Robert Küfner erhielt seine ersten Bitcoins durch Mining. In Berlin hat er eine Beratungsfirma gegründet. Foto: Raphael Krämer
p

Boom der Kryptowährungen Berliner Bitcoin-Experten im Höhenrausch

93 Kommentare

Das Geschäft mit den Bitcoins könnte schlimm enden, hieß es schon vor acht Jahren. Doch Robert Küfner wollte mitspielen. Heute ist er 29 und Multimillionär.

Robert Küfner sagt: Wer in Bitcoin investiert, muss bereit sein, alles zu verlieren. Er selbst könne niemandem empfehlen, Erspartes in so ein hochspekulatives Produkt zu stecken. Robert Küfner sagt aber auch: Der Bitcoin war das Beste, was ihm überhaupt passieren konnte.

Ein Dezemberabend in Berlin-Prenzlauer Berg, oberes Ende der Schönhauser Allee. Die geräumige Wohnung gehört ihm nicht. Ein Angestellter seiner Firma lebt hier für ein paar Monate zur Zwischenmiete, Küfner wird nur zwei Mal übernachten, weil er doch gerade aus Tokio kommt und bald nach Griechenland weiter will. Einen festen Wohnsitz habe er seit Jahren nicht, so sei er flexibler. Bloß der Laptop auf dem Esstisch, der ist seiner.

„Wenn ich früher über meine Arbeit gesprochen habe, interessierte das keinen“, sagt Küfner. Doch seit der Bitcoin innerhalb eines Jahres von 1000 US-Dollar pro Einheit auf zwischenzeitlich 20.000  schoss und ständig in der „Tagesschau“ erwähnt wird, ist alles anders. Und Robert Küfner, 29 Jahre, ist Multimillionär.

Die einen halten den Bitcoin für die Währung der Zukunft. Die anderen für ein Spekulationsobjekt, mit dem bald sehr viele Menschen sehr viel Geld verlieren werden. Also sobald die Blase platzt. Robert Küfner ist sich nicht sicher, ob überhaupt eine Blase existiert: „Was hier passiert, wird auf jeden Fall bleiben. Ganz einfach, weil es Sinn ergibt.“ Eine virtuelle Währung, die man weltweit hin- und herschieben könne, von Person zu Person, anonym und ohne zwischengeschaltete Banken. Deren Kurs sich allein durch Angebot und Nachfrage regelt. Bei der Inflation ausgeschlossen ist, weil es schlicht keine Institutionen wie Notenbanken gibt, die außer der Reihe Geld nachdrucken könnten. „Was für eine geniale Idee.“

Robert Küfner ruft coinmarketcap.com auf, die Seite, die ihm im Internet vertraut ist wie keine andere. Sie listet den Kurs des Bitcoins, aber auch den aller übrigen Kryptowährungen auf, die in den vergangenen Jahren erschaffen wurden: Ripple, Ethereum, Cardano, Litecoin, Dash … Den Bildschirm seines Laptops hat Küfner auf Nachtmodus eingestellt, sonst brennen ihm die Augen. „Krypto ist das erste, an das ich morgens nach dem Aufwachen denke, und das letzte, bevor ich einschlafe.“ Und dazwischen? Mache er eigentlich nicht viel anderes. Küfner überlegt kurz. „Früher bin ich gern gewandert.“

Viele Gründer und Programmierer leben in Berlin

Berlin gilt als eines der Zentren der weltweiten Krypto-Szene. Küfner sagt: „Es ist die Hauptstadt schlechthin.“ Weil hier viele Programmierer leben, auch die Gründer von Währungen wie Etherium, Iota und Lisk. Weil jede Woche ein Dutzend Treffen stattfinden, in denen sich Interessierte austauschen können. Gesprochen wird meistens Englisch. Robert Küfner sagt Sätze wie „Das ist doch by far die größte Crypto-Currency“ oder „Das letzte Jahr war over-the-top-crazy“.

Von der Existenz des Bitcoins erfuhr er vor acht Jahren, in einem Artikel auf der Webseite des „Vice“-Magazins. Damals kostete eine Einheit 20 Cent. Ein Achtzigtausendstel des heutigen Werts. Im Artikel stand, die Sache mit den Bitcoins könne schlimm enden, vielleicht aber auch ganz groß werden, und Küfner dachte sich: Da will ich dabei sein.

Er ist in Remscheid bei Düsseldorf aufgewachsen, Bergisches Land. Nach der Schule wusste er nicht wohin, also schrieb er sich erstmal in Köln für Business Administration ein. Fleißig sei er nicht gewesen. Aber umso begeisterter, als es dann mit Krypto losging.

Diese Bitcoin-Münzen sind Souvenirs. Foto: AFP/Justin Tallis
p

Er hat nie einen einzigen Bitcoin gekauft. Denn es gibt noch eine zweite Möglichkeit, in dessen Besitz zu kommen. Alle Transaktionen, die jemals mit dieser Währung gemacht wurden, werden in einer riesigen, ständig wachsenden, für jeden einsehbaren Datenbank archiviert. Einer Kette aneinandergereihter Blocks, der sogenannten Blockchain. Alle zehn Minuten wird ihr ein weiteres Datenpaket hinzugefügt. Wer dieses in die Welt setzen darf, entscheidet sich durch eine komplizierte Rechenprozedur, die alle zehn Minuten von vorn beginnt – und die sämtliche Kandidaten durchführen müssen, die an der Blockchain mitarbeiten wollen. Dafür braucht es viele Computer, und dafür braucht es Strom. Wer die Prozedur als erstes abschließt und damit die für alle gültige Kette um ein weiteres Stück verlängern darf, erhält zur Belohnung einige Bitcoins.

Das Prinzip heißt „mining“, zu Deutsch „schürfen“. Genau dies hat Robert Küfner jahrelang getan. Er schmiss das Studium, stellte im feuchten Keller des Nachbarhauses seiner Eltern Rechner auf, ließ Kupferkabel verlegen, die „so dick waren wie mein Unterarm“. Wie viele Bitcoins er damals generierte, verrät er nicht. Nur dass er das Mining inzwischen aufgegeben hat. Denn zu den Eigenarten des Systems gehört auch, dass der Schürfprozess umso weniger einbringt, je mehr Menschen sich daran beteiligen. Inzwischen dominieren chinesische Unternehmer das Spiel, die regelrechte Mining-Fabriken errichtet und Zugriff auf billigen Strom haben. Küfner sagt: „Die gigantische Energieverschwendung ist einer der Gründe, die massiv gegen den Bitcoin sprechen.“ Außerdem ist das System sehr langsam, kann weltweit nur sieben Buchungen pro Sekunde verarbeiten. Als Zahlungsmittel im Alltag ist der Bitcoin ungeeignet. Wer will schon minutenlang an der Supermarktkasse warten, bis die Blockchain um einen weiteren Datensatz verlängert wurde?

In Kreuzberg hat Robert Küfner eine Firma gegründet. Sie heißt nakamo.to und hat 25 Mitarbeiter. Dort beraten sie Unternehmen, wie diese die Technologie der Blockchain künftig nutzen könnten. Denn das Prinzip, gemeinsam Datensätze zu erschaffen, die niemand manipulieren kann, eignet sich auch für andere Lebensbereiche. Würden etwa die Wegstrecken von Autos in einem öffentlich einsehbaren, sich laufend erweiternden Datensatz dokumentiert, könnte niemand mehr nachträglich Tachos zurücksetzen. Genauso ließen sich die Transportwege von Lebensmitteln und deren korrekte Kühlung überwachen. „Es ist wie vor 20 Jahren, als das Internet aufkam“, sagt Küfner. „Die neue Technik hat ein Potenzial, von dem wir das meiste noch gar nicht kennen.“

Die Suche nach seriösen Tipps

Je mehr Neueinsteiger sich für virtuelle Währungen interessieren, desto gefragter sind Experten – und solche, die sich dafür ausgeben. Sie schreiben Bücher, halten Vorträge, geben Tipps auf Youtube-Kanälen. Unbedingt Ripple abstoßen! Wo bekomme ich RaiBlocks her? Ganz heißer Tipp: CannabisCoin! Für Außenstehende ist schwer zu unterscheiden, wer vertrauenswürdig ist und wer Aufschneider.

Zu den Stars der Branche gehört der Österreicher Julian Hosp, 31, ein ehemaliger Profi-Kitesurfer. Im September hat er ein Buch veröffentlicht, das seinen Lesern „vollkommene Zufriedenheit, absolutes Glück und ultimativen Erfolg“ verspricht, unter anderem durch die richtige Körperhaltung und einen Kniff namens „Emotionsveränderungstechnik“. Am Freitag vor Weihnachten lädt er zum Expertengespräch ins Café Moskau an der Karl-Marx-Allee.  Es ist der Tag, an dem der Bitcoin nach wochenlangem steilen Anstieg um ein Drittel eingebrochen ist. Im Fernsehen heißt es, vielleicht platze nun die Blase. Julian Hosp steht vor seinen Zuhörern und sagt, er habe die Situation genutzt, um ordentlich preiswerte Bitcoins einzukaufen. Seine Jünger applaudieren ihm für so viel Mut.

Hosp bestreitet nicht, dass es eine Blase gibt. Aber er sagt, die befinde sich noch am Anfang, sei gerade im Entstehen. „Und dieser Hype ist etwas Gutes.“ Schließlich vollzögen sich in weniger beachteten Bereichen, etwa der Virtual Reality, die nötigen Innovationen langsamer, bemühten sich Start-ups oft vergebens um Geldquellen.

An diesem Abend sitzt auch Kool Savas im Publikum. Berliner Rap-Urgestein. Er sagt, er sei vor einem Vierteljahr ins Kryptogeschäft eingestiegen, es laufe erfreulich. Nur manchmal ärgere er sich, wenn er wieder ein paar Tausender in eine neue Währung investiert habe, deren Kurs dann partout nicht steigen wolle. „Aber da denke ich mir: Hätte, hätte, Blockchainkette.“

Julian Hosp sagt, natürlich werde es Einbrüche geben. Er nennt sie „Rücksetzer“. Vielleicht in sechs oder neun Monaten. Seien sie nur von kurzer Dauer, sei das kein Drama. Doch im Extremfall drohe ein jahrelanger „Kryptowinter“. Er glaubt, der Bitcoin werde „auf jeden Fall die 100 000er Marke knacken“. Andererseits werde der Bitcoin auch „auf jeden Fall auf 5000 zurückfallen“. Die Frage sei, welches der beiden Ereignisse zuerst eintrete.

Eine Krypto-Runde an der Universität von Seoul. Foto: Reuters/Kim Hong-Ji
p

Neben dem Bitcoin gibt es inzwischen mehr als 1300 andere Kryptowährungen. Sie heißen SnakeEyes, HalloweenCoin, Ambrosus. Sie klingen wie Ecstasy-Sorten aus den 1990ern. Und ständig kommen neue hinzu. Robert Küfner sagt, manche seien dem Bitcoin technisch weit überlegen. Seien schneller, verzichteten auf Mining und Energieverschwendung. Aber ob eine von ihnen den Bitcoin als wichtigste Kryptowährung ablösen wird? „In der Welt, in der ich lebe, zählt nur, wie viel Vertrauen in eine Idee gesteckt wird.“ Und welche Währung am Ende das meiste Vertrauen auf sich vereinen könne, entscheide eben der Markt.

Das beste Beispiel, um die Absurdität der Lage zu beschreiben, ist vielleicht die Geschichte des Australiers Jackson Parker. Der 26-Jährige wollte sich über die Hysterie in der Krypto-Welt lustig machen und erschuf aus Spaß seine eigene virtuelle Währung. Als Logo verwendete er die Zeichnung eines Hundes, die er sich aus dem Internet heruntergeladen hatte. Er gab seinem Geld auch einen Namen: „Dogecoin“. Zu Parkers Verwunderung lachte niemand in der Szene über seinen Witz. Stattdessen wurde wild investiert. Heute hat der Dogecoin eine Marktkapitalisierung von einer Milliarde US-Dollar.

Robert Küfner sagt, seine Familie in Remscheid sei jahrelang skeptisch gewesen ob seiner Leidenschaft. Oma Olga meldet sich heute noch, wenn sie einen Bericht über Bitcoins im Fernsehen gesehen hat, und warnt: „Junge, da musst du vorsichtig sein.“

Wer sein Passwort vergisst, hat Pech

Tatsächlich gibt es viele Wege, seine Bitcoins zu verlieren. Menschen haben ihre virtuellen Geldbörsen, in denen sie ihre Coins lagern, auf Smartphones gespeichert und dann das Gerät verloren. Oder die Passwörter vergessen. Oder wurden von Hackern beraubt. In einer Welt ohne Bankkonto gibt es auch niemanden, bei dem man sich im Ernstfall beschweren kann. Dazu kommt der Insiderhandel. Plus die vielen Falschinformationen und erlogenen Heldengeschichten, die Arglose zu riskanten Käufen locken. Robert Küfner sagt, es werde schamlos inszeniert. Wie schnell das gehen kann, hat er am eigenen Leib erfahren.

Im Oktober flog er mit Berliner Kollegen nach Florida, um dort einen Monat lang in einem Abrisshaus an neuen Projekten zu arbeiten. Sie kauften sich Holzplatten und bauten daraus Schreibtische, sie stellten Hochbetten auf, weil sie 15 Leute waren, die Wohnung aber nur drei Betten hatte.

Dann kam eine Fotografin, für eine große Geschichte über Berliner Krypto-Gewinner im „Manager Magazin“, Küfner fühlte sich geehrt. Sie gruppierten sich mit ihren Laptops am Beckenrand eines fremden Swimmingpools, „das für sich war bereits eine sehr blöde Idee“, sagt Küfner. „Wer traut sich schon mit seinen Geräten so nah ans Wasser?“ In der Mitte des Pools schwammen außerdem aufgeblasene Plastikeinhörner, darauf räkelten sich zwei blonde Frauen im Bikini. „Das waren meine Schwester und meine Freundin.“

Die Inszenierung kam ihm komisch vor, also bat er darum, doch lieber Fotos im Büro an den Schreibtischen zu schießen. Die wurden dann auch gemacht, aber nicht gedruckt. Küfner sagt, er und seine Freunde seien wie ahnungslose Neureiche rübergekommen. In Wahrheit protze keiner, den er kenne. Er selbst fahre jetzt mehr Taxi. Ein Kumpel ist von Discounter-Pils auf Veltins umgestiegen.

Als Erfinder des Bitcoins gilt ein Mann namens Satoshi Nakamoto, aber das ist wohl ein Pseudonym. Über die wahre Identität wird wild spekuliert. In Verdacht gerieten schon ein kalifornischer Mathematiker, ein finnischer Soziologe und der Tesla-Chef Elon Musk. Alle stritten ab. Der einzige, der je selbst behauptet hat, Satoshi Nakamoto zu sein, ist ein australischer Unternehmer. Der wird in der Szene als Hochstapler verspottet.

Robert Küfner vermutet, es handle sich eher um eine Gruppe von Menschen. Ein Kollektiv, womöglich aus dem intellektuellen linken Untergrund mit libertär-anarchistischem Gedankengut. „Ich glaube, dass sie gute Absichten hatten, geprägt vom Schmerz der Weltwirtschaftskrise 2008.“ Doch vielleicht sei das Ganze auch bloß ein entglittenes abstraktes Kunstwerk. Tüftler fanden heraus, dass „Satoshi Nakamoto“ ein Anagramm für „So a man took a shit“ ist.

Wenn Robert Küfner gefragt wird, was in seiner Bitcoin-Karriere schief gelaufen ist, welchen Fehler er im Nachhinein gern vermieden hätte, dann sagt er: „Am besten wäre gewesen, wenn ich mich 2013 zur Ruhe gesetzt und mein Depot nicht mehr angefasst hätte.“ Am meisten ärgert er sich darüber, dass er zwischendurch, als der Bitcoin noch viel weniger wert war, tatsächlich welche ausgegeben hat. Zum Beispiel in der Bar „Room 77“ in der Kreuzberger Graefestraße, dort kann man seine Getränke und Burger mit Kryptogeld bezahlen. „Es gab Besuche, bei denen wir für ein paar Bier mehrere Bitcoins dagelassen haben.“ Er erinnert sich an einen Abend mit rotem Rollberg vom Fass. Retrospektiv, sagt Küfner, könnte man allein von dem Trinkgeld eine schicke Kreuzfahrt machen.

Zur Startseite