Er hat nie hier gewohnt und steht doch für Kreuzberg: Hans-Christian Ströbele. Foto: Soeren Stache/dpa p

Hans-Christian Ströbele Der Abgang des Kreuzbürgerkings

Gerd Nowakowski
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Der Grüne Hans-Christian Ströbele verabschiedet sich aus dem Bundestag. Manches kann man ihm vorwerfen, aber eines nicht absprechen: seine Ehrlichkeit.

Es dauert eine Weile, bis er das Rednerpult erreicht hat. Hans-Christian Ströbele geht nun fast immer am Stock, wirkt erschöpft. Doch als er dann im stählern-sterilen Velodrom beim Bundesparteitag vor seinen Grünen steht, groß und hager, da ist es, als ströme ihm neue Kraft zu. Mit lang anhaltendem Beifall wird Ströbele empfangen, viele der Delegierten, die am vergangenen Wochenende nach Berlin gereist und nicht einmal halb so alt sind wie er, stehen auf.

Ströbele witzelt, dass „hoffentlich der Beifall nicht angerechnet wird auf meine Redezeit“. Da spürt man, was ihm fehlen wird. Auch wenn der Applaus ihn scheinbar verlegen macht und er mit einer Handbewegung die Huldigung beenden möchte – er genießt es. Und ärgert sich dann darüber, dass im Wahlprogramm Leitsätze gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr fehlen.

Er sei oft anderer Meinung als Ströbele gewesen, ruft der Parteichef Cem Özdemir in den Saal: „Aber jeder spürt, der Christian ist echt!“ Ja, der Mahner der linken Utopie hat die Partei gespalten wie kein anderer, viele zur Weißglut gebracht, aber die Grünen auch geprägt und ihnen Profil gegeben. Ströbele wedelt mit dem Stock in der Luft den Delegierten zu, den Abschiedsblumenstrauß etwas ungelenk in der anderen Hand. Die Ersten vermissen ihn vermutlich schon jetzt.

Ströbele ist 78 und einer der Letzten aus ihren Reihen, die für den Sieg der Revolution gekämpft haben. „Davon war ich total überzeugt“, sagt er. So überzeugt, dass er als junger Anwalt darauf verzichtet hat, in die Pensionskasse einzuzahlen. „Ich bin davon ausgegangen, dass ich eh eine Revolutionsrente erhalte.“ Dabei hat er es doch nicht mal geschafft, den ersten Band des „Kapitals“ von Karl Marx ganz zu lesen.

Er selbst muss den Abschied noch verarbeiten

Das mit der Rente steht nun an. Der Bundestagsabgeordnete ordnet sein Büro, markiert, welche Aktenordner er mitnimmt, welche bleiben. Das dienstälteste Mitglied des parlamentarischen Kontrollgremiums für die Geheimdienste tritt für die nächste Legislaturperiode nicht wieder an.

Er muss es selbst noch verarbeiten, muss noch lernen, vor dem Fernseher zuzuschauen, wenn andere im Bundestag debattieren. Hier hatte er Helmut Kohl in der CDU-Spendenaffäre zugesetzt, Licht in den NSU-Skandal gebracht und Angela Merkel bei der NSA-Abhöraffäre in Erklärungsnot. Er tritt ab zu einem Zeitpunkt, wo die Zustimmung zu den Grünen sinkt und mancher Wähler sich fragt, worin sie sich noch von anderen Parteien unterscheiden.

Was kommt? „Länger schlafen und vielleicht ein Buch schreiben“, etwa seine Sicht auf die RAF-Zeiten. Was man eben so sagt vor einem neuen, fremden Lebensabschnitt. Auflösen wird er auch sein kleines Kreuzberger Wahlkreisbüro im Schlagschatten des NKZ, des großen Wohnriegels am „Kotti“ – aktuelle Termine gibt es auf seiner Internetseite nicht mehr. Dafür den Hinweis, dass Ströbele keine Autogramme verschickt.

Liebling Kreuzberg - obwohl er da nie gewohnt hat

Seit 1998 gehört er dem Parlament an, hat vier Mal ein Direktmandat geholt. Liebling Kreuzberg, obwohl er nie dort gewohnt hat. Er erträgt es geduldig, dass ihn auf der Straße ständig junge Leute und Touristen ansprechen, die Selfies mit ihm machen möchten.

Eine linke Geschichte. Wie sich die Bundesrepublik verändert hat, von der autoritär-restaurativen Adenauer-Zeit hin zu einem liberalen und freiheitlichen Land, spiegelt sich in dem Mann mit den buschigen Augenbrauen und den schlohweißen Haaren. Ströbele, dieser Mensch der Widersprüche und des Widerspruchs, hat die Zeit mitgeprägt. Widersprochen hat er immer. Erst als Anwalt den staatlichen Organen, der Polizei und der Justiz, später diversen Bundesregierungen, auch der eigenen Partei, deren Anpassungen und machttaktischen Kompromissen er sich stets verweigerte.

Ströbele wäre ein schlechter Revolutionär geworden

Ströbele wäre ein schlechter Revolutionär geworden. Immer auf Linie zu sein, damit hätte der Mann sich nicht lange wohlgefühlt. „Na ja“, merkt er trocken an, „war ganz gut, dass das damals mit der Revolution nicht geklappt hat.“ Allein wenn er an den Furor denkt, mit dem die kommunistischen Kadergruppen mit treuem Blick auf Stalin das Glück der Menschen planten.

Statt Marx las er lieber Karl May, statt Krimis steht er auf Western. Und als vor 50 Jahren die von der Ermordung Benno Ohnesorgs politisierten Studenten die sexuelle Freizügigkeit ausprobierten, hat er sich für die Heirat entschieden. In Paris. Auch noch kirchlich! Schon damals besaß er eine Wohnung im bürgerlichen Zehlendorf, während seine linken Freunde von Enteignung schwadronierten.

Der junge Jurist war auch nicht nach West-Berlin gekommen, um der Einberufung zur Bundeswehr zu entgehen. Der 1939 in Halle geborene Ströbele erwies sich im Wehrdienst als guter Schütze – „ich habe einen Preis bekommen“. Seit damals ist er „Kanonier der Reserve“. Eine deutsche Nachkriegsgeschichte, in der über den Heranwachsenden noch die totgeschwiegene Nazi-Vergangenheit hing.

Dass sein Vater als Chef eines kriegswichtigen Betriebs zehntausende Zwangsarbeiter beschäftigte und damit Teil der Vernichtungsmaschinerie war, war kein Thema in der Familie. Auch später hat er nicht mit dem Vater darüber gesprochen – sie hatten „ein sehr distanziertes Verhältnis“. Dass der von ihm so bewunderte Professor an der Uni ebenfalls ein Nazi war, erfuhr Ströbele erst später.

Nach den Auschwitz-Prozessen hatte das Schweigen ein Ende

Dieser Vorhang der Verleugnung wurde wie bei vielen seiner Generation erst mit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen zerrissen. Ströbeles vehemente Ablehnung jeglicher Auslandskampfeinsätze der Bundeswehr ist auch das Echo eines kindlichen Traumas. In der Nachkriegszeit fand der Junge mit seinen Freunden eine Granate. Als er kurz ins Haus ging, explodierte der Blindgänger – die Freunde starben.

Die Kraft der Empörung, die sich aus den Erfahrungen einer belogenen Jugend speiste, hat ihn zum unbestechlichen Mahner werden lassen. Richtig politisch wurde der Referendar, der zuvor Springers stramm antikommunistische „Welt“ las, erst nach jenem Polizeieinsatz an der Deutschen Oper vor 50 Jahren. Voller Zorn meldete er sich beim linken Anwalt Horst Mahler. Im „Sozialistischen Anwaltskollektiv“ war er am Prozess gegen den Ohnesorg-Mörder Karl-Heinz Kurras beteiligt und verteidigte das Kommune-1-Mitglied Fritz Teufel. Zu Mahler, dem mittlerweile Rechtsradikalen, gibt es keinen Kontakt mehr – zuletzt traten sie sich gegenüber, als Ströbele gegen Nazis demonstrierte: Mahler stand auf der anderen Seite.

„Ohne Krücke“, verkündet Hans-Christian Ströbele gut gelaunt bei einem Treffen an der Karl-Marx-Straße in Neukölln zur Begrüßung. Vorsichtig setzt er seine Füße, es geht langsam voran. Das Fahrrad, sein Markenzeichen, das er selbst im Demonstrationsgewoge stoisch durchs Gedränge schob, ist Geschichte. Seine Frau Juliane geht neben ihm, sie achtet auf ihn. Man spürt die Vertrautheit an den Blicken und den kleinen Berührungen, mit denen sie ihn ein wenig leitet. Sein Jackett wirkt zu groß. Als sei der schlaksige Mann noch schmaler geworden.

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