sind harmlose Spinner. Die anderen sagen: Von harmlos kann keine Rede sein.

Das World Trade Center darf nicht fehlen

Offiziell heißt die Veranstaltung „Mahnwache für den ersten Weltfrieden“. Die Teilnehmer tragen Sticker mit Friedenstauben. Es gibt mehrere Mikrofone, sodass sich die Redner gegenseitig Stichwörter zurufen können: „Jetzt sag du doch auch mal was zum World Trade Center!“

Manche bemühen sich um sachlichen Tonfall, andere schreien ins Mikro. Bei Regen quetschen sich alle unter die vorhandenen Schirme, und ein Redner sagt, das sei nun ein starkes Zeichen für die Geschlossenheit ihrer Bewegung.

Als die Aktivisten im März 2014 mit ihren Mahnwachen begannen, war „postfaktisch“ noch nicht „Wort des Jahres“, gab es keine Diskussion um Fake News oder alternative Fakten. Die AfD saß nicht in zehn Landtagen, es gab weder Pegida noch den Propagandakanal „RT Deutsch“. Die rechtsextremen Identitären schafften es nicht in die „Tagesschau“. Haben die Mitglieder der Mahnwachen das, was kommen würde, vorweggenommen? Gar mitgestaltet?

Einer, der die Szene seit drei Jahren beobachtet, sitzt Sonntagmittag in einem Café in Gesundbrunnen. Er ist Journalist. Aus Angst vor Übergriffen möchte er hier Kay Schmitt heißen, das ist nicht sein bürgerlicher Name. Schmitt sagt, die Mahnwache funktioniere wie eine Einstiegsdroge. Ziehe verunsicherte Menschen in ein Milieu, das simple Erklärungsmuster für eine überkomplexe Welt biete. Sündenböcke für alles, was schieflaufe.

Detailliert kann Schmitt die Biografien von Berliner Friedensaktivisten nachzeichnen, die erst am Pariser Platz standen, dann zu Bärgida wechselten und schließlich in der AfD oder im Umfeld der rechtsextremen „Merkel muss weg“-Demos landeten. Viele engagieren sich in mehreren Gruppen gleichzeitig, so entstehen enge Vernetzungen.

Kay Schmitt sagt, die Berliner Mahnwache sei der Ort, an dem sich der braune Verschwörungssumpf aus den Tiefen des Internets erstmals auf Deutschlands Straßen materialisiert habe. Und dass manch wirrer Gedanke, der dort als Wahrheit verkauft werde, es inzwischen bis in die Mitte der Gesellschaft geschafft habe. Ohne dass bekannt ist, aus welcher Ecke er ursprünglich kam.

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