Judith Holofernes in Kreuzberg. Foto: Daniel Hoferp

Doktor Körners gesammeltes Schweigen Judith Holofernes' Hände flattern wie Möwen

Torsten Körner
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Was erfährt man über einen Menschen, wenn man nicht mit ihm spricht? Unser Autor war mit Judith Holofernes schweigend im Görlitzer Park spazieren.

Wir schalten auf stumm und betreten den Görlitzer Park. Judith - ich sag im Geiste einfach mal „Du“ zu ihr - steckt noch im grauen Wintermantel. Ihr fällt es offenbar leicht, die Stimme schlafen zu legen. Der totgesagte Park liefert sofort die ortsüblichen Impressionen: Polizisten dealen, Dealer filzen, Hunde führen ihre Menschen Gassi. Hat ihr Schweigen etwas Halluzinogenes? Auf jeden Fall ist sie auch wortlos bindungsfähig. Sie sagt „Wir“ durch Bewegung. In ihrem Schlepptau geht's an die Rückseite des Spreewaldbads.

Sie zeigt durch die Scheibe, Schwimmer hinter Glas, ein Stummfilm. Mit Judith durch den Park segeln, vier Ohren am Wind, vier Augen im Krähennest. Wir sind jetzt ein Zweimaster auf dem Mare Silentium. Sie will zeigen, die Hände flattern dahin und dorthin wie Möwen, die das Schiff umkreisen. Tiere, das ist leicht zu sehen, haben es ihr angetan. Jeden Hund bedenkt sie mit einem freundlichen Blick, sie winkt mir mit den Augen, sieh hin, schau auf das Hopsen und Springen. Aber auch die Hunde sind heute bellfaul, sie trippeln in Zeitlupe durchs Bild. Einer wird getragen. Enthusiasmus sieht anders aus. Der Zweimaster nimmt Platz auf einer Bank hinterm Kinderbauernhof. Ein Hahn markiert flügelschlagend den Boss, das Kikeriki entfällt. Ist sie eine Plaudertasche?

Sie nimmt die Wollmütze ab, streicht die Haare hinters Ohr. Summt sie?

Wir sitzen da wie ein ungeschriebener Roman, so möglichkeitsoffen. Kein Tat- und Aktionszwang, vielleicht hebt uns die Welt aus den Angeln, vielleicht heben wir einen, vielleicht segeln wir bis ans Ende... Ihr Schweigen klingt nach Pippi Langstrumpf, klingt endgereimt, klingt wie eine friedensverliebte Konferenz der Tiere. Etwas Friedvolles muss von Judith ausgehen. Ein Mann auf dem Fahrrad winkt ihr zu, ein Paar bedenkt sie mit einem Lächeln warm wie eine Heizsonne. Vielleicht ist sie ein Seelennotrettungskreuzer? Sie nimmt die Wollmütze ab, streicht die Haare hinters Ohr, legt die Hände in den Schoß. Summt sie?

Judith ist eine gute Resonanzpartnerin. Sie steht auf, es klingt aber so, als ob wir im selben Augenblick aufstehen, zusammen. Sie hat eine Begabung, Augenblicke zu dehnen. Wieviel Zeit ist verstrichen? Sie wirkt nicht gehetzt, dabei hat sie gerade ein neues Album rausgebracht, geht auf Tour, muss gleich zum Radio. Wir verlassen den Park, holen die Segel ein, hissen die Stimmen. Ist nicht alles gesagt?

Judith Holofernes, geboren in Berlin, wurde bekannt als Sängerin von »Wir sind Helden«. Ihr Solo-Album »Ich bin das Chaos« ist soeben erschienen. Ihr Schweigebegleiter Dr. Torsten Körner, geboren 1965 in Oldenburg, ist Journalist und Schriftsteller. Für diese Kolumne führt er Interviews ohne Worte.

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