Schule ist in Deutschland Pflicht - auch für Flüchtlingskinder. Doch in Berlin scheitert das bisweilen an der Bürokratie. Foto: picture alliance / dpa
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Flüchtlingskind auf Schulplatzsuche Fünf Monate warten auf den Schulanfang

Michel Penke
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Mohsen hat auf seiner Flucht alles verloren, die Mutter, den kleinen Bruder, seine Reisetasche. Nun will der 16-Jährige in Berlin zur Schule gehen. Doch die Behörden ließen ihn seit Ostern hängen.

Geh’ nach Berlin, haben sie zu ihm gesagt, als er in Deutschland ankam. Von seinem letzten Geld kaufte Mohsen einen Fahrschein, stieg in den Zug. Stundenlang fuhr er durch dieses Land, das ihm so fremd ist. Richtung jener großen Stadt, von der er nicht viel mehr wusste, als dass es dort besser sein soll. Und dass er seinem Traum ein Stück näher kommen kann: zur Schule zu gehen, Ingenieur zu werden. Mohsen hat sich geirrt.

Wenn er spricht, dann stockend. Den Blick gesenkt, so hat er das als Flüchtling gelernt. Als er zwölf Jahre alt war, hat er Afghanistan verlassen. Vier Jahre hat die Flucht gedauert. Im Dezember 2014 hielt dann sein Zug in einem riesigen Glaspalast, den sie Hauptbahnhof nennen. Das war im Dezember. Am Bahnsteig sprach er auf Persisch einen Jungen an, der ein wenig so aussah wie er. Der Junge antwortete, auch er war Afghane. Ob er einen Ort wisse, wo man hingehen könne, wenn man nicht weiter wisse?

„Ja“, sagte der Junge, „komm mit.“

Heute ist Mohsen 16 Jahre alt. Er sitzt etwas resigniert auf der Couch im Wohnzimmer. Türkises T-Shirt, Shorts mit Tarnflecken-Muster, das schwarze Haar fällt ihm ins Gesicht. Er lebt in einer WG, die ein Wohnheim für ihn und andere minderjährige Flüchtlinge eingerichtet hat. Die Wände sind hell gestrichen, durchbrochen von orangefarbenen Streifen. Die meiste Zeit ist das alles, was er von der Stadt seiner Träume sieht.

Deutsche Worte sind ihm immer noch fremd. Er hätte gerne mehr gelernt, aber er durfte nicht. Geh’ nach Berlin, hatten sie zum ihm gesagt. Dass er nach all den Strapazen ausgerechnet an der deutschen Bürokratie scheitern könnte, hatten sie ihm nicht gesagt.

In seiner WG erzählt Mohsen von der Flucht, von den acht Ländern, die er durchquert hat für seine Hoffnung, wieder zur Schule gehen zu können. Erzählt von den Dingen, die er auf der Flucht verloren hat: dem Vater, Pass und Reisetasche, der Mutter, dem kleinen Bruder und dem wichtigsten Zettel seines Lebens. Von der Fabrik im Iran. Und davon, dass er auch nach acht Monaten in Deutschland keinen Schulplatz bekommen hat. Dabei muss jedes Kind, ob Flüchtling oder hier geboren, eine Schule besuchen. Auch Mohsen. Auch wenn einzelne Politiker wie der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein gerade fordern, die Schulpflicht für Asylbewerber außer Kraft zu setzen. Mohsen hat seit den Osterferien keine Schule mehr besucht. Er muss, aber er kann nicht.

Als er hier ankam, sah es noch ganz gut aus. Zuerst kam er in ein Heim für unbegleitete Flüchtlinge in Lichterfelde. „Deutschland ist schön. Berlin ist gut“, sagt Mohsen, „kein Meer wie in Italien, aber trotzdem sehr gut.“ Nach fünf Wochen darf er in die Schule, eine Übergangslösung. Knapp zwei Monate besucht er das Hermann-Ehlers-Gymnasium. Er versteht nur wenig im Unterricht, Deutsch fällt ihm schwer. Die anderen 16 Flüchtlingsschüler haben ähnliche Probleme. „Ich war der einzige Afghane, die anderen waren meist Araber“, sagt Mohsen. „Doch die Lehrerin war sehr nett. Wir durften sie Julia nennen.“

In seiner Heimatstadt Ghazni 150 Kilometer südwestlich von Kabul ging er drei Jahre zum Unterricht. „Ich mochte die Schule. Aber es war alles kaputt“, sagt Mohsen. Mehr will er über diese Zeit nicht erzählen. Seinen Vater verlor er in den Nachkriegswirren. Wer ihn getötet hat, sagt die Mutter nicht. Vielleicht die Taliban, vielleicht auch jemand anderes. Die Familie beschloss, Afghanistan zu verlassen. Also brachen Mohsen, sein kleiner Bruder und ein Onkel auf – in Richtung Iran. Die nächsten vier Jahre saß er auf keiner Schulbank mehr.

Rund 5000 Flüchtlingskinder werden in Berlin in Willkommensklassen unterrichtet Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Stattdessen arbeitet er mit zwölf Jahren in einer Fabrik im Iran. Er näht Sweatshirts, Hemden und T-Shirts. Jeden Tag, stundenlang. Die Familie ist arm. Bald näht Mohsen wie eine Maschine. Pro Stunde schafft er ein komplettes Hemd.

April in Berlin. Die Osterferien sind vorbei. Jedes Flüchtlingskind darf nur drei Monate in der Erstaufnahmestelle in Lichterfelde bleiben. Auch Mohsen muss umziehen – und die Schule wechseln. Doch vom Schulamt gibt es keine Nachricht über einen neuen Schulplatz. Die Zuständigkeit ist nicht geklärt. Mohsen sitzt in dieser Zeit tagelang in seinem Zimmer und wartet. Hin und wieder geht er in ein Fitnessstudio in der Nähe. Donnerstags hat er auch immer etwas zu tun. Dann fährt er zu einer Schule in Kreuzberg. Dort darf er zwar nicht lernen, aber sich im Kellerraum hinter eine der grauen Maschinen setzen und nähen. 65 Euro kostet der Schneiderkurs. Kinder und Jugendliche sollen lernen, mit Garn, Stoff und Nadel umzugehen. Mohsen kann schon nähen. Eigentlich hat er nur das richtig gelernt. Er will trotzdem mitmachen. Die Gebühr kann Mohsen sich zwar nicht leisten, aber die T-Shirts und Hemden, die er herstellt, kann die Schule später verkaufen, also darf er bleiben. Im Mai erreicht dann den Sozialpädagogen, der Mohsen betreut, eine E-Mail. Darin schreibt der Sachbearbeiter Jens U., dass „die Zuweisungen über das bezirkliche Wohnortschulamt erfolgen“. Das bedeutet, der Bezirk Mitte ist zuständig für Mohsens Fall. Der Sachbearbeiter macht Mohsen aber wenig Hoffnung. Er schreibt von fehlenden Mitteln, beschwert sich, dass das Schulamt Mitte kein neues Personal erhalten habe: „Dies hat zur Folge, dass neue in diesem Zusammenhang auftretende Tätigkeiten von hier nicht geleistet werden können.“

Für Mohsen ist das eine Katastrophe. Die Zeit, in der er zur Schule gehen kann, wird immer kürzer. Mit 16 Jahren kann er nur wenige Schuljahre vorweisen, sein Deutsch ist schlecht. Und statt Vokabeln zu pauken, starrt er weiter aus dem Fenster seines Zimmers, fährt donnerstags zum Nähkurs.

Eigentlich ist das Amt gezwungen, Schulplätze zügig zu vermitteln. Maximal sechs Wochen dürfen bis zur Vergabe eines Platzes vergehen, heißt es aus der Senatsbildungsverwaltung. Zudem hat Deutschland sich mit der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet, allen Kindern den Zugang zu Bildungseinrichtungen zu ermöglichen. Weitere Mails von Mohsens Sozialpädagogen ignoriert der zuständige Sachbearbeiter U. aber.

Mohsens Wohnheim schaltet den SPD-Abgeordneten des Bezirks, Fevzi Gün, ein. Der trägt Mohsens Geschichte der Stadträtin für Jugend und Schule, Sabine Smentek, Anfang Juni vor und hakt auch in der Fraktionssitzung nach. Die Stadträtin informiert sich daraufhin bei Mohsens Heim und verspricht, noch vor den Sommerferien einen Schulplatz zuzuweisen. Die Monate vergehen.

Erst kurz vor Schulbeginn bekommt Mohsen den erlösenden Anruf, nach fünf Monaten. Ab Montag darf er ein Oberstufenzentrum in Mitte besuchen. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Dass er anders behandelt wird als andere, kennt Mohsen noch aus dem Iran. Dort gelten Afghanen nicht viel. Deswegen beschloss die Mutter damals, in die Türkei weiterzuziehen. Von dort wollten sie nach Europa. In ein Land, in dem Kinder nicht arbeiten müssen, in dem sie zur Schule gehen. „Aber nach drei Monaten hatten wir kein Geld mehr“, sagt Mohsen. Das bisschen, das übrig war, reichte nur noch für die Flucht eines Familienmitgliedes. Mohsen war da 15 Jahre alt. Der älteste Sohn, der mit der höchsten Erfolgschance – so dachten sie damals. Also bat die Mutter eine andere afghanische Familie, ihn mitzunehmen. Zum Abschied packte sie ihm eine Tasche mit einigen Habseligkeiten, Kleidung, einem Handy und einem Zettel. Dort hatte sie ihre Nummer notiert. Er sollte sie anrufen, wenn er drüben ist, wenn er sie nachholen kann. Es war das letzte Mal, dass er sie und seinen kleinen Bruder sah. In einem Lastwagen versteckt überquerte Mohsen mit der anderen Familie die türkisch-bulgarische Grenze. Von da an war er das, was man in Deutschland einen „unbegleiteten minderjährigen Flüchtling“ nennt. Er war auf sich gestellt.

10 321 Minderjährige kamen 2014 ohne Eltern nach Deutschland, 606 kamen nach Berlin. Damit liegt die Hauptstadt auf Platz vier hinter Frankfurt (1015), Hamburg (878) und Aachen (655). 2015 sind die Zahlen nach Einschätzung des Bundesverbandes Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtlinge geringfügig gestiegen. Für fast alle von ihnen besteht Schulpflicht. Sie werden meist in Willkommensklassen kurzfristig integriert. Rund 5000 Kinder und Jugendliche werden in Berlin ab Montag in insgesamt 431 Lerngruppen unterrichtet. Der Unterricht setzt nur wenig Sprachkenntnisse voraus.

Schulplätze gibt es eigentlich genug. Problematisch ist aber offenbar die Kommunikation zwischen den Ämtern. „Jeder Bezirk kocht sein eigenes Süppchen“, sagt Daniel Jasch, der als Sozialpädagoge vom Beratungs- und Betreuungszentrums für junge Flüchtlinge und Migrantinnen (BBZ) mit den Behörden kämpft. „Seit Jahren verstoßen Schulämter gegen das Schulgesetz – und das in allen Bezirken“, sagt Jasch. „Vor allem Schulen in der Nähe von Erstaufnahmeeinrichtungen drängen Flüchtlingskinder aus ihren Klassen, um Platz für Neuankömmlinge zu machen. Und das, obwohl sie die Kinder eigentlich beschulen müssten, bis ein neuer Schulplatz gefunden ist.“ Derzeit organisiert Jasch ein Netzwerk von Juristen, das Strafanzeigen gegen die Sachbearbeiter erstatten soll, um die Ämter unter Druck zu setzen.

Dass da ein Problem seit Jahren verschleppt wird, weist Schulstadträtin Smentek zurück. Sie habe von Engpässen erst im Mai erfahren. „Ich bin ja auch erst seit 2013 als Stadträtin im Amt. Das war bisher kein Thema“, sagt sie. Mohsen sei ein bedauerlicher Einzelfall, „diese unhaltbaren Zustände sind jetzt behoben, da wir die Kommunikation zwischen den einzelnen Stellen verbessert haben“.

Daniel Jasch vom BBZ hat allein im vergangenen Jahr 40 solcher „Einzelfälle“ bearbeitet. 2014 gab es allein im Zuständigkeitsbereich des Schulamts Mitte acht Flüchtlingskinder, die monatelang nicht vermittelt wurden. „Und das sind nur die, von denen ich weiß“, sagt Jasch. Derzeit betreut er vier weitere Fälle aus Mitte. Alle seit Mai dem Schulamt gemeldet. Ein weiterer Fall liegt der Behörde seit Juni vor. Wie viele Fälle es in Berlin gibt, weiß in der Senatsverwaltung niemand.

Mohsen will jetzt nicht aufgeben. Dafür hat er zu viel riskiert, zu viel verloren. Er erinnert sich an eine Nacht im Wald an der bulgarisch-türkischen Grenze. Die Tasche mit seinen Sachen trug er immer bei sich. Plötzlich hörte er das Knirschen von Reifen auf Schotter, das Dickicht wurde hell erleuchtet: Polizisten auf der Jagd nach illegalen Einwanderern. Mohsen lief so schnell er konnte. Doch die Tasche war schwer, sie schlug gegen seine Beine, brachte ihn zum Stolpern. Er riss sie sich von der Schulter, um entkommen zu können. „In der Tasche war mein Handy und der Zettel mit der Nummer von meiner Mutter“, sagt Mohsen. Es war die letzte Verbindung zu seiner Familie.

Trotzdem hat er es geschafft, er ist in Berlin, wo die Sommerferien gerade zu Ende gehen. Ein paar Tage vor Schulstart ist noch immer keine Nachricht bei Mohsen eingetroffen, ob er im kommenden Schuljahr unterrichtet wird. Am gestrigen Donnerstagnachmittag, nach fünf Monaten, erhalten Mohsen und sein Betreuer tatsächlich einen Anruf. Ab kommenden Montag darf er ein Oberstufenzentrum in Mitte besuchen.

Mohsen hat gelernt, das Beste aus seiner Situation zu machen. Er versteht nicht, wer schuld war und wer zuständig ist, er sagt nur: „Ich will Deutsch lernen, natürlich will ich das!“ Einen ersten Deutschkurs hat er bereits gemacht. Das Heim hat ihn bezahlt, auf eigene Kosten, weil die Sozialarbeiter nicht mehr mit ansehen wollten, wie Mohsen auf der Stelle tritt. Jede Woche übt er jetzt auch einen Nachmittag mit der FSJlerin des Wohnheims Vokabeln und Grammatik. Es wird der Schlüssel sein für sein neues Leben.

Sein altes Leben bewahrt er in einer Schublade in seinem Zimmer auf. Darin liegen zwei Fotos. Passbilder von seiner Mutter und seinem kleinen Bruder. Er sieht sie jetzt immer seltener an. Es tue weh. Hin und wieder ruft er einen Bekannten im Iran an, um zu fragen, ob er seine Mutter gesehen hat. „Ich denke, sie sind in den Iran zurückgegangen“, sagt Mohsen. Er muss es glauben. Wie sonst soll er sie finden?

In einer früheren Version dieses Textes war mit dessen Einverständnis ein Foto von Mohsen veröffentlicht worden. Auf Wunsch der Leitung des Heims, in dem Mohsen untergebracht ist, haben wir dieses Foto entfernt.

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